Zum Inhalt springen

Medien können die Welt retten

Wie Ihr wisst, möchte ich ja die Welt retten, komme da aber nicht so recht voran. Jetzt hab ich das Psychologiestudium angefangen und die Leute fragen mich: „Und, was willste dann damit machen?“ Hm, tja. Weiter schreiben wahrscheinlich, nur dann eben mit mehr Ahnung. 😉

Wie so oft gibt es keinen Plan bei mir und die Dinge entwickeln sich. Vielleicht habe ich Glück und es ergeht mir so wie dem Typen – nennen wir ihn Max –, den ich vor Jahren mal kennengelernt habe und dessen Geschichte sich in mein Hirn eingebrannt hat:

Ursprünglich hatte Max Klempner gelernt, dann aber sein Talent fürs Bildhauen entdeckt. Er bekam ein Stipendium an der Kunsthochschule (ohne Abitur!) und wurde Bildhauer. Da man davon nicht so gut leben konnte, landete er irgendwann beim Fernsehen. Irgendwie schien nichts davon zusammenzupassen.

Doch dann lernte Max eine Sonderpädagogin kennen, war begeistert von ihrem Job und begann ein Studium der Sonderpädagogik. Plötzlich passten alle Puzzlesteine seines beruflichen Lebens zusammen: Er konnte mit den Kids handwerklich, künstlerisch und mit Medien arbeiten.

Ich hoffe ja, dass es mir irgendwann auch so ergehen wird und mir mein neues Wissen irgendwie zugute kommt bei meinen Weltrettungsplänen. Dafür gibt es erste Anzeichen, die ich in diesem bemerkenswerten Interview mit dem Psychologie-Professor Albert Bandura entdeckt hab. (Er ist einer der ganz großen Stars der Szene.)


Beobachtungslernen: Ein berühmtes Experiment

Bandura ist bekannt durch seine Forschungen zum Beobachtungslernen (auch soziales Lernen, Lernen am Modell). Vor allem sein Bobo-Doll-Experiment über das Lernen von Aggressionen machte ihn berühmt.

Dabei wurde Kindern gezeigt, wie eine große Stehaufpuppe mit einem Hammer bearbeitet, herumgeworfen und beschimpft wurde. Clever wie er war, ließ Bandura einen Teil der Vorführungen live, einen anderen über einen Bildschirm ablaufen. Das Medium Fernsehen war damals nämlich ziemlich neu – und die Menschen fragten sich, welchen Einfluss es wohl auf ihre Kinder hat.

Das Experiment zeigte, dass Menschen nicht nur durch Erfahrung, sondern eben auch durch Beobachtung lernen – das gilt auch für Gewalt, das gilt auch mittels Fernsehen. Dieses Ergebnis mag jetzt nicht so überraschen, aber in den 60ern ging man davon aus, dass Gewalt im Fernsehen eine karthartische Wirkung hat und man dadurch Aggressionen abbaut. Das Gegenteil ist jedoch der Fall.

Und wenn man sich die heutigen Diskussionen rund um die Frage, ob gewaltvolle Computerspiele wohl aggressiv machen, so anschaut: Hilfe! Man weiß es seit den 60ern.

Beliebige Botschaften

Ich habe ja schon mal darüber geschrieben, dass gesellschaftliche Normen heutzutage sehr stark durch Medien geprägt werden – von den Nachrichten über Boulevard und Influencer bis zur Werbung. Als ich beim Fernsehen war, konnte ich es nicht fassen, dass sich keiner der Fernsehmacher*innen Gedanken darüber macht, was man mit seinen Geschichten so auslöst. Das sind doch Botschaften, die da vermittelt werden.

Wenn ich mir Netflix anschaue, wird mir manchmal richtig schlecht. Ein großer Teil der Produktionen ist sehr brutal. Blacklist und Breaking Bad musste ich z. B. abbrechen, weil ich die Gewalt nicht aushalten konnte. (Handwerklich top, kann man nix sagen.) Ansonsten geht es viel um Drogen, Knast, politische Verschwörungen, Weltuntergang. Was denken sich die Leute dabei, sowas in die Welt zu setzen? Nichts, vermutlich.

Nun muss ich als Hochsensible sowieso aufpassen, was ich an meine Ohren und Augen lasse. Neben der Aggression lernt man halt auch eine Menge kriminellen Wissens, z. B. ging es bei Breaking Bad mal darum, aus welcher Art von Plastik eine Wanne sein muss, damit sie Salzsäure widersteht. Ihr wisst schon. So etwas will ich nicht lernen, habe es aber zufällig gelernt und nur dank meines schlechten Gedächtnisses wieder vergessen.

Kurz nach den Anschlägen vom 11. September sah ich eine Spezialsendung im deutschen Fernsehen, wo darüber diskutiert wurde, wie man ein bestimmtes Atomkraftwerk aus der Luft angreifen müsste, um den maximalen Effekt zu erzielen. Mit animierter INFOGRAFIK! Ich fasse es immer noch nicht. Sehet und lernet, frei nach Albert Banduras Theorie zum Lernen am Modell.

Entertainment mit Sinn

Womit wir wieder bei dem Interview wären. Darin erzählt Bandura nämlich, dass er in den 70ern einen Anruf von einem gewissen Miguel Sabido bekommen hatte, einem Fernsehproduzenten aus Mexiko. Sabido hatte sich nicht nur intensiv mit Banduras Theorie des Beobachtungslernens beschäftigt, sondern daraus auch eine eigene Methode entwickelt, die er auf seine Soap Operas anwendete. Sein Ziel: sozialer Wandel durch Fernsehen.

Er hatte nämlich entdeckt, dass Soap Operas (und Langzeitserien) sich besonders gut dazu eignen, Wandel darzustellen, da sie über einen langen Zeitraum laufen. Man hat also genug Zeit, sich mit den Figuren zu identifizieren und der Wandel läuft glaubwürdig, da quasi in Echtzeit, ab.

Sabido setzte seine (und Banduras) Ideen in die Tat um und siehe da: Die von ihm produzierte peruanische Seifenoper „Simplemente Maria“ (1969-1971) zeigte den Aufstieg einer alleinerziehenden Mutter zur Modedesignerin – und ließ die Verkäufe von Nähmaschinen sprunghaft ansteigen. Die Soap gilt bis heute als beliebteste Serie in Peru und hatte viele Fans in ganz Lateinamerika. (Ein Schelm, wer dabei an Product Placement denkt – selbes Prinzip.)

Ermutigt durch diesen Erfolg brachte Sabido „Ven conmigo“ raus, um den Analphabetismus zu bekämpfen. Darin lernte ein älterer Mann lesen. In einer emotionalen Szene las er zum ersten Mal einen Brief seiner Tochter. Während der einjährigen Laufzeit der Serie schrieben sich eine Million Mexikaner*innen in Kurse zur Erwachsenenbildung ein.

In den 70ern produzierte Sabido mehrere Soaps, in denen Geburtenkontrolle Thema war. Gemeinsam führten sie dazu, dass die Geburtenrate Mexikos um 34 Prozent (!) sank.

Ich meine, das ist doch wohl der Hammer?! Sabido prägte den Begriff social impact entertainment. Auch heute gibt es Produktionsfirmen wie Participant Media, die u. a. „Syriana“ mit George Clooney herausbrachten, und das Population Media Center, das sich für Geburtenkontrolle, Geschlechtergerechtigkeit und Umweltschutz in der Dritten Welt einsetzt – mit Fernsehserien.

Medien und Psychologie können also zusammen die Welt retten – und vielleicht macht ja doch alles, was ich so treibe, irgendwie Sinn.

PS: Mit ähnlichen Ansätzen (entertainment-education, communication for development) arbeiten einige NGOs, die z. B. mit Theatervorführungen in Afrika über HIV aufklären. Social impact entertainment unterscheidet sich dadurch, dass die Unterhaltung im Vordergrund steht.

Photo by Sven Scheuermeier on Unsplash

Bitte folgen Sie mir unauffällig!

Auf Twitter und Facebook.

7 Kommentare

  1. Hi, zu deinem Studiumplan würde ich mal folgendes anmerken wollen. Schon viele, die den Wunsch hegten, „die Welt zu verbessern“, dachten, im Psychologie-Studium seien sie damit gut aufgehoben. Schon viele sind dabei allerdings auch bitter enttäuscht worden, da das Psychologie-Studium sehr theorielastig ist und viel trockener, als man es vermuten würde (magst du Statistik?). Geht es dir um den Abschluss, dann ist das natürlich der Weg der Wahl. Aber wenn es dir vor allem um die Inhalte geht, dann könntest du dich auch über entsprechende Bücher, die du dir selbst auswählst, schlau machen. Um „die Welt zu retten“ ist es überdies günstiger, wissensmäßig breit aufgestellt zu sein. Also nicht nur eine Disziplin zu studieren, sondern zu sehen, wie die Dinge zusammenhängen. Die Masse an Literatur und Pflicht-Veranstaltungen im Studium wird dafür sorgen, daß du nur mit einem Fach schon „alle Hände voll zu tun haben wirst“. Zusammenhänge zu erkennen ist aber wichtiger, wenn es dir wirklich Ernst ist mit dem Welt-verbessern. Ich spreche aus Erfahrung, ich bin nämlich auch so einer mit diesem hehren Ansinnen. Ich wollte mal den Hebel über ein Studium der Wirtschaftswissenschaften ansetzen. Habe dann aber bald bemerkt: So wird das nichts! Zum Welt-verbessern braucht man einen möglichst breiten Horizont. Hochschulen – gerade heutzutage mit ihrer Abkehr vom Humboldt’schon Ideal – sind dabei leider nicht wirklich hilfreich.

    • Lydia

      Hi Christian, guter Punkt. Es geht mir weniger um den Abschluss (hab ja schon einen in Kommunikation) als um das Wissen. Dachte mir aber, dann kann ich den Abschluss auch gleich mitnehmen. Ich merke, dass einfach nur Bücher lesen mir nicht reicht. Man kommt da von Hölzchen auf Stöckchen und es ist auch viel Mist dabei. Die klare Struktur des Studiums und natürlich auch die (eingeschränkte) Möglichkeit, mit Profs und Kommiliton*innen zu diskutieren, finde ich ganz hilfreich. Das Fach habe ich aus reinem Interesse gewählt. Am liebsten hätte ich auch noch Soziologie, Philosophie und Anthropologie dazugenommen. 😄 Letzteres ist auch immer noch nicht vom Tisch. Bisher ist es weniger trocken als erwartet. Und wenn, dann ziehe ich mir zwischendurch ein paar Stanford- oder Yale-Videos zum Thema rein, dann geht’s wieder. Ob ich das Statistik-Semester überlebe, werden wir sehen… 😉 Ob das reicht, die Welt zu retten, auch. Liebe Grüße, Lydia

  2. Hi Lydia,
    ich wollte dir deinen selbst gewählten Plan ja auch nicht vermiesen.
    Vom Hölzchen aufs Stöckchen kommt man leider irgendwie immer, wenn man sich auf Wissenschaft heutiger Prägung einlässt – egal, ob als Autodidakt oder als Student. Schau dir nur mal so Portale an, wo sie wissenschaftliche Arbeiten erst gegen üppige Bezahlung rausrücken. Das ist ein „Dschungelchen“ in jedem einzelnen Fach, vor allem, weil sie sich dann auch vor lauter Wissenschaftlichkeit überhaupt nicht mehr um Verständlichkeit bemühen ( Zitat hier, Zitat da, aber wo ist der rote Faden?!) Als Autodidakt kannst du wenigstens noch selber entscheiden, wann du beim Stöckchen dann auch wieder aufhörst, während das Studium alle möglichen Stöckchen einfordert, sonst gibt’s ja keine Credit Points. Wenn du hochsensibel bist, wird dir Statistik keinen Spaß machen. Statistik wird völlig überbewertet. Man kann das schon auch mal machen, aber doch nicht bei Leuten, die sich für „dieses Fach“ der Geistes- oder Sozialwissenschaften begeistern sollen und gleich zu Studienanfang. Damals bei meinem BWL-Studium ließ mich der Verdacht nicht los, sie nehmen das nur zum Aussieben her. Das muss noch nicht mal böse Absicht sein, aber die Wirkung ist eben letztlich so und sie stellen das auch nie ab. Gerade sensible Leute werden von so einer trockenen Herangehensweise dann abgeschreckt oder auf eine Denkweise hingetrimmt, die keinem gut tut. Was wirklich Sinn machen würde, also ein breites Aufgestellt-sein/werden mit mehreren Fächern (wie du es ja wohl auch gerne tätest), das ist ja immer noch nicht vorgesehen. Sich dafür einzusetzen, wäre ein Aufgabe für Leute, die wirklich etwas verbessern wollen. Sehe das nicht nur als letztlich utopisches Großziel mit einem Augenzwinkern an. Da kann man schon wirklich was machen! Ich bin da übrigens auch gerade dran per Buch- und eBook-Projekt in sehr verständlicher Form.
    Christian

    • Lydia

      D’accord mit allem. Bin auch der Meinung, dass es viel mehr Querverbindungen zwischen den Fächern geben sollte, damit Zusammenhänge klarer werden. Ein positives Beispiel ist für mich das Buch „Bildung“ von Schwanitz. Das vernetzt vieles, was die Schule bis heute nicht hinbekommt… Statistik hab ich ja schon zweimal in den vorigen Studien gehabt und alles erfolgreich wieder vergessen. 😉 Mir wird auch etwas schlecht, wenn ich daran denke, mich EIN KOMPLETTES SEMESTER damit zu beschäftigen. Aber andererseits haben eine Menge Leute es überlebt, die sich auch nicht dafür interessieren (was ich jetzt mal bei den durchschnittlichen Psychologiestudent*innen voraussetzen würde). Bin jedenfalls sehr gespannt, was Du herausbringst. Kannst ja dann mal hier Bescheid geben.

  3. Ja sicher werde ich das gerne tun! Weißt du, es sollte ja mal irgendwann an diesen Stätten versammelter Intelligenz und Exzellenz nicht mehr ständig nur darum gehen, etwas weniger Sinnvolles und furchtbar Nerviges nur zu „überstehen“, sondern irgendwann sollte man schon auch mal zu Verfahrens- und Ausbildungsweisen kommen, die so richtig, richtig sinnvoll sind. Diese Übelkeiten an den Unis plagen schon Generationen…und beschäftigen schon genauso lange die Psychologischen Beratungsstellen an den Unis. Sie kurieren dort ihre selbst produzierten
    Symptome – aber natürlich auch die aller möglicher anderer Fachbereiche.
    Das läuft schon ewig so. Aber wenn die Leute dann wieder draußen sind ( als Absolventen), dann ist es diesen wieder Wurscht…und die nächste Generation erlebt wieder das Allergleiche „in grün“.
    So jetzt geb ich aber wieder Ruhe…
    😉

  4. Ich finde ein Psychologie – Studium ist eine solide Grundlage, um die Welt zu verändern. Mache damit seit 20 Jahren sehr gute Erfahrungen 🙂
    Wünsch Dir weiterhin viel Spaß bei diesem Projekt!

    • Lydia

      💪🏾

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.