Zum Inhalt springen

Wer braucht eigentlich Büros?

Eines sonnigen Morgens laufe ich durch Frankfurt. Mir begegnen eine Menge Leute, die auf dem Weg ins Büro sind. Innerlich feiere ich mal wieder, dass ich da nicht hin muss. (Ich bin auf dem Weg zum Zug und werde von dort aus arbeiten.) Plötzlich wird mir klar, wie sehr ich Büros hasse. Nicht nur Großraumbüros, sondern ALLE Büros. Dafür gibt es fünf Gründe:

1. Bonjour, Tristesse

Die meisten Büros sind eine Beleidigung fürs Auge: Die Wände sind weiß oder beige, die Möbel je nach Herstellungsjahr und Branche braun (Holzimitat, alteingesessene Behörde), different shades of grey („moderner Mittelständler“) oder weiß (Start-up, IKEA).

Dazu ein Fußbodenbelag in Grau, Beige, Ochsenblut – oder mit einem abartigen Muster, Modell Sparkasse. Natürlich darf auch der halbtote Gummibaum in der Ecke nicht fehlen. In diesem Hort des Stumpfsinns sollen die Mitarbeiter*innen dann Höchstleistungen erbringen. Oder gar kreativ werden.

Andererseits tun gerade Unternehmen, die Kreative anziehen wollen, viel dafür, dass ihr Büro nicht langweilig wirkt. Das hat zur Folge, dass moderne Bürolandschaften eher aussehen wie Wohnzimmer oder Cafés. Schick. Aber warum dann nicht gleich im Wohnzimmer oder Café arbeiten?

Und natürlich ist klar, dass die wunderschön designten Start-up-Büros mit allen erdenklichen Annehmlichkeiten vor allem dazu dienen, die Mitarbeiter*innen möglichst lange im Büro zu halten. Die sollen gar nicht mehr nach Hause wollen.

Warum auch, wenn ihre Wohnung nur noch ein schmuckloses Mikroapartment von 25 m2 ist, quasi ein als Zuhause getarntes Hotelzimmer? Dort kann man sicher gut übernachten, das Sozialleben muss dann leider in der Kneipe stattfinden – oder eben im Büro.

2. Büro ist Knast

Ich kann gar nicht zählen, wie oft ich mich in den letzten vier Jahren meiner Selbstständigkeit gefragt habe, wie ich es überhaupt jemals ausgehalten habe, acht Stunden oder mehr irgendwo eingesperrt zu sein. Zum einen mental und von meinem Freiheitsdrang her: Ich kann es mittlerweile nicht mehr tolerieren, dass jemand anderes sozusagen das Aufenthaltsbestimmungsrecht über mich hat, wenn auch nur für die Dauer der Arbeitszeit. (Was heißt „nur“, mindestens ein Drittel des Tages ist weg.)

Zum anderen aber auch aus ganz praktischen Gründen. Arzttermine, Muttern helfen, einkaufen, mal was kochen oder backen, überhaupt der Haushalt, sich um zwei Gärten kümmern, ab und zu den Pflegehund nehmen, Handwerker*innen empfangen, Pakete von der Post abholen – wann hab ich das alles gemacht, als ich festangestellt war?? Zum großen Teil gar nicht, weil ich abends nur noch erschöpft aufs Sofa gefallen bin. Aber ich hätte es einfach nicht hinbekommen, obwohl ich sogar einigermaßen flexibel war in meiner Zeiteinteilung.

Vor einiger Zeit hatte ich mich mal von zwei Agenturen überreden lassen, vor Ort, also in deren Büros, zu arbeiten. Nie wieder. Abgesehen von allen Nachteilen des Großraumbüros – ich habe mich wirklich meiner Freiheit beraubt gefühlt.

3. Ein Hoch auf die Monotonie

Ununterbrochenes Sitzen ist extrem ungesund – auch das spricht gegen die meisten Büros. Diese Bewegungsarmut ist einfach krass. Mittlerweile arbeite ich zuhause so, wie eine Katze ihren Tag verbringt: Ich suche mir immer wieder einen neuen Platz. Ich setz mich mal an den Tisch, mal fläze ich auf dem Sofa. (Ich war ja total begeistert, als ich im Büro von Wigwam jemanden tatsächlich auf dem Sofa arbeiten sehen habe. 🙂 ) Mal stehe ich, laufe herum oder gehe im Park nebenan spazieren, z. B. beim Telefonieren oder Nachdenken. Die besten Ideen kommen mir sowieso beim Gehen.

In Cafés ist es mir meistens zu laut. Bei schönem Wetter setze ich mich gern auf die Terrasse oder ins Waldhäuschen. Was für ein Luxus, nicht im stickigen Büro hocken zu müssen! Auch im Zug kann ich mich gut konzentrieren.

Wenn ich mich mit jemandem verabrede, dann meistens irgendwo draußen. Klar, man kann Interviews auch in einem kahlen Konfi führen – aber warum? Eigentlich arbeite ich überall lieber als am Schreibtisch. Der Schreibtisch hat sowas von: Jetzt wird es ernst. Er erinnert mich an die Schule, an *ähem* Buchhaltung, an Deadlines.

4. Büros sind Machtsymbole

Das weiß ich daher, dass kein Vorstand sich jemals bequemt hat, mich in meinem Büro aufzusuchen. Es hieß immer: „Kommen Sie mal bitte in MEIN Büro“ – ein Satz, der für die meisten Angestellten keinen besonders wohltuenden Klang hat. 😛

Wobei, stimmt nicht ganz: Am Anfang, wahrscheinlich bevor die Oberhäuptlinge so richtig den Schnall raushatten, wie das funktioniert mit der Macht (Gibt’s da eigentlich ein Handbuch?), hat sich ab und zu mal einer von ihnen bei mir blicken lassen.

Umgekehrt hab ich natürlich auch Leute in mein Büro geordert, weil Heimvorteil, ganz klar. 😉 Wer noch irgendeinen Zweifel daran hat, dass Büros Machtsymbole sind, braucht sich nur mal die Wall Street anschauen.

5. Büros werden überflüssig

Dieser Gedanke ist mir neulich gekommen und meine befreundeten Architekt*innen werden mich jetzt steinigen wollen – aber wozu brauchen wir Büros? Immer wenn ich sehe, dass irgendwo ein neuer Glaspalast mit Büros hochgezogen wird, frage ich mich: Wer will denn da arbeiten? Was macht das denn attraktiv? Wenn das freiwillig wäre, würden Leute da tatsächlich jeden Morgen reingehen?

Es gab mal ein Unternehmen, das hat ein neues Großraumbüro gebaut und dort das Rotationsprinzip eingeführt – es gab also keine festen Schreibtische mehr. Es gibt viele Gründe, das Rotationsprinzip zu hassen: Die Leute müssen ihr Zeug hin- und hertragen, können sich nirgendwo häuslich einrichten, die Technik spielt oft nicht mit und man weiß nie, wo die Kolleg*innnen sitzen und ob sie überhaupt da sind. Außerdem wird ein völlig unnötiger täglicher Wettbewerb um die besten Plätze künstlich installiert.

Aber jetzt kommt’s: Parallel zum neuen Großraumbüro mit Rotationsprinzip hatte das Unternehmen auch noch Homeoffice für alle freigegeben. Das Ergebnis: Niemand kam mehr ins Büro. Zu Recht! 😛

Am Anfang meines Berufslebens habe ich eigentlich alles außer Bürojobs gemacht, aber dann bin ich da irgendwie reingeraten. Und je mehr man aufsteigt, desto mehr Zeit verbringt man im Büro. Bis die Kurve dann wieder runtergeht durch Homeoffice und freie Zeiteinteilung.

Ich empfinde es als Privileg, nicht mehr täglich ins Büro fahren zu müssen und es vergeht kein Tag, an dem ich das nicht zu schätzen weiß. Vielleicht ist mein Bürohass auch nur das fortgeschrittene Stadium meiner Business-Allergie, wer weiß. Wo soll das nur hinführen … 🙂

Bitte folgen Sie mir unauffällig!

Auf Twitter und Facebook.

2 Kommentare

  1. Liebe Lydia,

    bin gerade über den Remote Work Guide von Zapier gestolpert und die Fotos von ihren Büros haben mich wieder an Deinen Artikel erinnert. > https://zapier.com/learn/remote-work/

    Natürlich lässt sich Arbeit auch ganz anders organisieren, nur oft genug geht es um Präsenz zeigen und Kontrolle. Oder alle sind so konfus, dass sie es nicht schaffen, die Aufgaben so abzugrenzen und zu planen, dass ergebnisorientiertes Arbeiten möglich ist. Da kommt das Büro gelegen.

    Lieben Gruß aus dem Chiemgauer Homeoffice!
    Mira

  2. Komisch, ich mochte „mein“ Büro mit dem Rotationsprinzip ganz gerne. Das war allerdings nur innerhalb einer einzigen Abteilung mit Schichtbetrieb, und die Mitarbeiter_innen organisierten sich untereinander sehr geschickt. Ich habe jeden Morgen mein „Gehirn“ (zwei Ordner mit den nötigsten Infos auf Papier) aus dem Schrank geholt und habe mir einen Schreibtisch gesucht. Alles andere war im Computer gespeichert. Home-Office würde ich nicht mögen, mein Job ist so, dass ich die Arbeit nicht in der Wohnung haben möchte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.