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Welcome to Corona Virus Inc.

„So, wie geht’s denn voran bei Euch?“, Olga Koronowa, CEO der Corona Virus Inc., blickt in die Runde ihres Managementteams. Endlich hatte die Crème de la Crème der Virusbranche mal Zeit, sich im Headquarter auszutauschen. „Sales! Erzählen Sie doch mal.“ Vertriebsleiter Janusz Koronowsky kann seine Freude kaum verhehlen: „Unser neues Produkt wird uns buchstäblich aus den Händen gerissen. In Europa gehen die Zahlen gerade durch die Decke, einfach nur wow. Unsere Pilotprojekte in China und Italien liefen großartig, die anderen Länder sind noch emerging markets. In Südkorea haben wir bisschen Absatzprobleme, die steuern mit Massentests dagegen. Aber ich denke, die USA werden die nächste große Erfolgsstory für uns.“

Produktionsleiterin Maria Coronita Rodriguez stöhnt auf: „Ehrlich gesagt, wir kommen gar nicht mehr hinterher mit der Virusproduktion. Der Markt ist fast leergefegt, wir sind nur noch am Reproduzieren.“

Hätte eigentlich Grund zu guter Laune: Olga Koronowa, CEO Corona Virus Inc.

Triumphierend wirft Pressesprecherin Corina Hustenkamp einen Stapel Zeitungen auf den Tisch: „Sehen Sie zu, dass Sie für Nachschub sorgen, Kollegin. Wir müssen das Momentum ausnutzen. Schauen Sie mal hier, unsere Reichweite explodiert gerade: New York Times, Guardian, SPIEGEL, Apothekenumschau, wir sind überall auf den Titelseiten. Das ist Agenda-Setting vom Feinsten. ARD-Brennpunkte drehen sich nur um uns. Twitter läuft heiß. Und jeden Morgen in aller Herrgottsfrühe muss ich mit einem gewissen Drosten telefonieren, unangenehmer Typ. Ich glaub, der mag uns nicht.“

„Habt Ihr gestern diesen Opa aus Leipzig im Fernsehen gesehen, der meinte, er würde auf jeden Fall auf seine Enkelkinder aufpassen? Das müsse ja jeder selber entscheiden?“, Janusz Koronowsky schüttelt sich vor Lachen. „Dem verkauf ich unser Produkt höchstpersönlich, bitte besorgt mal die Adresse.“

„Moment, was ist mit Datenschutz?“, meldet sich Robert Koronian, Chef der IT-Abteilung. „Außerdem laufen unsere Systeme schon auf Hochtouren, ich kann nicht ständig Adressdaten durchforsten. Nicht, dass das Netz zusammenbricht und wir kein Netflix mehr haben.“ „Scheiß drauf, das ist unsere Chance“, entgegnet der Vertriebsleiter. „Den Opa kriegen wir.“

„Vielleicht ist die ganze Kampagne ein Intelligenztest. Es ist doch faszinierend, wie unterschiedlich die Leute auf unser Produkt reagieren, obwohl alle dieselben Informationen bekommen“, sinniert die Pressesprecherin. „Naja, bis auf diejenigen, die unsere Fake News glauben. Die sozialen Medien haben wir ja schon lange erfolgreich infiziert. Dann noch diese Pseudo-Newsportale, in denen sich die Rechten tummeln. Die verbreiten weiterhin, wie harmlos wir sind. Läuft.“

Olga Koronowa wendet sich an den Lobbyisten von Corona Virus Inc. „Ali, wie läuft’s in der Politik?“ Ali Koronahzadeh kratzt sich verlegen. „Schwierig, die verbünden sich gerade gegen uns. Machen die Grenzen dicht, verhängen Ausgangssperren. Wenn dieses Social Distancing ein Trend wird, könnten wir Probleme kriegen. Naja, immerhin haben wir unsere Agenten, Trump, Bolsonaro. Johnson hatte einen genialen Plan, der wollte eine riesige Bestellung für Großbritannien bei uns aufgeben. Wollte das seinem Volk als Herdenimmunität verkaufen – fast hätte es geklappt. Aber dann haben seine Experten nachgerechnet und naja, doppelt so viele Tote riskieren, das war ihnen dann doch zu heiß. Johnson ist nicht mehr unser Mann, der bekämpft uns jetzt. In Deutschland haben wir übrigens nur so einen verwirrten Arzt gefunden, der unsere Interessen vertritt.“

Plötzlich wird es still. „Sagt mal, wo ist eigentlich der Kollege Körönoglu von Finanzen?“, fragt jemand in die Runde. „Der ist erkältet, er hat wohl letzte Woche eine Ladung Desinfektionsmittel abbekommen“, erklärt CEO Koronowa. „Hoffe, er erholt sich wieder. Marketing, wie sieht’s aus?“

Gute Besserung an den Kollegen Körönoglu!

Virginie Coronnieux vom Marketing windet sich: „Ist ja schön, dass wir gerade viral gehen. Aber ich finde, wir müssen noch mal über die Zielgruppe reden. Vielleicht können wir auch ein paar neue Produkte anbieten, ein bisschen mutie- äh, diversifizieren?“

„Darüber reden wir beim nächsten Meeting. Hervorragende Arbeit bis hierhin, weiter so!“, die CEO rafft ihre Unterlagen zusammen und hüpft Richtung Tür. „Es gibt noch viel zu tun. Machen wir sie krank.“

Hat ethische Bedenken: Produktionsleiterin Rodriguez (re.) im Gespräch mit Vertriebschef Koronowsky.

Personalerin Rodriguez beugt sich zum Vertriebler rüber und flüstert: „Also, langsam kommen mir Zweifel. Findest du das eigentlich richtig, was wir hier machen? All das menschliche Leid, all die Toten?“ Der strafft sich: „Wieso? Ich mache hier nur meinen Job.“


Dies ist natürlich eine Satire. Irgendwie muss ich verarbeiten, was hier gerade passiert. Vielleicht entlockt Euch die Vorstellung, dass in einem Paralleluniversum lauter kleine Viren in ihrem Headquarter ihren Sales-Erfolg feiern, ja auch ein (bitteres) Lachen.

Momentan müssen wir alle damit klarkommen, dass wir nicht wissen, was als Nächstes passiert.

Eine brandneue Studie zeigt: Die Isolierung der Infizierten, die keine Symptome haben und andere anstecken können, ist der Schlüssel, um die Verbreitung zu stoppen. Niemand von uns weiß, ob sie oder er das Virus in sich trägt. Bleiben wir zu Hause. Nur so können wir das Virus stoppen und vor allem ältere Menschen vor einem grausamen Tod bewahren.

Um eine italienische Freundin zu zitieren:

Dieses Virus kann man nur durch Solidarität bekämpfen. Es wird sich zeigen, welche Völker das schaffen.

Bleibt gesund!

Photo by Drew Beamer on Unsplash
Virus-Grafik: Pixabay
Grafik Social Distancing: @SignerLab

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2 Kommentare

  1. Carrie

    Genial 🤣 🤣 🤣 🤣 🤣

    Ich dachte noch, im Zeitalter der Computerisierung sagte man: „Die Menschheit schafft sich selbst ab.“ Das gelang nicht ganz, aber im Zeitalter der Coronarisierung schaffen wir das ganz sicher 😉

    LG

  2. PJ

    Großartig, Lydia.
    Wir werden das als Gesellschaft schaffen, ich bin sicher.
    Es ist Zeit für die Veränderung, die dadurch entsteht.
    <3

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