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Das Leben ist kein Ponyhof

Und das Leben ist auch kein Wunschkonzert. Nee, das Leben ist nämlich dazu da, hart zu arbeiten, das Bruttosozialprodukt zu erhöhen und am Ende tot umzufallen. Also, schön die Klappe halten und weitermalochen. Das ist die Botschaft, die von angeblich vernünftigen Menschen verbreitet sind.

Äußerungen dieser Art sind sehr beliebt (s. dieser Artikel: „Arbeit wurde nicht erfunden, um uns glücklich zu machen“). Das mag auch daran liegen, dass sie den Absender in ein vermeintlich positives Licht rücken: Da ist jemand keiner von diesen tranigen Träumern / Faulenzern / Idealisten, die ewig nach dem Glück suchen – sondern ein knallharter Realist, der das mit dem Ponyhof schon im Sandkasten erkannt hat. Glückwunsch!

„Selbstverwirklichung ist eben nicht für jeden“

Es gibt zwei Typen von Gegnern des Ponyhof-Lebens. Da sind zum einen die bereits Selbstverwirklichten, die ein geiles Leben führen – mit Haus, Boot, jeder Menge persönlicher Freiheit und vielleicht sogar einem Pony. Und genau diese Leute vertreten gern die Ansicht, nicht jedem Plebs stünde dieses Privileg zu. Wo kämen wir denn da hin?! (Am Ende noch zu einer weniger kranken Gesellschaft mit zufriedeneren Menschen…)

Und dann sind da die Langzeitfrustrierten, zu denen ich auch einmal gehört habe. Wobei ich immer wusste, dass es eine andere Welt gibt da draußen. Ich wusste das, weil ich eben schon viel ausprobiert hatte und auch mal Risiken eingegangen bin – im Gegensatz zu vielen Kollegen, die teilweise seit ihrer Lehrzeit in unserer sicheren Hierarchie-Organisation (HORG) feststeckten und dem Glaubenssatz „Woanders is‘ auch Scheiße“ verfallen waren.

Unter den Frustrierten gibt es Leute, die gönnen es anderen einfach nicht, dass sie glücklich bei der Arbeit sind. Sie reden sich die Welt schlechter, als sie ist, um sich besser zu fühlen.
Beide Typen haben jede Menge Argumente in petto, warum das Streben nach Selbstverwirklichung im Job totaler Quatsch ist:

„Hauptsache, Arbeit – egal, was!“

Dahinter steckt, wie mein Bloggerfreund und Coach für Arbeitssuchende Ardalan sehr schön analysiert, eine tiefsitzende Angst vor Arbeitslosigkeit. Für mich geht das sogar darüber hinaus: Existenzangst – also die Angst, ohne Arbeit und Geld nicht mehr zu existieren (oder keine Existenzberechtigung mehr zu haben), beherrscht viele Menschen und wird von außen befeuert.
Vielleicht ist das so eine Urangst aus längst vergangenen Zeiten, als man wertlos für die Gemeinschaft wurde, wenn man sich ein Bein gebrochen hatte. Fairerweise muss man sagen, dass die Zeiten in Deutschland noch gar nicht so lange her sind, als eine Behinderung ausreichte, um als „lebensunwert“ aussortiert und ermordet zu werden.

„Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ – diesen brutalen Grundsatz setzten die Nazis in die Tat um, indem sie behinderte Menschen verhungern ließ. (Details über das Euthanasieprogramm vermittelt der Spielfilm „Nebel im August“.)
Es kommt dann gern der Einwand, es gäbe eben Menschen, die müssten schon froh sein, einen Scheißjob für ein paar Euro Stundenlohn zu bekommen. Isso. Ach ja? Was für eine menschenverachtende Ansicht. Sicher haben Menschen unterschiedliche Voraussetzungen und dadurch unterschiedlich gute Wahlmöglichkeiten.

Durch die Parole „Hauptsache Arbeit!“ aber werden Menschen kleingehalten und in ungesunde Arbeitsverhältnisse gedrängt. (Das gibt es leider – ich finde es schlimm, dass auch noch als normal und gerecht anzusehen und Dankbarkeit dafür einzufordern.) Damit verwandt ist das Argument:

„Früher war man froh, überhaupt Arbeit zu haben“

Ja. Früher hatten wir auch nen Kaiser und haben in nen Pisspott gepieschert. Seien wir doch froh, dass diese Zeiten vorbei sind. Darauf, Menschen immer wieder runterzustoßen auf dieses „Sei doch dankbar, dass du überhaupt einen Job hast“, basiert ja der gesamte Arbeitswahn unserer Gesellschaft.

Man hält Menschen klein, indem man ihnen immer wieder erzählt, mehr sei leider nicht drin. Entfaltung? „Fällt aus wegen is nich“, wie wir Berliner sagen. Das ist ein Mangeldenken: Mangel an Fantasie, Mangel an Möglichkeiten, Mangel an Freude.
Alle, die behaupten, das Recht auf Selbstverwirklichung sei ungleich verteilt, sollten sich auch bewusst machen, dass frühere Generationen oft nicht die Ressourcen (Zeit, Geld, Gelegenheit, Bildung, Förderung) hatten, um sich aussuchen zu können, was sie arbeiten möchten. Obwohl sie eine Menge Potenzial hatten. Und seit der Erfindung der Lohnarbeit hieß die naheliegende Lösung eben oft, sich irgendwo zu verdingen.

Das hat sich aber für einen Großteil der Menschen in den entwickelten Ländern bereits geändert. Wer gut ausgebildet ist oder wem die Natur ein paar Talente zugeteilt hat, der kann es sich eben aussuchen, wo, was, wieviel und wie er arbeitet. Wunschkonzert!

Statt über „Jammern auf hohem Niveau“ zu klagen, sollten wir uns überlegen, wie wir denjenigen Menschen Chancen eröffnen können, die bisher keine hatten. Quasi das Niveau des Jammerns insgesamt erhöhen.

„Ich bewundere, wie Ihr Euch aufopfert!“

Selbstverwirklichte Anhänger der Ponyhof-Theorie tarnen ihre Verachtung für den Pöbel gern durch Lob für die hart arbeitende ALDI-Kassiererin, irgendeinen Sachbearbeiter und natürlich, nicht zu vergessen, den wackeren Müllmann und die sich aufopfernde Krankenschwester.

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Mich erinnert das auf sehr unschöne Weise an Donald Trump, der auch dauernd von den hard working people faselt. Vielleicht hat er unterschwellig ein schlechtes Gewissen, weil er selbst noch nie richtig gearbeitet hat?
Ich kann ihn mir jedenfalls sehr schlecht bei irgendeiner Funktion vorstellen, wo er selbst etwas erledigen muss, statt zu delegieren. Diese fast schon mitleiderregend weltfremde Unfähigkeit kann man auch immer wieder in der Sendung „Undercover Boss“ bewundern, wenn Bosse plötzlich an der Basis richtig arbeiten sollen. „Ui, das ist aber anstrengend!“ (Ich als Ex-Führungskraft kann das sogar bestätigen: Man verliert tatsächlich die Fähigkeit, selbst zu arbeiten, wenn man nur noch Aufgaben verteilt. Die Entfremdung der Führungskräfte von der Arbeit – auch ein schönes Blogthema.)

„Selbstverwirklichung ist nur was für Auserwählte“

Und überhaupt: All die schönen Aussteigergeschichten vom ehemaligen Manager, der eine Marmeladenmanufaktur in seinem Keller eingerichtet hat, vom Herzchirurgen, der lieber LKW fahren wollte oder von der Anwältin, die sich zur Friseurin hat umschulen lassen (persönlich bekannt) – das sind Ausnahmen, weit entfernt vom realen Leben. Weil es nämlich Schicksal ist, an der Supermarktkasse zu versauern, statt sein einzigartiges Potenzial zu entfalten.

Sind diese Storys wirklich nur inspiration porn, wie die Amis es nennen? Sonntagslektüre, nach der uns ein wohliger Schauer befällt ob der Möglichkeiten, die da draußen – zumindest in der Theorie, aber leider nicht für uns – existieren? Außerdem:

„Was, wenn plötzlich alle nur noch auf dem Selbstverwirklichungstrip wären?“

TSA_jeder kommen
Eine weit verbreitete Angst bei Gegnern der Selbstverwirklichung und ein prima Totschlagargument. Nach dem Motto: „Irgendwer muss ja die Gesellschaft hier am Laufen halten. Ich bin es nicht, weil ich mir lieber einen extrem gut bezahlten Bullshitjob gesucht habe, aber hey – ganz lieben Dank noch mal, Müllmann und Krankenschwester!“

Scheinbar gibt eine irrationale Angst, dass all die Schafe, die immer noch jeden Montag früh zum hard working an ihren ungemütlichen Arbeitsplatz traben, irgendwann aufwachen und sagen: Mensch, warum werde ich nicht einfach Bestseller-Autor und international gefragter Redner? Auch ich träume davon, ich geb’s zu.

Klar tut es der Gesellschaft viel mehr weh, wenn Pflegekräfte aussteigen, als wenn ein paar ausgebrannte Bullshitjobber den Hut nehmen. Genau das sollte uns veranlassen, die Arbeitsbedingungen und die Entlohnung für diejenigen zu verbessern, die zum Funktionieren unserer Gesellschaft beitragen.

Im Übrigen ist es natürlich eine Unterstellung, dass Müllmann und Krankenschwester sich aufopfern. Ich kenne ich einige Leute, die in der Pflege oder Kindererziehung arbeiten. Sie lieben ihren Job – trotz aller Probleme – und sind mit Leidenschaft dabei.
Wie arrogant zu behaupten, eine Kassiererin oder ein Müllmann könnten nicht glücklich in ihrem Job sein. Das kann sich ein verhirnter Bürohengst wohl nicht vorstellen, wie befriedigend Arbeit mit den Händen sein kann. Es geht doch vielmehr darum, dass ein Mensch die Aufgabe und den Platz findet, an dem er sein Potenzial am besten entfalten kann.

„Die können halt nichts anderes“

Schon in den letzten Jahrzehnten wurden aus einfachen Jobs komplizierte (z. B. von der Bandarbeiterin zur Maschinenbedienerin). Durch die Digitalisierung werden sehr viele Jobs wegfallen – niemand ist safe, auch ich nicht.
In einer ähnlichen Situation, bei der ersten Welle der Automatisierung in der Automobilindustrie, gründete der Philosoph Frithjof Bergmann in der Autostadt Flint (Michigan) sein „Zentrum für Neue Arbeit“. In einem Vortrag auf der Xing New Work Experience 2017 schildert er, wie er mit Fließbandarbeitern darüber sprach, welche Arbeit sie sich denn wünschen würden.

Natürlich hat Bergmann ihnen nicht einfach diese Frage vor den Latz geknallt. Er hat sie langsam darauf vorbereitet, um sie nicht zu überfordern. Und trotzdem brachen nicht wenige der Arbeiter in Tränen aus. Noch nie zuvor in ihrem ganzen Leben hatte ihnen jemand diese Frage gestellt: Wie sieht eine Arbeit aus, die du wirklich, wirklich willst? Einige Leute muss man also überhaupt erst mal fragen.

„Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“

Auch diesen Glaubenssatz können wir widerlegen. Wie viele Leute haben mir schon erzählt, dass sie den falschen Job ergriffen haben und gern komplett umsteigen würden – es aber nicht können, weil sie ihren Lebensstandard nicht völlig aufgeben wollen. Man ist halt keine 20 mehr…

Ein bezahlbares Erwachsenenbildungssystem wäre eine Idee. Menschen, die aussteigen wollen, eine Chance bieten, nebenberuflich einen neuen Beruf (vom Handwerk bis zur Geisteswissenwissenschaft) zu erlernen, ohne das bereits Erarbeitete komplett aufgeben zu müssen. Denn daran scheitert es in der Praxis oft: Die Miete/Hausrate muss bezahlt werden, Kinder müssen versorgt werden – da ist ein Ausstieg nicht drin. Oft kostet es schlichtweg zu viel Geld und Zeit, aus dem vorgezeichneten Berufsweg aus- oder umzusteigen.

Teilzeitregelungen für Lernwillige oder mehr Bildungsurlaub wären daher hilfreich. Alles, was Menschen unterstützt, zu wachsen. Denn wer profitiert davon, wenn mehr Menschen das machen, was ihnen Spaß macht und was sie als sinnvoll empfinden? Wir alle.

Erfüllung durch Arbeit? Jawoll.

Letztlich wollen die Ponyhof-Hasser uns nur sagen, dass unsere Erwartungen an die Arbeit zu hoch sind. Mich macht das deshalb so sauer, weil ich ja viele verschiedene Sachen mache und so den Unterschied zwischen erfüllender und nicht erfüllender Arbeit jeden Tag spüren kann. Und der ist himmelweit.

Ob meine Arbeit mir Energie (oder nenne es Spaß oder Erfüllung) gibt oder ob sie mich Energie kostet und eventuell in den Burnout führt, ist eben nicht egal. Das weiß man allerdings erst, wenn man selbst die Erfahrung gemacht hat, wie befriedigend Arbeit sein kann – wie sie einen im wahrsten Sinne des Wortes nähren kann. Arbeitsqualität ist Lebensqualität. So etwas anderen nicht zu gönnen und ihnen sogar den Versuch schon ausreden zu wollen, finde ich ungehörig.

Und ganz ehrlich: Wir haben wohl eher nicht das Problem, dass die Menschen zu hohe Ansprüche an ihre Arbeit haben. Meine Erfahrung ist sogar, dass viele Menschen sich mit zu wenig zufriedengeben (oder sich zu viel gefallen lassen).
PS: Pony Minimax von meinem Lieblingsbauernhof findet: Das Leben ist ein Ponyhof.

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5 Kommentare

  1. Das glaube ich auch :
    ”Ein bezahlbares Erwachsenenbildungssystem wäre eine Idee. Menschen, die aussteigen wollen, eine Chance bieten, nebenberuflich einen neuen Beruf (vom Handwerk bis zur Geisteswissenwissenschaft) zu erlernen, ”
    Ich glaube sogar, das Coach und Trainer Ausbildungen deshalb einen so grossen Zulauf haben, weil sie nebenher ablaufen und neue Berufsaussichten woanders versprechen. Erwachsenbildung als “Umschulungsthema” für unglückliche, wäre ein Riesen Feld für IHK und Volkshochschule. Programme anzubieten, wo die Leute danach was anderes arbeiten könnten und auch attraktiv für den Arbeitsmarkt wären. Ein Traum.

  2. So true! Ich will auf den Ponyhof!!
    Darf ich mein Pony mitbringen🤗?
    Es ist ein Mini-Pony und benimmt sich auch… meistens😬.
    Gruss
    Jörg Wellenkötter

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