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Privilegien checken

Neulich sah ich eine Sendung über Menschen, die zum ersten mal in ihrem Leben im Ausland Urlaub machen. Die waren über 40, sind noch nie geflogen und wussten nicht, wie man im Hotelzimmer das Licht ankriegt. Als Ex-Fernsehtante weiß ich natürlich, dass vieles fake ist, aber trotzdem hat mich das nachdenklich gemacht.

Ich bin ja im Ausland aufgewachsen, wir sind viel gereist (ging ja nur in eine Richtung, aber egal). Fliegen war für mich wie Busfahren, Hotels waren Zuhause. Alter Schwede, sagte ich zu mir selbst, gotta check my privilege! Again.

Dann kam die vom Freitag ins Leben gerufene Twitter-Debatte #unten und wieder kam das Thema bei mir hoch: Ich bin auf vielen Ebenen privilegiert.

Vorrechte

Privilegien sind Vorrechte, die einer bestimmten Person oder Personengruppe zugestanden werden. Als Bewohnerin des reichen Westens genieße ich sowieso schon mal einen Haufen Privilegien: Frieden, Demokratie, Freiheit, Bildung, ein Gesundheitssystem, Reisefreiheit – alles, was man zum Leben braucht und viel mehr.

EDIT: Als unglaubliches Privileg empfinde ich es auch, selbstständig und Herrin über meine Zeit zu sein. Und natürlich, in Jogginghose und Pantoffeln im Homeoffice arbeiten zu können.

Ich bin dankbar, dass ich als Frau hier an meinem MacBook sitzen, mir über die Welt Gedanken machen und bloggen kann, statt für meine Großfamilie kochen, waschen und putzen zu müssen. Oder unterdrückt und misshandelt zu werden.

Gesundheit

Ich bin einigermaßen gesund und kann dadurch uneingeschränkt am Leben teilhaben – ein unglaubliches Privileg, dessen Zerbrechlichkeit vielen Menschen überhaupt nicht bewusst ist.

Richard von Weizsäcker brachte es auf den Punkt:

Nicht behindert zu sein ist wahrlich kein Verdienst, sondern ein Geschenk, das jedem von uns jederzeit genommen werden kann.

Die Familie als Basis

Ich komme aus einer – OK, all families are dysfunctional, wie eine befreundete Psychotherapeutin immer sagt. Aber meine Eltern haben das getan, was ihnen möglich war. Vor allem haben sie mir unglaublich viel beigebracht.

Ein großer Teil meiner Allgemeinbildung stammt von meinen Eltern – und nicht etwa aus der Schule. Bei uns standen immer Bücher herum. Meine Eltern lasen mir, bis ich selbst lesen konnte, jeden (JEDEN!) Abend eine Geschichte vor. Oder zwei. Oder drei. Als Kind verbrachte ich Stunden damit, die Bildbände meiner Eltern durchzublättern.

In der Kinderbibiliothek war ich Stammkundin und habe jede Woche einen Stapel Bücher verschlungen. Wir hatten extrem hochwertige Kinderbücher im Osten, thematisch, sprachlich und künstlerisch – kein Vergleich mit dem Schrott, der Kindern heute zugemutet wird. Stichwort: Conni. Oder nach Geschlecht vermarktete Bücher (Rosa Pferdebücher für Mädchen, Hellblaue Piratenromane für Jungen), WTF?

Heute weiß man aus der Forschung, dass Kinder, die von klein auf mit Geschichten in Berührung kamen, bessere Noten in der Schule haben.

Für mich war all das normal. Dass es Lebensrealitäten gibt, die nicht nur jenseits meiner Erfahrungswelt, sondern auch jenseits meiner Vorstellungskraft liegen, habe ich erst durch Filme gelernt. Dokumentarfilme.

Die totale Vernachlässigung

Auf der Transmediale in Berlin sah ich im Vorbeigehen, dass auf einem kleinen Bildschirm ein Video über ein US-amerikanisches Armenviertel lief. Ich blieb wie angewurzelt stehen: Die beiden vielleicht 2- und 3-jährigen Kinder auf dem Bildschirm spielten gerade mit Spritzen. Und später mit einer Pistole. Was halt so da war zuhause.

Dass es Erwachsene gibt, die Kleinkinder völlig sich selbst überlassen (da sie selbst zugedröhnt in der Ecke liegen oder damit beschäftigt sind, Drogen zu besorgen), war mir vielleicht theoretisch klar.

Aber ich hatte mir nie vorstellen können, was das wirklich bedeutet. Welche Chancen haben diese Kinder, jemals ein halbwegs normales Leben zu führen? Na, Ihr neoliberalen Pupser? „Jeder ist seines Glückes Schmied“ – really?

Zirkus is nich

Eine andere Doku, die mich aufgerüttelt hat, heißt „Zirkus is nich“ – der Titel fasst das Leben des 8-jährigen Dominik ganz gut zusammen. Sie hat mich komplett erschüttert.

Vielleicht, weil der kleine Protagonist in meiner ersten Muttersprache (Berliner Dialekt) spricht. Vielleicht, weil Hellersdorf die Endstation meiner Straßenbahn ist, bis zu der ich noch nie gefahren bin. Vielleicht, weil es weh tut zu sehen, wie ein Achtjähriger die Vaterrolle für seine jüngeren Geschwister übernimmt: Mit der kleinen Schwester zum Arzt geht und sie dabei anmotzt, wie er wohl von den Erwachsenen angemotzt wird. (Die meisten Kids in diesen Ecken Berlins heißen „Frollein“ und „Freundchen“.)

Die schlimmste Szene war, als Dominik spätabends zu seiner Mutter ins Wohnzimmer kommt und verkündet: „DIE KINDER schlafen jetzt.“ Er sah sich gar nicht mehr als Kind. Mit acht.

Der Junge müsste jetzt 19 Jahre alt sein. Ich habe die Regisseurin angeschrieben, ob sie weiß, wie es ihm heute geht – mal schauen, ob sie antwortet. (Werde hier updaten.) Ich nehme aber mal an, er wird nicht in London, New York oder Tokio Creative Writing studieren.

Armut, Mangel an Zuwendung und deren psychische und physische Folgen, fehlende Bildung – all das ist schlimm genug. Aber Kids aus nicht privilegierten Familien fehlen drei weitere Privilegien: finanzielle Sorglosigkeit, der Stallgeruch der Elite und das Netzwerk der Eltern. Und das trifft auch auf mich zu.

Gut gepolstert durchs Leben

Ich hab mich immer selbst finanziert. Da bin ich stolz drauf. Meine Eltern konnten nicht wirklich etwas abgeben (Vermögen, Gehälter bzw. Renten wurden ja zweimal halbiert: durch D-Mark und Euro) und ich wollte das auch nicht. In diesem Punkt war ich, wie so viele Ostler*innen, wahrlich nicht privilegiert.

Noch heute zucke ich zusammen, wenn ich höre, dass der Papa einer Studentin selbstverständlich eine Eigentumswohnung gekauft hat oder die Ausbildung mit einem ordentlichen monatlichen Batzen Geld finanziert. Oder hier, haste ein Auto. War übrig. Urlaub wird kostenlos in der familieneigenen Villa am Gardasee gemacht. Und Probleme klärt der Onkel, der Anwalt ist. Andere Leute müssen für alles zahlen.

Ich bin nicht neidisch, gönnt Euch. Ich weiß zwar, dass es dem Charakter wohltut, wenn man nicht auf einem fluffigen Finanzpolster durchs Leben getragen wird – aber erst mal erleichtert es natürlich vieles.

„Eine von uns?“

Was ich auch nicht habe, ist der Stallgeruch der Elite. Ich bin zwar Diplomatenkind, aber nur Ost-Diplomatenkind. Mein Vater war Arbeiterkind – sein Vater war Bäcker, die Mutter Filmvorführerin. Es fehlt mir an Bürgerlichkeit.

Das merke ich, wenn ich mal in sogenannten gehobenen Kreisen unterwegs bin. Als Berlinerin bin ich ja sowieso schon mit einer großen Klappe geschlagen 😛 , aber mir fehlen auch diese smoothen Umgangsformen. Und die subtilen Signale der Oberschicht. Mal ein Ovid-Zitat in die Konversation einflechten. Mal das Internat erwähnen, auf dem man gewesen ist. Name-dropping von berühmten Verwandten.

Ohne diesen Stallgeruch ist es schwer, in bestimmte Kreise vorzustoßen. Oder wie neulich ein Arbeiterkind aus den USA im Netz schrieb: „Ich werde nie Restaurantkritikerin bei der Times werden, egal wie hart ich arbeite.“ Weil das ein geschlossener Zirkel ist.

Obwohl man mir sagt, dass ich ganz gut schreiben kann, wäre es mir z. B. nie in den Sinn gekommen, mal bei der ZEIT anzufragen. Das erschien mir zu weit weg, diese ganzen bildungsbürgerlichen Typen. Ich hab ja gesehen, was die so schreiben. Insofern ist es wirklich ein ultrakrasses Ding, dass ich jetzt Autorin für ZEIT ONLINE bin. 😀

Noch einfacher ist es natürlich, wenn man in die Fußstapfen der Eltern treten kann.

„Ich kenn da wen“

Bei der letzten Berlinale sah ich den Film „Generation Wealth“ der von mir hochgeschätzten Fotografin und Filmemacherin, Lauren Greenfield. Der Film ist der Hammer, schaut ihn Euch an.

Und wenn Ihr ihn Euch anschaut, achtet mal darauf, wie sehr der Film, ja die ganze Karriere der Künstlerin, ein Beweis ihres eigenen Privilegs ist:

Sie hat in Harvard studiert – der Alma mater ihrer Mutter. Mutter Greenfield war eine bekannte Psychologin und erforschte 35 Jahre lang die Kultur der Mayas in Mexiko. Tochter Greenfield entwickelte dadurch Interesse für ihr eigenes Volk: die US-Amerikaner.

Sie selbst erzählt im Film, wie eins das andere ergab: Hier ein Stipendium vom National Geographic, da ein Auftritt beim Filmfestival, dessen Direktor ihr Bruder eine Zeitlang war. Ich will keinesfalls die Leistung der Künstlerin schmälern – ich bin ein Riesenfan. Aber sie hatte es leichter als viele anderen.

Ihre Söhne, die auch im Film auftauchen, machen einen schlauen Eindruck – sie werden sicher auch nach Harvard gehen. Diese Kids werden frühzeitig auf eine Schiene gesetzt und brauchen dann nur noch zu rollen. Das ist auch ein Grund, warum es in den medizinischen Fakultäten von Arztkindern nur so wimmelt. Und natürlich sind diese Menschen später genauso überzeugt, sich ihren Erfolg selbst erarbeitet zu haben.

„Geh du vor, du bist Deutsche“

Aber zurück zu meinen Privilegien: Ich bin Eingeborene, also keine Migrantin. Das heißt laut Definition nichts weiter, als dass meine Eltern beide in Deutschland geboren wurden (was nicht mal stimmt, mein Vater wurde auf der Flucht geboren). Außerdem bin ich weiß. Und groß und blond.

Wenn Ihr glaubt, das sei kein Privileg, dann hängt Ihr zu selten mit Ausländern ab. 😛 Von denen höre ich nämlich immer wieder mal: „Geh du vor und klär das, du bist groß und blond.“ (Statt klein und dunkel.) Und halt „deutsch“.

Das erinnert mich daran, wie meine Mutter früher meinen Vater vorgeschickt hat. Weil er halt ein Mann war. Und als solcher automatisch einen höheren Status hatte, mehr respektiert wurde und ihm eher geglaubt wurde. (Zum Thema, warum ich als Frau im Job unterprivilegiert bin, habe ich in Working while female geschrieben.)

Besser als dieser Comic kann man kaum erklären, wie Privilegien funktionieren.

Jenseits von Schuld

Privilegierte Menschen plagen mitunter Schuldgefühle. Oder sie fühlen sich angegriffen, wollen sich rechtfertigen und verteidigen. Neiddebatte! Darum geht es aber gar nicht. Und natürlich haben privilegierte Menschen auch Probleme und Hindernisse. Im Detail wird das hier erklärt.

Das Wesen von Privilegien ist ja, dass sie einem quasi unverdient zuteil werden. Demnach macht man sich auch nicht schuldig, sie zu besitzen. Man macht sich nur schuldig, wenn man sich ihrer bewusst ist und dann nicht entsprechend handelt.

Es kann natürlich schmerzhaft sein, wenn man seine Privilegien verliert. Von Laurie Penny stammt der berühmte Satz:

Wenn man Privilegien gewöhnt ist, empfindet man Gleichberechtigung als Benachteiligung.

Handeln

Jetzt kommt natürlich die Frage auf: Was mache ich mit diesem Wissen um meine eigenen Privilegien und die von anderen? Was mache ich mit dem Wissen, dass es Menschen gibt, die viele dieser Privilegien nicht haben?

Zunächst mal, sich in Demut üben. Sich bewusst werden, welche Chancen man hat, die andere nicht haben.

Weniger Privilegierte akzeptieren. Das fängt bei einer sensibleren Sprache an – ich hoffe, da kommen wir langsam als Gesellschaft voran, dass man Menschen nicht für etwas beschimpft, wofür sie nichts können. Oder sie mit Namen bedenkt, die sie ablehnen.

Wo immer du die Chance hast, fördere talentierte Unterprivilegierte – im Job, im Ehrenamt.

Wähle Parteien, die für Chancengleichheit kämpfen und bei sich selbst zuerst anfangen (und nicht nur davon reden).

Und wenn du die Gelegenheit hast, nimm ein Kind, das es sich nicht leisten kann, mit in den Zirkus.

PS: Wenn du dein Privileg checken möchtest, gibt es hier eine (US-amerikanische) Checkliste.

Bitte folgen Sie mir unauffällig!

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2 Kommentare

  1. Ich find das so toll, wie und was du schreibst und apropos: Jetzt können wir bald wieder die „Weihnachtsgans Auguste“ hören:-)

  2. Merci für die vielen tollen Links und die persönliche Darstellung des Themas!

    Ich möchte an dieser Stelle mal wieder eine Lanze für mein Steckenpferd brechen, ich kann einfach nicht anders: Ich glaube nach wie vor, dass Einführung des demokratischen Losverfahren das allerbeste (und einzig wirklich funktionierende) „gesellschaftliche Heilmittel“ gegen private Privilegiertheit ist: Bewusste Einführung politischer Gleichmächtigkeit, unabhängig von persönlicher Herkunft und gesellschaftlichem Status. Wenn wir also deliberative demokratische Gremien zu den zentralen politischen Instanzen unserer Gesellschaft machen.

    Dass das sehr gut funktionieren kann, hat das antike Athen gezeigt, wo so ein System knappe 150 Jahre überlebt hat, und das durch sehr viele gesellschaftliche Krisen hindurch: Private Unterschiede blieben in Kraft (anders als – zumindest dem erklärten Ziel nach – im Kommunismus), aber die vorhandenen, unangetasteten privaten Privilegien wurden eben ERGÄNZT durch demokratische Gleichheit im Politischen: https://wyriwif.wordpress.com/2018/10/31/demokratie-gleiche-staatsaemter-fuer-alle/

    – Wir machen dagegen derzeit Folgendes: Wer privat mehr Macht hat, hat ZUSÄTZLICH auch politisch mehr Macht in unserer Gesellschaft. Und wer politisch mehr Macht hat, gewinnt auch an privaten Privilegien. „Doppelte Feedbackschleife“ nennt das der Evolutionsbiologe Bret Weinstein und warnt davor, dass Systeme mit solchen doppelten Feedbackschleifen in der Natur IMMER instabil seien: https://www.youtube.com/watch?v=SjNRtrZjkfE

    Mittlerweile sind geloste, demokratische Gremien in der Politik die einzige Lösung für die verheerende Wirkung von Privilegien, die mich wirklich überzeugt. Dann muss aus meiner Sicht auch niemand mehr ein schlechtes Gewissen haben, wenn er zufällig in ein superduper Elternhaus hineingeboren wurde. Und alle anderen von uns werden systematisch ermächtigt, dennoch unsere eine, gemeinsame Gesellschaft aktiv mitzugestalten. – Ganz anders als das derzeit der Fall ist.

    Alles andere, z.B. private Initiativen von „Privilegierten“ erlebe ich persönlich als extrem Gönnerhaft und oft hat das sogar (trotz bester Absichten) fatale Auswirkungen, ähnlich wie bei „Entwicklungshilfe“.

    Wer privaten Privilegien (die’s wohl immer geben wird) etwas entgegensetzen will, was wirklich zählt, braucht m.E. politische Lösungen. Und das läuft dann auf eine Weiterentwicklung unserer demokratischen Verfassung hinaus, in Richtung: Bewusster Einbau des Losverfahrens, bewusster Einbau von gelosten Bürgergremien in unsere politische Institutionenlandschaft. Und dann sitzen eben auch Menschen an den „Schaltstellen der Macht“, die auf keinem anderen Weg jemals dort hinkommen würden. Statt „Revolution“, bei der wie wir aus der Geschichte wissen, immer nur eine privilegierte Gruppe von Menschen eine andere verdrängt, macht das demokratische Losen alle wirklich gleich mächtig. Es wird also nicht nur „oben“ und „unten“ personell getauscht, sondern es entsteht Augenhöhe in der Politik, Gleichrangigkeit, Gleichwichtigkeit, gleicher Einfluss. Garantiert durch die Institution des Losens. Das dämpft die Ungleichheiten ab, die es ansonsten so gibt und macht sie halbwegs erträglich. Außerdem begegnen sich dann die unterschiedlich privilegierten Menschen unserer Gesellschaft überhaupt einmal und haben gehaltvolle Gespräche miteinander. Das dürfte einige regelmäßige Überraschungen für uns alle bedeuten,…

    Mich überzeugt das alles. Und natürlich bin auch ich in zehntausendfacher Hinsicht privilegiert.

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