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Der Fall Relotius: Was Betrüger anrichten

Als ich gestern Nachmittag SPIEGEL ONLINE aufrief, verschlug es mir den Atem. Hinter der Schlagzeile „SPIEGEL legt Betrugsfall im eigenen Haus offen“ verbarg sich eine fesselnde Story, die ich am Stück verschlang: Der preisgekrönte Reporter Claas Relotius ist ein Betrüger.

Die Art und Weise, wie aus dem Betrugsfall kurzerhand eine weitere „spannende Reportage“ gemacht wurde, wurde bereits kritisiert, u. a. von Übermedien und den Salonkolumnisten. Stimmt, das war daneben – ist mir hinterher auch aufgefallen. Dass ein gestandenes Medium sich so in der Darstellungsform vergreift, zeigt vermutlich, wie erschüttert man in der Redaktion ist. Vielleicht fällt da auch einfach mal auf, wie pervers der Job eines Journalisten manchmal ist.

Fun fact: Bis gestern sagte mir der Name Claas Relotius nichts. Das ist erstaunlich, da ich sowohl den SPIEGEL ziemlich regelmäßig lese als auch ein Fan von Longreads bin. Und ich schaue gern nach, wer eine besonders gelungene Geschichte geschrieben hat,  und versuche, mir den Namen einzuprägen.

Dann fiel mir ein, dass ich seine letzte Reportage „Jaegers Grenze“ bewusst überblättert hatte: Ein Flüchtlingskind auf der mexikanischen Seite der Grenze, ein bewaffneter besorgter Bürger namens „Jaeger“ auf der anderen Seite – das erschien mir zu gewollt. Zu schön, um wahr zu sein.

Jetzt stellt sich heraus: Die Geschichte ist nicht wahr. Relotius hat gefälscht, was das Zeug hielt. Er dachte sich Storys aus, Protagonisten, kopierte Fotos aus dem Netz, bediente sich aus der „größten vorstellbaren Bastelkiste aller Zeiten“  – dem Internet mit Facebook, YouTube, Google und Wikipedia, die „aus Schnipseln bestehen, die irgendwo auf diesem Planeten tatsächlich wirklich sind und wahr.“ (Zitate: SPIEGEL ONLINE)

Der Schaden, den Relotius damit angerichtet hat, ist immens:

Er verspielt das Vertrauen der Öffentlichkeit in den Journalismus – ausgerechnet beim (noch) als Leitmedium geltenden SPIEGEL. In Zeiten von Fake News, also durch reaktionäre Kräfte wie Putins Propagandamaschine gestreute Lügen, ist das unverzeihlich. Das gilt umso mehr, als er sich vieler Themen mit politischer Brisanz annahm.

Der gefallene „Star-Reporter“ untergräbt die Arbeit von Journalist*innen, die sich seit Jahren für Qualität einsetzen – trotz kaputtgesparter Redaktionen, trotz hohen Zeitdrucks und mieser Arbeitsbedingungen wie befristeter Verträge und schlechter Bezahlung.

Welchen psychischen Schaden der allseits beliebte (und Betrüger sind sehr beliebt, das ist ihre Kernkompetenz) bei seinen Kolleg*innen anrichtete, beschreibt einer von ihnen so: Es fühlt sich an „wie ein Trauerfall in der Familie“. (SPIEGEL ONLINE)

Nicht zu vergessen: Der Star-Reporter hat Spitzenhonorare kassiert für Geschichten, die er sich ausgedacht hat, statt den Staub der Straße zu schlucken, die nötige Beinarbeit zu leisten, die einen zum Reporter macht. Das macht diejenigen Kolleg*innen wütend, die keine so brillianten Storys abliefern konnten – weil es sie nicht gab.

Die Protagonist*innen seiner Artikel müssen ausgedachte Zitate und Interviews, fiktive Namen, Berufe, Merkmale („noch Jungfrau“) und falsch zugeordnete Fotos von sich in der Presse lesen. Zu finden im Internet, für immer. Michele Anderson und Jake Krohn, Bewohner der US-amerikanischen Kleinstadt Fergus Falls, beschreiben in diesem Artikel, wie es sich anfühlt, von Relotius als Haufen zurückgebliebener Hillbillys beschrieben zu werden. Und hier gibt es Relotius‘ Darstellung dieser „Recherche“ im Video.

Relotius bedient Klischees und reproduziert Stereotype, dass es nur so kracht. Auch damit richtet er einen immensen Schaden an. Vom Koransuren rezitierenden Terroristenkind in Syrien bis zu den amerikanischen Kleinstadt-Deppen, die Trump gewählt haben – mit seinen herbeifantasierten Vorstellungen von der Welt prägte er das Weltbild Hunderttausender Leser*innen.

Viele Jahre lang konnte Relotius sein Spiel ungestört treiben, erschlich sich immer mehr das Vertrauen der Kolleg*innen (offenbar auch der Fakt-Checker in der Redaktion) und sahnte unzählige Journalistenpreise ab. Wie abgebrüht muss man sein, sich auf einer Bühne in den Himmel loben zu lassen für gefakete Reportagen? Relotius wurde unantastbar. Er war „der Superstar des deutschen Journalismus“, erzählt sein Kollege Juan Moreno in diesem Video. #aufschrei-Aktivistin Anne Wizorek spricht von einem Geniekult:

Sie hat Recht. Relotius ist auch deshalb so lange mit seinen Fälschereien durchgekommen, weil er ein weißer Mann ist. Weil er seine Storys so erfunden hat, dass sie ins Weltbild weißer SPIEGEL-Redakteure passten. Und weil seine Glaubwürdigkeit als weißer Mann nahezu unerschütterlich ist. Vielleicht ist es kein Zufall, dass der Kollege, der ihn enttarnte, ihn kaum kannte und daher nicht im geringsten starstruck war. Und dass dieser Kollege Juan Moreno heißt.

Wie schwer muss es Moreno gefallen sein, sich diesem Geniekult entgegenzustellen, anfänglichen Verdachtsmomenten konsequent nachzugehen, dem bis dato unbescholtenen Kollegen heimlich hinterherzurecherchieren? „Wie ein Whistleblower“, schreibt der SPIEGEL etwas naiv. Moreno ist ein Whistleblower. Er tat das einzig Richtige, brachte seine Zweifel intern zu Gehör, blieb dran an der Sache, vertraute auf seinen Instinkt.

Ein Grund, warum Betrüger oft so spät auffliegen, ist, dass das Ausmaß ihres Betrugs die Vorstellungskraft ehrlicher Menschen übersteigt. Niemand will das Ungeheuerliche glauben. Niemand will das eigene Selbstbild eines pfiffigen Menschen, der nicht so leicht aufs Glatteis zu führen ist, derart erschüttert sehen. Niemand möchte einen bis dato unverdächtigen Kollegen etwas anhängen. Niemand will die Petze sein.

An dieser Stelle ein kleiner Abstecher zu dem genialen Film „Der Betrug“. Er zeigt, wie Naivität, Fährlässigkeit und das Verdrängen des Bauchgefühls einem Betrüger in die Hände spielen.

Oft ist die Motivation des Betrügers unklar – das verwirrt diejenigen, die einen Anfangsverdacht hegen. Warum macht der das? Hat er doch gar nicht nötig, ist doch ein talentierter Kerl? Last but not least tut der Täter alles, um seine Spuren zu verwischen. Schließlich hat er jahrelange Erfahrung im Betrügen.

Gegen all das und seine eigenen Zweifel kämpft der Whistleblower an und riskiert dabei seine eigene Reputation, oft sogar seinen Job. Und er bekommt Gegenwind: Wie der SPIEGEL offen zugibt, war es zunächst Moreno, dem Stänkerei unterstellt wurde.

Als der Täter zur Rede gestellt wird, „verteidigt [er] sich auf ebenso brillante wie verschlagene Weise“, schreibt der SPIEGEL. Ja, das ist der Job des Betrügers: so lange weiterzumachen, wie es geht. Nach dem Motto „Bis jetzt lief’s ja ganz gut.“

Der SPIEGEL dürfte alle Hände voll zu tun haben, diesen Fall aufzuarbeiten. Was genau ist gefälscht? Wie ging der Täter vor? Wer sind die Opfer? Wie kann verhindert oder zumindest erschwert werden, dass so etwas wieder passiert? Vorschläge gibt es viele: mehr Fact-Checking, weniger Fokus auf glanzvolle Reportagen, Abkehr vom Starkult.

Was mir bislang in der Debatte fehlt: eine konsequente Strafverfolgung, denn schließlich hat der Mann seinen Arbeitgeber um seine Leistung betrogen. Von allen anderen hier beschriebenen Schäden mal abgesehen, die sich nicht beziffern lassen.

Ich hoffe sehr, dass der SPIEGEL kein Appeasement betreibt. Schon liest man dort über Relotius: „Einer von uns, der mental in Not geraten ist und dann zu den falschen, grundfalschen Mitteln griff. Er hat auch unser Mitgefühl.“ Nett gemeint, aber Claas Relotius hat mit Menschen gespielt: seinen Kolleg*innen, Protagonist*innen, Leser*innen. Er war die ganze Zeit keiner von Euch. Er war ein Betrüger.

Und hey, ich hätte da noch ne Idee, wie man den nötigen Umbau der Redaktion vorantreiben könnte: weniger rumpimmeln. Mehr Frauen, Migrant*innen, behinderte, queere Menschen einstellen, vor allem auch in Führungspositionen. Die ticken anders, die nehmen weniger als gegeben hin. Wenn weiße Männer es schwerer haben, einander zu protegieren und mit Preisen zu bewerfen, ist schon viel gewonnen.

Update: Kursiv gesetzte Sätze wurden am 21.12.2018 ergänzt.

Screenshot: SPIEGEL ONLINE

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Ein Kommentar

  1. Danke, Lydia.

    Möglicherweise kann der Herr Kriesel bei der Aufarbeitung behilflich sein:

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