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Geh doch mal undercover, Boss!

In der RTL-Sendung Undercover Boss mischen sich Geschäftsführerin oder CEO verkleidet (!) unters Volk und arbeiten an verschiedenen Standorten ihres Unternehmens mit. Als vermeintlich arbeitslose Praktikanten werden sie dabei offen von einem Kamerateam begleitet.
Nun ist so eine Fernsehshow natürlich in erster Linie eine Show – wer wüsste das besser als ich. Trotzdem, finde ich, kann man einiges daraus lernen.
Die meisten Topmanager verlieren bekanntlich auf dem Weg nach oben die Bodenhaftung. Und daran sind beide Seiten schuld.

Erst vor ein paar Tagen schilderte der Ex-Drogeriekönig Anton Schlecker vor Gericht seinen Arbeitsweg: Jeden Morgen seien er und seine Frau direkt von der Tiefgarage des Bürogebäudes in den Privataufzug gestiegen und ohne Halt in die Chefetage gefahren. Also maximale Distanz zu den Untergebenen. Leider tun es ihm viele Oberhäuptlinge gleich: So hält man sich den Pöbel vom Hals und kann – unbeeindruckt von der Realität – gemütlich am grünen Tisch herumplanen.
Gleichzeitig bekommen die Bosse aber kein ehrliches Feedback mehr von unten. Sie wollen es nicht – aber diese Grenze übertritt auch kaum jemand. Niemand will der Überbringer schlechter Botschaften sein. Niemand will die Hand beißen, die einen füttert.
Raumschiff an Basis, bitte kommen
Will man also als Boss wissen, was Sache ist, so kann man eine Veranstaltung (neudeutsch: Townhall) einberufen, in der jeder Fragen stellen darf – es trauen sich aber gerade in autoritären Strukturen die wenigsten, in so einer exponierten Situation kritische Punkte anzusprechen.
Oder aber man fordert die Mitarbeiter auf, einem zu schreiben. Auch diese Chance werden nur die wenigsten ergreifen, denn der HORG-Mitarbeiter hat verinnerlicht: „Wer schreibt, der bleibt.“ Und: „Ich bin doch nicht blöd.“
Manch ein Boss verlässt sich auf seine persönlichen Agenten, die von der Front berichten. Die Stasi lässt grüßen. Wie man aber aus zahlreichen Spionagefilmen weiß, sind Agenten von Natur aus eher unehrliche Gesellen – und haben oft ihre eigene Agenda…
Mit Einzelgesprächen könnte der Oberhäuptling viel erreichen – aber dazu müsste er wissen, wen er fragen muss.
Insofern ist also die Idee, einen Tag als Praktikant verkleidet irgendwo aufzutauchen und mitzumalochen, ziemlich vielversprechend.
Wobei ich mich bei jeder einzelnen Sendung frage: Ist es nicht eigentlich ein Armutszeugnis, wenn die Mitarbeiter den Oberhäuptling (meist nur notdürftig mit einer billigen Perücke und einer neuen Brille getarnt) nicht erkennen? Nicht am Gang, nicht an der Stimme? Wie oft hat der sich denn überhaupt mal an der Basis blicken lassen? Manch einer käme wohl auch ohne Verkleidung aus…

Buffets, Inc
Witzig, wie sich die Fernsehleute den „Normalo“ vorstellen… (c) Buffet Inc.

Am meisten amüsiert mich zu sehen, wie schnell die Manager erschöpft sind, wenn sie mal körperlich arbeiten müssen. Von wegen: „Ich stehe jeden Morgen um 4 Uhr auf und dann gehe ich erstmal ne Stunde laufen, bevor ich mich ins Büro setze.“ Mit der Fitness der meisten Schreibtischtäter ist es nicht weit her (mich eingeschlossen).
Mangelndes Engagement oder fehlendes Talent des Undercover Bosses werden auch oft von den Mitarbeitern kritisiert: „Naja, er hätte bisschen mehr anpacken können.“ Oder auch das vergiftete Lob: „Jo, hat sich ganz gut angestellt, das wird schon noch.“ 😀
Oh! Know-how! Motivation!
Überhaupt sind die Oberhäuptlinge immer bass erstaunt, was ihre Angestellten so alles drauf haben. Und wie motiviert die sind – um nicht zu sagen, wie sie sich den Hintern aufreißen, oft für wenig Geld. Ich habe noch nicht eine Sendung gesehen, wo der Boss meinte: „Das habe ich von unseren klasse Leuten auch nicht anders erwartet.“ Oder so was in der Art.
Den meisten porträtierten Mitarbeitern bedeutet ihre Arbeit wirklich was und sie hängen sich richtig rein. Das finde ich schön zu sehen, auch wenn ich mir VIEL weniger Obrigkeitshörigkeit wünschen würde. (Und natürlich werden Blindgänger oder Revoluzzer nicht für die Show gecastet, schon klar.)
Lustig ist, dass der „Praktikant“ jetzt ganz unten in der Hierarchie steht, aber ab und zu kommt doch die Führungsrolle durch. Das sind kleine Gesten („Wir gehen jetzt mal hier rüber“, einladende Handbewegung mit Grandezza) oder die bestimmende Art, wie Fragen gestellt werden. Wer fragt, führt eben. 😛
Auf den verschiedenen Stationen der Reise durch sein eigenes Unternehmen entdeckt der Undercover Boss natürlich auch Mängel – oder sie werden freimütig angesprochen. Da staune ich immer, dass die Firmen es zulassen, so etwas öffentlich zu machen. Ein Hotelkoch, der das falsche Schneidbrett benutzt und dadurch Lebensmittelvergiftungen provoziert – schlimm genug.
Als jedoch beim TÜV ein Prüfer berichtet, dass die Prüfsoftware immer wieder Mängel nicht abspeichere, dachte ich: Wow, ich weiß nicht, ob ich als Pressesprecherin zugelassen hätte, dass das gesendet wird. Da geht es ja an die Kernkompetenz des Unternehmens: Mängel finden und dokumentieren. Jedenfalls habe ich Respekt davor, dass das so offengelegt wird. (Wir Zuschauer wissen natürlich nicht, was noch so alles rauskommt und nicht gesendet wird…)
Und dann kommt’s:
Der Showdown
Die Mitarbeiter der einzelnen Stationen werden in die Zentrale eingeladen. Sie wissen nicht, worum es geht. Die wenigsten können locker damit umgehen. Naja, man weiß ja auch, dass in der Zentrale der Wahnsinn tobt. 😛
Viele haben Angst oder gar Panik, einige bashen sich sofort selbst: „Was hab ich falsch gemacht?“ Sie sind schon allein vom Ambiente der Zentrale eingeschüchtert. Diese Machtdistanz ist erschreckend.
Mit Schweiß auf der Stirn betritt der Angestellte aus dem Standort Posemuckel dann das Chefbüro. Der Boss klärt die Situation auf (große Erleichterung) und zieht dann ein Fazit seines Aufenthalts.
Meistens heißt das: Er lobt. Und zwar aus ganzem Herzen – eben weil er selbst erlebt hat, wie die Leute ackern. Der Effekt haut mich immer wieder um. Die Mitarbeiter sind völlig überrascht, sie freuen sich, manche weinen. Oh Mann, was ein simples Lob alles bewirken kann.
Während des „Praktikums“ hatte der Boss auch die private Situation erfragt und versucht herauszufinden, was die Mitarbeiter sich wünschen. Diese Träume sind meistens sehr bescheiden: eine kleine Urlaubsreise, eine Weiterbildung oder innerhalb der Firma weiterzukommen.
Das Geschenk
Beim Abschlussgespräch erfüllt der Boss dann diese Wünsche. Auch das ist rührend. Ein Sachverständiger beim TÜV, der noch in der Ausbildung war, outete sich als Mercedes-Oldtimer-Fan. Er bekam ein exklusives Einzelseminar bei Mercedes – und freute sich nen Ast. Da sieht man mal wieder: Der ultimative Büronymus-Management-Tipp funktioniert. Frag die Leute, was sie brauchen und dann gib es ihnen.
Wie so oft im Privatfernsehen bleibt ein Geschmäckle insofern, als die Mitarbeiter bei den Dreharbeiten hinters Licht geführt wurden. Manch einer öffnet sich schon sehr und bereut es vielleicht hinterher.
Ich frage mich sowieso, wie es nach der Sendung weitergeht:

  • Bleiben Oberboss und Mitarbeiter beim Du, auf das sie sich beim Praktikum geeinigt hatten?
  • Gibt’s vor Ort Ärger mit dem direkten Vorgesetzten, weil Missstände ganz nach oben gedrungen sind?
  • Sind die Kollegen neidisch wegen der Aufmerksamkeit und natürlich wegen des Geschenks?
  • Wie lange hält der Respekt für die Arbeit der Angestellten, den der Undercover Boss aus der Sendung mitgenommen hat?
  • Überhaupt, wie kommt die Sendung bei der Belegschaft an? Verändert sie etwas?

Bodenkontakt verpflichtet
Bodenkontakt zahlt sich jedenfalls aus. Natürlich wäre es viel schöner, wenn man sich dafür nicht verkleiden müsste. Wenn ein dermaßen offenes Klima herrschte, dass man ehrlich sagen könnte, was Sache ist. Wenn auch die Mitarbeiter beim Besuch des CEO keine Potemkinschen Dörfer aufbauten. („Läuft bei uns!“)
Ich hab’s mal gemacht und bin (allerdings in Querschnittsfunktion, also nicht als Vorgesetzte) an verschiedene Standorte gefahren, um zu fragen, wo der Schuh drückt. Offensichtlich konnte ich ziemlich schnell Vertrauen herstellen und habe vieles erfahren. Ich war erstaunt, wie offen die Leute waren. Man muss einfach mal die richtigen Fragen stellen.
Früher oder später muss die Führung dann aber auch Taten sprechen lassen und die angesprochenen Probleme anpacken. Da versickert die Aktion dann meistens… Vielleicht ist es das, was viele Bosse davon abhält, sich mit der Basis auseinanderzusetzen: Sie müssten dann handeln.
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Foto: Pixabay

12 Kommentare

  1. Siri

    Ich habe mal in einer Firma gearbeitet, in der der Chef, wenn er sich überhaupt mal in der Firma hat blicken lassen (nach dem Urlaub ist vor dem Urlaub), sein eigenes abschließbares (!) Klo benutzt hat. Mit dem Pöbel wollte man sich nicht die Schüssel teilen.
    Die Person hat auch nie selbst mit den Leuten an der Basis kommuniziert, sondern nur in ihrem geschützten Kreis von ein paar Leuten. Wie du auch schon beschrieben hast, haben die natürlich nie offene Kritik an Entscheidungen geübt. (Die Hand, die mich füttert 🙂

    • Vielleicht Reizdarmsyndrom. 😉 Solche Geschichten sind der Grund, warum ich über diese Themen schreibe. So etwas gibt es, auch wenn manch einer sich das kaum vorstellen kann…

      • Siri

        Haha, das würde einiges erklären 🙂
        Hoffentlich wird es noch viele Geschichten bzw. Artikel von dir gehen 🙂

  2. Ich finde die Idee von Undercover Boss gar nicht so verkehrt, allerdings habe ich meine Zweifel, dass auch nur irgendwas von dem, was dann an Missständen entdeckt wird, wirklich geändert wird. Gibt ja so gesehen kein Follow up dazu. Diese Beschenkerei der Mitarbeiter am Ende finde ich nervig, in den meisten Fällen total überflüssig (bis auf wenige Ausnahmen, wo der MA wirklich auch länger was von hatte). Da es eh nur auf freiwilliger Basis läuft, sind dann ja meist eh nur Chefs unterwegs, die zumindest in Ansätzen Veränderungswillen haben. Was bedeutet, dass Firmen/Konzerne, in denen heftig was im Argen ist, sowieso nie auftauchen in solchen Sendungen (eher noch bei Team Wallraff, wobei das auch irgendwie nur grenzwertig-glaubwürdig ist).

    • Die Fernsehsender sehen ihre Aufgabe leider nicht darin, die Welt zu verändern. Die wollen nur spielen… Dafür, dass man vermeintlich ausgewählte Firmen sieht, liegt da doch ganz schön viel im Argen. Vor allem diese Machtdistanz finde ich heftig, also wie hierarchisch es in einigen Branchen oft noch zugeht. Da hat der Boss fast Gottesstatus.

      • Leider sehen sehr wenige Medien ihre Aufgabe noch darin, Veränderungen anzustoßen. Und was da so „im Argen“ ist, da habe ich selbst schon schlimmeres erlebt.

  3. Wegen all dem sind die „Entscheiderinnen auf Zeit“ für mich so attraktiv. Gerne per Wahl. Noch lieber per Losentscheid. Dann gibt’s immer wieder den Perspektivenwechsel. Oder halt gleich Soziokratie mit ihren Kreisen. Oder es kommt zusammen, wer was zum Thema beizutragen hat + Konsent-Prinzip. Oder eben die Boss, die weiß, dass sie nichts weiß und deswegen zu allem Relevanten, inklusive und vor allem Strategie, die Leute fragt, die mehr Ahnung davon haben können als sie (qua Position/Rolle/tägl. Interaktion mit best. Personen/Themen). Oder die sich nur als Raumgeberin und Erhalterin des Raumes sieht, in dem die, die die eigentliche Arbeit machen, auf sinnvolle Weise zu Entscheidungen kommen können (Moderatorrolle). – Es gäbe ja SO viele Möglichkeiten…
    …Geht allerdings alles nur, wenn Entscheiderinnen nicht sowieso von außen bestimmt werden. Wie wohl mittlerweile in den meisten Unternehmen mit mehr als 50 Mitunternehmern. – Oder täusch ich mich da?

  4. […] Büronymus ~ Die menschliche Seite der Arbeit gab es am 17. März einen Artikel zur Sendung Undercover Boss und neben dem Beleuchten der Sendung auch einige Ansätze, die man im eigen Betrieb mal […]

  5. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass manche Angestellten recht froh sind, wenn sich der Boss nicht ständig bei ihnen blicken lässt. Entweder aus schlechtem Gewissen oder nach dem Motto „Ist mir egal, wer unter mir der Chef ist“.
    Ich kenne diese Sendung nicht und werde sie mir wahrscheinlich auch nicht ansehen. Denn wahrscheinlich finde ich sie genauso blöde, wie ähnliche Formate.
    Schon allein das Foto von dem so dämliche verkleideten Chef regt mich auf.
    LG
    Sabienes

  6. Ich bekam mal den Hinweis: „Weg vom Schuss gibt alte Krieger“. Der Spruch meint wohl, wenn der Chef sich nicht für dich interessiert und du parallel an ihm vorbei lebst, kannst du in dem Unternehmen alt werden. Ich glaube die Mitarbeiter bei Schlecker hatten „oft“ eine lange Verweildauer.

  7. […] Diese fast schon mitleiderregend weltfremde Unfähigkeit kann man auch immer wieder in der Sendung „Undercover Boss“ bewundern, wenn Bosse plötzlich an der Basis richtig arbeiten sollen. „Ui, das ist aber […]

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