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Im Zweifel für Bedenken

Neulich hab ich den Nachbarn gefragt, ob er was dagegen hat, wenn ich die Hecke zwischen den Grundstücken wegmache und was Neues anpflanze. Ich hub gerade an, ihm ausführlich meinen Pflanzplan zu schildern, also was wann wohin soll und wie bienen- und vogelfreundlich die neuen Hecken sein werden. Wie so oft hatte ich unbewusst sogar einen Frage-Antworten-Katalog vorbereitet (einmal Pressesprecherin, immer Pressesprecherin 😀 ). Da lächelte er und sagte: „Klar, mach mal. Wird bestimmt gut.“ Der Nachbar ist Venezolaner.

Nichts hätte mich mehr überraschen können als diese Antwort – und ich glaube, das sagt echt viel über unser Land aus und wie wir Dinge angehen. Oder vielleicht war ich einfach zu lange in einer HORG, wo jede, aber wirklich jede Idee ausführlich begründet werden musste, um dann routiniert zerredet zu werden.

Ja, wir Deutschen sind eingefleischte Bedenkenträger. Ingenieurskultur und so. Einfach machen kann da ziemlich teuer werden, nehme ich an. Aber trotzdem wird es langsam unerträglich, wie wir uns mit unserer Bedenkenträgerei ins Aus katapultieren. Sei es bei der Digitalisierung – nach jedem Urlaub kommt die Ernüchterung: Du weißt, dass Du wieder zuhause bist, wenn Dein Handy 3G oder Edge meldet.

Oder beim Kampf gegen Rechtextremismus: Wo ist das Problem, Nazis mit aller Macht zu bekämpfen? Was hat das Land, das den Holocaust zu verantworten hat, da für Bedenken?? Warum recherchieren Leute freiwillig und unter Lebensgefahr Nazis hinterher, wenn das eigentlich Aufgabe des Staates wäre?

Ich war acht Jahre in der Gesundheitsbranche unterwegs. Als ich anfing, ging es um Themen wie hausarztzentrierte Versorgung, die Vernetzung von ambulantem und stationären Sektor, die elektronische Gesundheitskarte. Mittlerweile bin ich fast fünf Jahre raus, das macht 13 Jahre – und es ist nichts passiert. Im Gegenteil, nach meinen letzten Erfahrungen als Patientin und Angehörige muss ich feststellen, dass unser Gesundheitssystem kurz vor dem Kollaps steht, und zwar nicht nur dem personellen, sondern auch dem moralischen. Aber dazu an anderer Stelle mehr.

Elektromobilität: ein Desaster. Während in Norwegen schon jedes zweite Auto ein Stromer oder Hybrid ist, wird in Deutschland direkt erst mal berichtet, dass es in Norwegen zu wenige Ladestationen gibt. Ey, soll ich Euch mal was verraten? In Deutschland gibt es auch viel zu wenige Ladestationen. Das fällt nur nicht auf, weil es auch kaum E-Autos gibt. Einer der Gründe, warum ich mir trotz meiner großen Begeisterung für die Renault Zoe keine gekauft habe, war, dass es in meinem Kiez genau ZWEI Ladeplätze gibt.

Ich kann nicht mal meiner Friseurin was von Elektroautos erzählen (und wie geil die sind), ohne dass ich sofort Bedenken um die Ohren gehauen bekomme. Aber die Batterien, so schwer zu recyclen! Und so leise sind die, totale Killerraketen! Dass die Technologie noch ziemlich am Anfang steht und gerade beim Recycling massive Fortschritte gemacht werden, interessiert keinen. Hauptsache, erst mal dagegen sein. Da hat die deutsche Autolobby ganze Arbeit geleistet.

Als vor kurzem in Deutschland Elektro-Tretroller eingeführt wurden, wurde in den Medien quasi der Untergang des Abendlandes heraufbeschworen. Unfälle ohne Ende, Chaos auf den Gehwegen, überall stehen Roller herum!!! Also, ich hab in Tel Aviv gesehen, wie vom Hipster bis zum orthodoxen Juden alle mit den Dingern rumgedüst sind und war total begeistert. In Deutschland steh ich damit so ziemlich allein da.

Während in China 400.000 Elektrobusse auf den Straßen sind, macht in Deutschland jedes Dorf erst mal sein eigenes Pilotprojekt. Wahrscheinlich, um auch die aller-aller-allerletzten Bedenken von irgendeinem Karl-Heinz auszuräumen. Währenddessen eiert die Regierung herum und debattiert bei einem Autogipfel, ob man nicht doch lieber auf E-Fuels (aus Strom hergestellten sauteuren Kraftstoffersatz) setzen sollte, weil man damit vielleicht Benziner und Diesel retten könnte. Tjaaaa, da würd ich jetzt noch ein paar Jahre drüber labern. Dann hat sich das ganze Thema eh erledigt, weil wir dann dank Erderhitzung alle tot sind. „Ihr saufts doch E-Fuels“, kommentierte die E-Mobilitätsexpertin Jana Höffner verzweifelt auf Twitter.

Whatever happened to „if you can’t beat them, join them“? Warum fällt es uns so schwer, uns an die Spitze einer Entwicklung zu setzen und vorauszureiten, statt auf mittlerweile so vielen Gebieten hinterherzuhinken?

Überhaupt, die Klimakrise. Im Mai wurde der höchste CO2-Wert seit 800.000 (in Worten: achthunderttausend) Jahren gemessen: 410 ppm. Wir ersticken langsam. Aber lasst uns doch noch mal diskutieren, ob Deutschland den Ausstieg aus der Kohleverbrennung 2038 oder DOCH SCHON 2030 hinkriegt. Es geht schließlich um Arbeitsplätze!!! Ich sag Euch was: Tote brauchen keine Arbeitsplätze. Egal, blasen wir halt mindestens 11 Jahre weiter CO2 in die Atmosphäre.

Auf Deutschlands Grabstein wird stehen: Es konnten leider nicht alle Bedenken vollständig ausgeräu

UPDATE: Bitte unterzeichnet die Bundestagspetition zur Ausrufung eines Klimanotstands in Deutschland.

Photo by Raul Petri on Unsplash

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5 Kommentare

  1. Mel

    Vielen vielen Dank für diesen Beitrag!

  2. Paul

    Wieder mal so gut! Ich weis gar nicht genau was ich schreiben soll, ich kommentiere im Grunde nie irgendwas. Aber dieser Beitrag (wie auch im Grunde alle anderen hier) resoniert dermaßen mit mir. Bin gespannt wie es da weiter geht. Irgendwann muss doch mal was passieren. Fängt bei mir an, ich bin dabei.

  3. Carlo

    Ich begrüße es, wenn sich jemand für sich und andere nützlich macht und in diese Bemühungen Lebenszeit, Wissen, Fertigkeiten und Energie investiert. Ob nun ein grünes Büro oder eine insekten- und vogelfreundliche Hecke. Davon gibt es viel zu wenig. Es bleiben Tropfen auf einen gewaltigen und nachwachsenden (Wachstum, Wachstum, Wachstum) Felsen, wenn man das System, in welchem alle Probleme der Gegenwart wurzeln, wachsen und gedeihen, nicht ganzheitlich in Frage stellt. Ein nationaler (partieller) Klimanotstand bedeutet nicht Ganzheitlichkeit. Er fällt damit in die gleiche Kategorie wie die vorher erwähnten Tropfen.

    Eines noch: Meiner Meinung nach gibt es eine Homogenität schaffende Identität »deutsch« nicht. Ich bezweifel, dass ein homogenes »Wir« mit nationalem Bezug existiert. Formulierungen dieser Art erinnern mich an hässliche historische Zeiten. Wenn mich jemand fragen würde, was mir zu Identität und Deutschland einfällt, dann wären es die Untertanenprozesse ( https://deacademic.com/dic.nsf/dewiki/1440122 ). In den Bereich fallen dann auch Petitionen.

    Und ja. Im Zweifel lieber noch einmal nachdenken.

  4. Päddl

    Lydia, ich bin da voll und ganz bei dir. Wenn man sich so in der Welt umschaut, kann man schon echt neidisch werden, mit was für einem Elan und in welcher Geschwindigkeit an manche Dinge rangegangen wird, wohingegen bei uns erstmal alles zerredet wird. Ich ertappe mich allerdings oft auch selbst dabei, zu viele Bedenken gewissen Dingen gegenüber zu haben. So einfach und genial, wie sich manches präsentiert, ist es ja leider dann doch oft nicht.

    Natürlich bin ich für Elektromobilität, aber wenn Nachhaltigkeit nur vorgeschoben ist und sich in Wirklichkeit eine andere Intention offenbart, macht mich das skeptisch.

    https://www.theatlantic.com/photo/2018/03/bike-share-oversupply-in-china-huge-piles-of-abandoned-and-broken-bicycles/556268/

    BTW: Die Fahrradberge kann man schon aus dem All erkennen.

    Natürlich muss man irgendwo mal anfangen und gerade in Umweltfragen läuft uns leider auch die Zeit davon. Ich beobachte, dass wir hierzulande Dinge gleich richtig, als falsch machen wollen. Das Ergebnis ist nur häufig, dass wir sie gar nicht oder eben vieeeel zu spät machen.

    Dennoch halte ich ein kurzes Innehalten, um anschließend die Ärmel hochzukrempeln und anzupacken, für keine so verkehrte Einstellung.

    • Lydia

      Wir sind alle Teil des Problems. ?Ich entdecke diese Bedenkenträgerei auch immer wieder bei mir. Gleichzeitig bin ich aber dafür, Innovationen ausprobieren und von anderen zu lernen, statt erst mal rundheraus alles abzulehnen. Schrottbikes sind Mist, klar. Damit wird sich China auseinandersetzen müssen. Die perfekte Lösung für CO2-Freiheit gibt es noch nicht. Aber das heißt doch nicht, dass wir es nicht mal versuchen. Mich nervt, dass immer sofort Gegenargumente kommen statt Ideen zur Umsetzung. Wir werden immer miesepetriger.

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