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Corona-Kommunikation: Die 5 gröbsten Fehler

Klare Kommunikation, so wichtig. Und doch so schwer. Was wir gerade in der Pandemie erleben, ist Folge falscher Kommunikation – und da muss ich als Ex-Pressesprecherin mal meinen Senf dazu geben. Die Kurzversion lautet: Alta!!!, WTF oder auch Uffffffffffff. Es ist natürlich immer leicht, von der Seitenlinie her reinzubrüllen, aber ich frage mich wirklich, was in der Politik los ist. Nach einem guten Start („Bazooka, wir hauen die Kohle raus“), bei dem ich den Eindruck hatte, die Politiker*innen freuen sich, endlich mal schnell agieren zu können, scheint nicht nur die Kommunikation, sondern das ganze Pandemie-Management jetzt den Bach runterzugehen. Hängt ja irgendwie auch zusammen.

Fehler werden gemacht, okay. Aber gravierende Fehler bei der Kommunikation haben eben auch heftige Folgen. Das hier sind meiner Meinung nach die fünf gröbsten Fehler:

1. Gesundheitsmaßnahmen politisieren

Wenn man sich alte Fotos aus den Zeiten der Spanischen Grippen anschaut, dann tragen die Menschen dort Masken. Warum? Weil das eine der Standardmaßnahmen aus dem Baukasten der Epidemiologie ist. Genau wie Social Distancing, Geschäfts- und Schulschließungen.

Mask Spanish flu
The Washington Times (newspaper, Washington, D.C., U.S., September 27, 1918), Public domain, via Wikimedia Commons

All das kann man z. B. nachlesen in der Pandemie-Risikoanalyse des Bundesamtes für Katastrophenschutz. Weder geht es darum, irgendwem die Grundrechte wegzunehmen, noch Schüler*innen ihre Bildung oder den Familien das Weihnachstfest. Es geht darum, das verschissene Virus (excuse my French) auszurotten!

In meiner Fantasie gibt es eine Task Force für Pandemien, die halt in so einem Fall sagt: „Schluss jetzt, Schotten dicht!“ und dann geht ein Land eben für 4 Wochen in den Lockdown. Wenn es irgendwo brennt, fange ich doch auch nicht an, erst mal rumzudiskutieren, ob man vielleicht wirklich löschen sollte, weil dann ja alles nass wird. Oder ob man vielleicht nur hinten links ein bisschen oder ob man überhaupt erst übermorgen löschen sollte, damit niemand vom Lärm der Feuerwehr gestört wird. Dafür ist überhaupt keine Zeit, das Feuer brennt nämlich derweil weiter. Auch bei einer Pandemie gilt: Jeder Tag zählt. Je früher man reagiert, desto effektiver. Je später, desto höher der Preis, den man dafür zahlt. Die Parallelen zum Klimawandel sind bestürzend.

Damit zusammen hängt die irrige Vorstellung, dass epidemiologische Maßnahmen verhandelbar sind. Das wäre so, als wenn jemand Krebs hat und dann sagt, naja, ich würde aber gern erst noch in den Urlaub fahren und mein Studium abschließen und dann fang ich übernächstes Jahr mit der Chemo an. Es gibt sicher solche Fälle und die Entscheidung über die eigene Gesundheit sei jede*r unbenommen, aber bei Corona reden wir von sehr vielen Menschenleben. Es sterben mittlerweile jeden Tag über 500 Menschen und die Politik diskutiert immer noch. Die sind einem circle of stupidity, aus dem sie nicht mehr rauskommen. Sind Kinder nun ansteckend oder nicht? Keine Ahnung, lasst es uns doch mal ausprobieren, indem wir sie alle in die Schulen schicken! Man könnte meinen, eine Demokratie ist unfähig, schnell und weise zu handeln, aber ein Blick nach Neuseeland oder Taiwan zeigt, dass es auch anders geht. Womit wir beim nächsten Punkt wären.

2. Bloß nicht von anderen lernen

Dass Deutschland nicht willens ist, von anderen Ländern zu lernen, weiß ich seit meiner Zeit im Gesundheitswesen. Elektronische Gesundheitskarte? Hat Österreich längst. Ein reformiertes Krankenversicherungssystem mit Grund- und Zusatzversicherungen? Haben die Niederlande seit 2006. In anderen Bereichen das gleiche Dilemma: Ein Bildungssystem, das funktioniert? Finnland, das sich übrigens viel von der DDR abgeguckt hat, gewinnt jeden Ländervergleich. Digitalisierung? Estland macht’s vor. Aber Deutschland muss das Rad noch mal selbst erfinden. Bzw. sich auf dem Weg dorthin totdiskutieren. Das gilt auch für die Pandemie. Es gibt Länder ohne Corona – eigentlich müsste Deutschland doch ne Standleitung dorthin haben: Hey, wie habt Ihr das hinbekommen? Stattdessen schauen die Menschen in Asien entsetzt auf Europa – von den USA ganz zu schweigen.

Ein harter Lockdown funktioniert, das haben Neuseeland, Australien und nicht zuletzt China bewiesen. Vor allem scheint eine saubere Durchführung der Quarantäne ein Schlüssel (zusammen mit Testen und Kontaktverfolgung) zu sein, um die Infektionszahlen in den Griff zu bekommen, wie Katharin Tai aus Taiwan berichtet. Hand hoch, wer sich die ganze Zeit gewundert hat, dass Deutschland die Quarantäne so lässig handhabt? Nicht nur werden Einreisende an Flughäfen nicht abgefangen und getestet. Auch kaufen Menschen, die getestet wurden und auf ihr Testergebnis warten, fröhlich im Supermarkt ein. Was sollen sie auch tun, wenn keinerlei Strukturen für eine Versorgung der Isolierten existieren? In Taiwan z. B. gibt es extra ausgerüstete Quarantäne-Hotels, die drei Mahlzeiten am Tag vor die Tür stellen und sich auch sonst rührend um die Menschen kümmern, die sich isolieren müssen. In Deutschland kann man froh sein, wenn man bei der Corona-Hotline überhaupt durchkommt. Und das heißt noch nicht, dass man dort eine hilfreiche Auskunft bekommt.

3. Herumeiern

Auch das weiß ich aus meiner Zeit als Pressesprecherin: In der (Massen-)Kommunikation gibt es nur Schwarz und Weiß. Die Masse versteht keine Grautöne. Das war ein Riesenproblem in meiner Firma, weil wir gerade in der internen Kommunikation ständig Einerseits-andererseits-Botschaften verbreiten mussten. Das Unternehmen war in der Krise, aber wir wollten um Himmels willen ja keine Panik verbreiten. Heraus kam dann sowas wie: Wir müssen die Mitgliedsbeiträge wieder erhöhen, aber keine Sorge, Eure Arbeitsplätze sind sicher. Man kann sich vorstellen, wie die Leute darauf reagiert haben: Die waren verunsichert durch die widersprüchliche Botschaft. Gerade die Älteren, die gebrannten Kinder, glaubten natürlich kein Wort und versuchten, zwischen den Zeilen zu lesen.

Wie kann man es besser machen? Ganz sicher, indem man die Karten auf den Tisch legt und den Mitarbeiter*innen die Chance gibt, sich an den Lösungen zu beteiligen. So bekomme sie einen Teil der Kontrolle zurück in einer Situation, die von Kontrollverlust geprägt ist. Für die Politik bedeutet das: Bürger*innenräte einführen, in denen zufällig ausgeloste Bürger*innen sich von Expert*innen beraten lassen und dann Lösungsvorschläge für die Politik erarbeiten, wie wir mit der Corona-Krise (oder auch ähnlichen Pandemien) umgehen.

Aus meiner Sicht führt kein Weg daran vorbei – genau wie beim Klimawandel. Die Idee, dass einzelne Politiker*innen, die ja (bis auf lobenswerte Ausnahmen wie Karl Lauterbach) auch keine Ahnung von der Materie haben, weitreichende Entscheidungen über Menschenleben und letztlich die Gesellschaft der Zukunft allein treffen und auch die Verantwortung dafür allein übernehmen, hat sich überlebt.

Das wäre auch das Ende dieses paternalistischen Untertons, wie man ihn sowohl aus Unternehmen als auch von der Politik kennt: „Die Lage ist schlimm, aber macht euch keine Sorgen, wir haben alles im Griff.“ Ich nenne das immer die Papa-macht-das-schon-Masche. Uaaaaaa, da rollen sich eine*r doch die Zehnägel hoch. Man sieht doch, dass niemand irgendwas im Griff hat! Deutschland hatte nicht mal Masken gebunkert für den Fall einer Epidemie. Die Gesundheitsämter pfeifen auf dem letzten Loch und es dürfte eine Frage von wenigen Tagen sein, bis das schon in normalen Zeiten überlastete Gesundheitssystem kollabiert.

4. Zu viel Transparenz und Kommunikation

Das wäre wohl einen eigenen Beitrag wert: Transparenz ist nicht immer nur positiv. Meiner Erfahrung nach gilt: Je mehr Informationen Menschen bekommen, desto verwirrter sind sie. Vor allem, wenn die kognitiven Kapazitäten begrenzt sind, z. B. durch Stress. Es ist deshalb wichtig, klar und simpel zu kommunizieren. Die Politik tut sich da sehr schwer und wenn sie es schafft, schlägt das Pendel oft ins Gegenteil um: Dann wird ZU simpel kommuniziert und die Leute fühlen sich verschaukelt. Wer hat z. B. diese peinliche #IchhatteCorona-Werbekampagne verbrochen?

Stefan sieht nicht aus ein Hochschuldozent, sondern wie ein Rocker. Er redet merkwürdig, eher wie ein Schauspieler. Ist er einer? Wer weiß. Ich meine, gibt es da niemanden in der Werbeagentur, der sagt: Hey Leute, sorry, aber das kommt gar nicht authentisch rüber? Vielleicht sollte man einfach Journalist*innen normale Interviews führen lassen?!

Im Corona-Infokanal des BMG auf Telegramm wird man mit Nachrichten überschwemmt, sodass ich den längst stummgeschaltet habe. Wochenlang hat man sich dort daran abgearbeitet, die Argumente von Coronaleugner*innen zu widerlegen – eines nach dem anderen, schön grafisch aufgearbeitet. Dabei weiß man doch schon lange, dass man solche Leute mit Fakten nicht überzeugt. Stattdessen verbreitet man den Schwachsinn dadurch 100.000-fach weiter und adelt ihn, indem sich ja sogar das BMG damit auseinandersetzt. Und wer bis dato noch nichts von neusten Verschwörungsmythen gehört hatte, hat den Nonsense nun dank BMG im Hinterkopf. Oh Mann!

Wichtiger wäre, die vernünftige Mehrheit hinter sich zu bringen. Zum Beispiel mit ehrlichen Appellen an die Solidarität. Tja, schwierig, wenn man die Leute seit Jahrzehnten auf Egoismus getrimmt hat. Dass es der deutschen Politik so unglaublich schwer fällt, die richtigen Worte zu finden und authentisch zu kommunizieren, tut wirklich weh. Dabei geht es, wie die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern beweist:

5. Zu wenige Frauen an entscheidenden Positionen

Ich bin sicher nicht die Einzige, der das Rumgebalze und Egogesülze von unfähigen Politikern wie Laschet & Co. unglaublich auf den Zeiger geht. Die Kanzlerin ist schon kurz vorm Durchdrehen. Die Kanzlerin wird EMOTIONAL! Schätze mal, dann ist es 5 vor 12. 😉 Aber Scherz beiseite. Nicht nur versteht die Kanzlerin Wissenschaft (was im Übrigen sehr traurig ist, wenn man sich gleichzeitig ansieht, wie sie Wissenschaft beim Klimawandel mit Gewalt ignoriert) – sie kann es wohl kaum noch ertragen, dass momentan das Weihnachtsfest gegen Menschenleben aufgewogen wird.

Meiner Erfahrung nach sind Frauen eher auf der Sach- als auf der Machtebene unterwegs, setzen sich für das Gemeinwohl ein und schauen weniger darauf, wie ihr Image dabei wegkommt, wie sie ihre Karriere oder die eines Kumpels voranbringen oder nebenbei noch Kohle machen können. Deshalb brauchen wir überall mehr Frauen, vor allem in der Politik. Das ist nur die Kurzfassung, ich bin es einfach müde, darüber zu schreiben. Die Zeit solcher Figuren ist längst abgelaufen. Es ist so offensichtlich, wenn man sich anschaut, welche Länder die Pandemie am besten im Griff haben. (Ja ja, gilt nicht für alle Frauen und auch nicht für alle Männer …)

Wir brauchen auch junge Menschen in der Politik. Die haben Ideen, die haben Wissen, die haben den Blick über den deutschen Tellerrand. Ich bin heilfroh, dass viele junge Umweltaktivist*innen sich entschlossen haben, für den Bundestag zu kandidieren. Vielleicht schafft Deutschland es ja, vom Land der Schnarcher und Bremser zu einem Land zu werden, das wieder für Fortschritt steht.

Ich mache indes weiter mit meinem freiwilligen Lockdown, gehe nur noch zum Einkaufen raus und feiere Weihnachten im allerengsten Kreis.

Frohe Feiertage, bleibt gesund und wir lesen uns bald wieder!

EDIT [11.12.20]: Salamitaktik, also das scheibchenweise Bekanntgeben schlechter Nachrichten, ist übrigens auch ganz schlecht. Sie untergräbt das Vertrauen der Menschen in verlässliche Aussagen und führt zu Widerstand. Was mich so ärgert: Man kann Menschen viel zumuten, wenn man vernünftig mit ihnen redet.

Photo by Possessed Photography on Unsplash

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6 Kommentare

  1. PJ

    DANKE für diesen klasse Beitrag!
    Willkommen zurück 😉

  2. Alex

    Danke für den guten Text. 👍

  3. Bin, was das Thema angeht, keine Fachfrau, aber der gesunde Menschenverstand hat so mehrfach sich an den Kopf gegriffen: WAS MACHEN DIE DENN DA?
    Schön, mal die eigene Wahrnehmung so genial beschrieben zu sehen.
    Danke für diesen wunderbaren Artikel. 🙂

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