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Wenn der Job zur Nebensache wird

Auf einer Veranstaltung hier in Berlin berichtete ein Unternehmer, dass er kaum noch Leute findet, die Vollzeit arbeiten wollen. Die meisten würden Teilzeit vorziehen, denn sie verfolgten nebenbei eigene Projekte (eine Heilpraktiker-Ausbildung, ein Kunstprojekt oder ein eigenes Business).

Mich hat das fasziniert, weil ich selbst – naja, ich kann mir überhaupt keine Festanstellung mehr vorstellen. Wie meinte eine Bekannte neulich zu mir:

Freelancer sein ist acht Millionen mal geiler als festangestellt sein, aber wem sag ich das.

Wenn ich allerdings müsste (da würde mir jetzt kein Grund einfallen, freiwillig in die Lohnsklaverei zurückzukehren 😀 , aber nur mal theoretisch), wenn ich also gezwungen wäre – dann nur Teilzeit. Sonst hätte ich ja gar nichts mehr vom Leben.

Ich kann das also gut nachvollziehen. Vielleicht ist das ja ein Trend, dass viele Leute keine Lust mehr auf eine 40-Stunden-Woche haben? Die Vorteile einer Festanstellung mit freier Zeiteinteilung (wenigstens teilweise) zu kombinieren, ist ja gar nicht so doof.

Auch wenn für mich immer viel dagegen sprach. Man ist halt nur halb frei – aber besser als nichts, nehme ich an. 😛

Ich hab also mal auf Twitter herumgefragt, ob das evtl. ein Trend ist. (Draufklicken, dann könnt Ihr auch die Kommentare darunter lesen.)

Ist natürlich nicht repräsentativ, aber von den 119 Teilnehmer*innen haben 54 Prozent Ja gesagt. Und 31 Prozent haben „Nur in Berlin“ angeklickt, hehe. Gut möglich, dass das nur hier ein Thema ist. Vielleicht ist Berlin da aber auch Trendsetter?

Ich würde an dieser Stelle auch gern auflösen, dass es sich um ein Unternehmen aus der Event-Branche handelte und dass der Inhaber einen bestimmten, vielseitigen und bisschen schillernden Typ Mensch suchte. Also es ging per se schon Richtung Lebenskünstler*in. Bei einer Supermarkt-Kette kann es schon wieder ganz anders aussehen.

Trotzdem hat auch eine aktuelle Umfrage von ZEIT ARBEIT ergeben, dass 35 Prozent der Arbeitnehmer das Thema Reduzierung der Arbeitszeit wichtig finden. Unter den Jüngeren (< 35 Jahre) waren es sogar 39 Prozent.

Endlich mehr Zeit haben, um zu lesen, ein Buch zu schreiben, schöne Dinge selbst herzustellen oder einfach mehr Zeit zu verbringen mit Menschen, die einem wichtig sind – das klingt für viele mittlerweile ziemlich attraktiv.

Vor ein paar Jahren war es noch so, dass der Hauptgrund, warum Teilzeit abgelehnt wurde, eine geringere Rente war. Hat sich wohl auch erledigt, wenn man eh weiß, dass man kaum Rente kriegen wird.

Schlechtere Karrierechancen – oft ein Argument gegen Teilzeit – stören viele Menschen auch nicht mehr so. Es spricht ja einiges gegen eine klassische Karriere. Stichwort: Burnout.

Sicher ist es auch ein Anzeichen von Wohlstand, dass man weniger arbeiten will. Muss man sich schließlich auch erst mal leisten können. Wer 1.300 € brutto verdient und 600 € Miete zahlt (darunter gibt’s kaum noch Wohnungen in Berlin), der wird wohl eher nicht an Teilzeit denken.

In der Schweiz ist es schon länger üblich, dass in Stellenanzeigen die Arbeitszeit mit 100 %, 80 %, 75 % usw. gekennzeichnet wird, gern auch mit einer Spanne von… bis… Auch das spricht für die Wohlstandsthese.

Nebenwirkungen

Besagter Unternehmer sehnte sich trotzdem nach Vollzeitkräften. Denn die Teilzeit hat unschöne Nebenwirkungen: Der Job wird zur Nebensache. Die Flexibilität geht oft zu Lasten des festen Jobs, nach dem Motto: „An diesen Tagen kann ich nicht arbeiten, da habe ich Auftritte mit dem Chor.“

Und überhaupt hängt das Herz eher an den eigenen Projekten als am Job. Ich kenne das noch aus meiner Studentenzeit. Ein Studentenjob war halt nur zum Geldverdienen da.

Klar hat man sich da auch Mühe gegeben, das ordentlich zu machen. Aber man war halt nur ab und zu da, hatte weniger emotionale Bindung an den Laden als die festangestellten Kolleg*innen. Man hat sich nicht unbedingt ein Bein ausgerissen.

Wenn man davon ausgeht, dass die Loyalität zum Arbeitgeber heutzutage sowieso schon schwächer ist als früher, da man quasi eine Arbeitsstelle auf Lebenszeit hatte, dann bleibt da nicht mehr viel übrig.

Last but not least schilderte der Unternehmer das generelle Problem von Teilzeitbeschäftigung: Immer, wenn man jemanden braucht, hat er oder sie gerade frei.

Es klingt also, als wäre das Modell „Teilzeit + eigenes Ding machen“ ein guter Deal vor allem für die Angestellten. Wogegen ja nichts zu sagen ist.

 

Bitte folgen Sie mir unauffällig!

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2 Kommentare

  1. Sehr spannend, und eine Beobachtung, die ich im Freundeskreis ebenfalls sehr stark wahrnehme. Allerdings bewege ich mich da auch in meiner Berliner Filterblase, die viel mit Kreativen gefüllt ist.
    Ich lebe derzeit das, was du beschreibst: in Teilzeit angestellt, in Teilzeit selbständig. Das mit der fehlenden emotionalen Bindung zum Angestelltenjob kann ich nicht bestätigen, auch nicht, dass ich mir „kein Bein ausreiße.“ Derzeit empfinde ich es sogar eher als hinderlich für meine selbständige Karriere, dass ich zu sehr in den Hauptjob involviert bin, vor allem auch, was die zeitliche Verteilung der eigentlich wenigen Stunden angeht.
    Ich habe tatsächlich diese zwei Herzen in meiner Brust und muss wahrscheinlich irgendwann eine Entscheidung treffen (oder aber eben doch in die Richtung gehen, wie du sie beschreibst: den Angestelltenjob als Mietezahler sehen, gut machen, aber nicht so stark eingebunden sein mit so allem, was man hat. Schwierig.)
    Schade finde ich es, dass viele Arbeitgeber es immer noch als Bedrohung sehen, wenn man „nebenher“ was Eigenes macht. Einige weniger meiner Brötchengeber haben das verstanden und teilweise sogar als Bereicherung wahrgenommen (weil ich z.B. Workshops zu Themen geben konnte, die mit meinem Hauptjob nix zu tun hatten). Ein Arbeitgeber, der sich nach Vollzeitkräften sehnt, muss diesen halt auch mehr bieten als das übliche Geschwurbel an „flachen Hierarchien“ und „tarifüblichem Gehalt.“. Ich denke, die räumliche und zeitliche Flexibilität auch für in Vollzeit angestellte Arbeitnehmer wird ein immer wichtigeres Kriterium.
    Liebe Grüße,
    Sandra

  2. Das Schlagwort, was für mich hier durchscheint ist „Vereinbarkeit“.

    Danke, für diesen Beitrag, Lydia. Ich wähnte mich lange Zeit als Ausnahme zu einer von irgendwem einst aufgestellten Regel. Zumindest für „Berliner“ scheine ich ein Teil eines Trends zu sein, den ich auch in meiner Filterblase immer häufiger wahrnehme.

    Für „Deinen“ Eventveranstalter: vielleicht hilft es, die Arbeit BEDARFsorientiert zu organisieren?
    Wenn ihm dazu bisher die Vorstellungskraft fehlt, dann helfe ich seiner Fantasie gern auf die Sprünge.

    Agil und flexibel geht auch außerhalb von „IT“, wie ich immer häufiger miterleben darf.

    Du kennst den Weg in mein Postfach … 🙂

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