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Torsten Dudai über Studi VZ: „Im Grunde bin ich bis heute nicht drüber weg“

Seit ich Büronymus betreibe, also seit nunmehr sechs Jahren, lerne ich immer wieder Leute kennen, die durch unsere Arbeitswelt Schaden genommen haben. Ich merke das daran, wie schnell und wie intensiv wir in das Thema einsteigen. Diesen Menschen möchte ich eine Stimme geben – deshalb starte ich eine kleine Serie von Interviews. Bei Torsten Dudai wusste ich immer, dass er eine spannende Geschichte mit sich herumträgt. Vor dem ersten Lockdown hatten wir uns deshalb für ein Interview zusammengesetzt.

Torsten, wie sind deine Erfahrungen mit der Arbeitswelt?

Torsten Dudai: Da muss ich ganz weit ausholen. Ich bin ja seit 20 Jahren selbstständig. Mein allererstes Geld habe ich aber schon mit neun Jahren verdient. Da habe ich selbstgemachte Fotos auf dem Schulhof verkauft. Damals wurde mir klar: Es gibt Leute, die haben weniger Zeit, Lust oder Talent als man selbst und geben einem Geld für die eigene Arbeit. Das war damals ein neues Konzept für mich, hat mir aber unheimlich gut gefallen.

Etwa mit 13 Jahren hab ich dann Fotografien und Zeichnungen verkauft, Bilder von Gebäuden. In meiner Gegend gab es viele Winzer, die haben meine Tuschezeichnungen auf ihre Speisekarten oder Visitenkarten gesetzt. Das habe ich von neun bis vierzehn gemacht.

Und wie ging es dann weiter?

Mit 16 Jahren habe ich angefangen, für eine Computerzeitschrift zu schreiben. Ich hatte nämlich das analoge Zeichnen ins Digitale geholt. Damals gab es die AMIGA-Heimcomputer, eine Maschine, mit der man alles machen konnte. Als ich 14 war, ging es los mit 3D, diesen typischen Filmeffekten, die man aus „Jurassic Park“ kennt. Das hat mich wahnsinnig inspiriert, so etwas wollte ich auch machen.

In diese Zeit fiel auch mein erster Kontakt mit einem großen Unternehmen, einer HORG. Das war der Zeitschriftenverlag. Die saßen irgendwo in Süddeutschland und die hat gar nicht interessiert, wie alt ich war. Das ist ja das Geile am Internet, das mich bis heute beglückt: Du trittst nicht in Person auf, bist frei von Alter und Geschlecht.

Hehe, ja, ich glaube, das kommt mir auch zugute. Wenn man dann noch ein älteres Foto auf der Website hat, ist man im virtuellen Raum quasi alterslos. Was hast du eigentlich mit deinem selbstverdienten Geld gemacht? Ich hab ja damals alles in Süßigkeiten angelegt … Es gab ja sonst auch nix im Osten.

Ich hab versucht, meine Eltern zu entlasten, hab meine Schulbücher selbst gekauft, auch Essen. Klamotten waren damals für mich nicht so interessant. Mit 18 hab ich angefangen, Geld anzulegen. Das war zwei Jahre vor dem großen Dotcom-Crash, davor waren Aktien das große Ding. Alle waren im T-Aktien-Fieber. Ein Klassenkamerad von mir, der war 17, hat mit Optionsscheinen gehandelt. Das waren wilde Zeiten und die Geldsummen waren für Schüler schon ganz ordentlich.

Hohe Geldsummen waren mir aber nicht ganz fremd, denn zuvor war ich Chefredakteur der Schülerzeitung. Ich kam mit 13 Jahren als Zeichner und Karikaturist ins Redaktionsteam, alle anderen waren Abiturienten. Die waren dann nach dem Abi von einem Tag auf den anderen weg. So wurde ich Chefredakteur. Das lag mir sehr, ich habe das Layout mit Pagemaker gemacht, hatte einen Mac im Büro stehen. Damals mit der One-Button-Maus, ganz in Beige. Das Display war noch schwarz-weiß und jeder Klick dauerte eine Sekunde.

Unsere Schülerzeitung war ein richtiges Unternehmen, mit Einnahmen und Ausgaben, Budgets, wir haben ein Produkt hergestellt und das durch Werbeeinnahmen und den Verkauf der vorherigen Ausgaben finanziert. Den Druck der Zeitung habe ich mit drei Tausend-Mark-Scheinen bezahlt, direkt in der Druckerei. Das war damals extrem analog, ein paar ratternde schwere Maschinen in einem alten Schuppen.

In dieser Zeit habe ich gemerkt, wie es ist, ein Unternehmen zu führen, oben zu sein. Ich wusste, dass ich niemals unten sein wollte. Dann wurde absehbar, dass das Abi kommt. Dass man uns einfach so gehen lässt, war ein absurder Gedanke. Ich wusste, dass ich auf keinen Fall in einem Unternehmen angestellt sein wollte.

Also hab ich mich ein halbes Jahr vor dem Abi selbstständig gemacht. Am 2. Januar 2001 bin ich zum Gewerbeamt Untermosel, hab ein Formular ausgefüllt, 20 Euro bezahlt, fertig. „IT-Dienstleister“ stand da drauf, so allgemein wie möglich. Im Grunde ist es das, was ich auch jetzt noch mache.

Was genau machst du denn jetzt?

Ich fülle eine Lücke aus, die oft in KMU mit 10 bis 20 Leuten besteht. Es gibt dort lose Zusammenhänge, Prozesse fehlen. Ich komme rein und bin der Prozessverbesserer. Oft glauben diese Firmen, sie haben ein Problem und wollen eine Lösung dafür. Meistens liegen die Probleme aber tiefer. Seitdem arbeite ich für alle möglichen Unternehmen – vom Großkonzern bis zum kleinsten Winzer, für Agenturen, aber auch für Kollegen. Wobei ich Künstler und Anwälte versuche zu meiden. Die einen sind immer knapp bei Kasse, die anderen sind es gewohnt zu streiten.

Und wie bist du bei StudiVZ gelandet?

Ich wollte nach dem Studium rauskommen von zu Hause, mich weiterbilden. Ich habe dann meine Frau [die Theaterpädagogin Sarah Bansemer, die auch viel Interessantes zu sagen hat] kennengelernt und bin nach Berlin gekommen. Über eine Zeitungsanzeige habe ich dann einen Job gefunden. Damals ging es los mit Social Media, und Studi VZ war das deutsche Facebook. Vorher gab es nur Foren, das war also ein unbekanntes Gebiet.

Ich habe mich dort als Grafikdesigner beworben. Das war ein wachstumsorientiertes Start-up, mit Millionenbeträgen finanziert. Der Produkt-User war uninteressant – die Firma war das Produkt. Sie sollte irgendwann abgestoßen werden an jemanden, der mehr dafür ausgibt. Tatsächlich wurde sie später für 85 Millionen Euro an die Holtzbrinck-Gruppe verkauft. Dieses Start-up war die Karikatur einer HORG.

Ich bin ganz Ohr.

Das war ein Haufen 20- bis 25-Jähriger, ich war fast der Älteste. Die hatten zu viele Mittel, saßen in einem alten schönen Backsteingebäude, alle in einem riesigen Raum, waren in fünf Ländern präsent, Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und Polen. Alle redeten gleichzeitig, es war superlaut. Es herrschte eine Kultur von „Ich habe Angst, dass jemand merkt, dass ich inkompetent bin. Also bin ich laut, gucke ständig, wer Fehler macht und spinne Intrigen.“ Es gab einen VP of International Affairs, 22 Jahre alt, der hatte von Tuten und Blasen keine Ahnung.

Das war wild, toxisch, ohne dass sie es gemerkt haben. Die dachten, sie sind alle Freunde. Es war so, als hätten sie einen Film über ein amerikanisches Start-up gesehen und beschlossen: Das machen wir jetzt auch. Nach Lehrbuch. Wir sind alle bis elf Uhr abends hier, danach gibt’s ein Bierchen und wir schlafen unterm Tisch. Die hatten auf den Toiletten Sex mit den Co-workern. Es standen abgeranzte Sofas dort, alte Pizzaboxen lagen herum, wir saßen auf Hüpfbällen und es gab sogar einen Kicker. Es war extrem eng und superheiß. Deren Familien waren weit weg, sie waren allein in der großen Stadt.

Der Druck war groß, es gab keine Wertschätzung. Heute spricht man von bösen alten weißen Männern, die on top of the food chain sind. Aber 20-Jährige sind erstaunlich empathielos, die haben kein Gefühl für Bedürfnisse. Ich musste lernen, mich von der emotionalen Bindung zu meiner Arbeit zu verabschieden: Das, was ich mache, ist für die Tonne. Ich war Head of Product Design, erst allein, später mit vier Mitarbeitern. Es gab aber gar kein Product Design. Studi VZ war eine Kopie von Facebook, man konnte das im Code sehen. Das Frontend war 1:1 kopiert. Nur die Farbe war rot und ein anderes Logo wurde eingesetzt. Wir durften keine Änderungen vornehmen, aus Angst, User zu vergraulen.

Wie lange warst du denn bei StudiVZ?

Neun lange, lange Monate. Das war Lebenszeit, die vollständig vom Job konsumiert wurde. Es ging darum, möglichst schnell international zu sein für den nächsten Investor. Also haben wir Werbeartikel in Riesenpaketen an Unis in ganz Europa verschickt, mit T-Shirts, Käppies und so. Es ging nur um Wachstum. Der Laden war ein bisschen wie ein Mastschwein, der musste so schnell wie möglich zur riesigen Mastsau gemacht werden, bis der nächste Investor kauft. Investoren und Gründer haben sich eine goldene Nase daran verdient.

Ich bin nicht jemand, der zu 100 Prozent angestellt arbeiten möchte. Anfangs war ich selbstständig, kam drei Tage die Woche rein, schrieb meine Rechnungen. Übrigens unverschämt billig. Aber sie wollten mich full-time. Ich hatte meine Frau ins Unternehmen geholt. Sie hatte weniger Macht und Einfluss als ich und so sind sie auch mit ihr umgesprungen. Die hatten wohl nicht gedacht, dass Eheleute miteinander reden. Ihre Erfahrung war noch schlimmer als meine. Ich habe also die Tage gezählt, die innere Kündigung war schon längst vollzogen.

Und die äußere?

Laut Vertrag musste ich sechs Wochen vor der Kündigung Bescheid sagen. Ich habe angekündigt, dass ich alles gewissenhaft zu Ende bringen werde. Der Kunde steht für mich immer an erster Stelle. Aber die Gründer konnten überhaupt nicht damit umgehen – wie so ein gekränkter Liebhaber. Eines Tages hieß es: „Torsten, warum sitzt du denn hier? Wir haben ein Meeting, komm rein.“ Ich musste mich ans Ende des Tisches setzen. Am anderen Ende saß ein Triumvirat aus dem Techniker, sozial eher ungelenk, und zwei Personalern. Es wirkte wie eine Urteilsverkündigung.

Die Vorwürfe waren absurd, es ging um Arbeitszeiten. Dabei habe ich meine Arbeit immer geschafft. Ich habe mein Team als Unternehmen im Unternehmen geführt. Später habe ich erfahren, dass nette Freunde oder Kollegen hinter meinem Rücken Lügen verbreitet hatten. Der Personalleiter hatte alles gesammelt und auf den richtigen Moment gewartet. Es hieß, ich solle das Unternehmen auf der Stelle verlassen.

Das war sehr verletzend, da war ein extremes Misstrauen. Ich meine, ich war 26, ich hab da alles an Herzblut reingesteckt. Ich dachte auch, einige Leute waren Freunde. Ich war am Boden zerstört. Im Grunde bin ich bis heute noch nicht darüber hinweg.

Nachdem ich weg war, ging’s erst richtig los. 2008 kam ja die große Finanzkrise. Wie sie sich der Hälfte der Mitarbeiter entledigt haben! Wie ich später erfahren habe, haben sie die eine Hälfte der Mitarbeiter in einer Hotellobby versammelt. Und dort hat man ihnen gesagt: Alle, die hier sind, haben noch einen Job. Die anderen wussten nichts. Man hat einfach deren Zugangschips deaktiviert.

Eine fiese Nummer, das klingt auch wie aus einem Start-up-Film nachgespielt.

Mittlerweile hab ich so schöne Sachen gelernt: Vermute nie Bösartigkeit, wenn Inkompetenz dahinterstecken könnte. Ich weiß nicht, ob sie nicht wollten oder nicht konnten. Studi VZ war für mich ein Schleudergang, wo ich gelernt habe, was ich nicht will. Das war ein 9-monatiger Blick in die Horrorkiste, ich hab sie dann ganz schnell wieder zugemacht. Aber für viele Menschen ist das Normalität.

Für viele Mitarbeiter war Studi VZ ein Sprungbrett, sie sind in andere Länder gegangen, nach Hongkong und in die USA oder zurück in ihre Heimatländer. Und ich bin der Loser, der im Homeoffice sitzt und programmiert – aber ich bin sicher nicht der Unglücklichste. Meine Frau und ich machen zusammen Mittag oder gönnen uns nachmittags Tee, Kuchen und Netflix. Wir können jederzeit rausgehen, haben unsere Katzen.

Ich brauche diesen internationalen Superstress nicht. Ich bin superglücklich damit, niemanden sehen zu müssen. Ich könnte jetzt in San Francisco sitzen, aber es ist okay, abends um zehn die Katze zu kraulen.

Was genau machst du denn jetzt?

Momentan arbeite ich zweigeteilt. Eine Zeitlang habe ich nur programmiert. Dann habe ich da weitergemacht, wo ich mit 14 Jahren angefangen hatte: mit 3D. Beim Programmieren ist es so: Du machst es, und wenn es funktioniert, hörst Du nie wieder etwas. Ich erlebe ständig, dass Programmieren nicht wertgeschätzt wird, aber es wird gut bezahlt. Es ist dieses magische Ding, das keiner versteht. Technisch gesehen mache ich dasselbe wie vor 15 Jahren. Die Kernfähigkeit eines Programmierers ist es, Gedankengänge zu automatisieren. Wir müssen also sehr strukturiert denken. Programmieren macht man nur, wenn es Herzblut ist. Ich hatte mal eine kurze Phase, wo ich nicht programmiert habe. Das war ein Gefühl, als wenn mein Verstand flöten geht.

Bilder und Grafiken werden nicht so gut bezahlt, aber die Veränderung ist massiv. Es gibt 3D-Software, leistungsfähigere Technik, neue Effekte. Das ist wahnsinnig spannend, weil es open-end ist und ich süchtig bin nach Lernen. Das Programmieren hingegen endet da, wo der Kunde keine Fantasie oder kein Budget mehr hat. Das Gebiet der 3D-Grafik ist unendlich: Es gibt Stills, Animationen, Cartoons, Filmeffekte, wissenschaftliche und technische Illustrationen, man kann Menschen digital erschaffen. Den Job zweizuteilen, ist der perfekte Ausgleich.

Jetzt in der Corona-Krise merke ich, dass ich absolut zukunftsfähig bin. Meine ganze Kommunikation läuft komplett elektronisch. Ich arbeite auch für Zukunftsbranchen, für Bestatter und Hersteller von Reinigungs- und Hygieneartikeln. Mit einem Augenzwinkern kann man sagen: Die sind super gefragt und werden weiter wachsen.

Wie haben deine HORG-Erfahrungen dich verändert?

Ich brauche kein externes Lob mehr – das hat für mich fast jede Bedeutung verloren. Ich habe einfach zu oft gemerkt, wie Lob als Motivationsmittel missbraucht wurde oder um den Preis zu drücken. Ich möchte außen wie eine Maschine arbeiten, Input – Output. Aber innen 100 Prozent Mensch sein. Mein Fokus liegt jetzt auf dem Privaten.

Das, was ich gut mache, ist das, was niemand sieht: Ich lebe gut. Ich führe eine gute Beziehung, das nützt niemandem außer mir. Ich finde, die Leute sollten aufhören, sich dem Diktat anderer zu unterwerfen. Das könnte ich den Leuten geben, aber das ist nicht das, was sie haben wollen.

Photo by Austin Distel on Unsplash

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