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Umsonst und draußen

Gelegentlich bekomme ich Anfragen, ob ich Lust habe, umsonst zu arbeiten. Das wird natürlich nicht so ausgedrückt. Sondern so:

Soweit ist erst mal alles klar, Thema, Zeichenzahl und Deadline – das klingt nach einem Auftrag. Nur von einer Bezahlung ist keine Rede. Ich frage also höflich nach, in etwa so: „Vielen Dank, an sich gerne, wie sieht’s denn mit Honorar aus? Ich lebe nämlich vom Schreiben.“ Als Antwort kommt so ein unsägliches Bla, was man ja für eine tierische Reichweite habe usw.

Anatol Stefanowitsch hatte auf Twitter eine passende Antwort dazu, die ich mir wohl auch in Zukunft ab und zu ausleihen werde:

Hm, ein Honorar ist nicht vorgesehen? Wie jetzt? Was wäre, wenn Ihr Gehalt nicht vorgesehen wäre? Ich finde das dreist. Einmal wurde ich sogar gefragt, ob ich nicht Lust hätte, auf eigene Kosten ans andere Ende der Republik zu fahren, um dort einen Vortrag zu halten – natürlich umsonst. Ähm, nö.

Anders als bei vielen anderen sind Texte und Vorträge für mich auch kein Mittel zum Zweck, um irgendetwas anderes zu verkaufen. Sondern sie sind der Zweck. Ich habe nur meine Worte. *seufzschluchzgrein* Und selbst wenn das Eine einen Werbeeffekt auf das Andere haben sollte, ist das normal und kein Grund, jemanden nicht zu bezahlen. Sonst entsteht nämlich irgendwann so ein Honorar-Teufelskreis und man verdient gar nix mehr:

Umsonst ist nur der Tod

… und der kostet das Leben, sagt ein deutsches Sprichwort. Es gibt eine Menge Gründe, warum ich nicht umsonst arbeite. Und wenn doch, dann sollte die Initiative dazu bitteschön von mir ausgehen. Dieses Blog z. B. schreibe ich umsonst. Weil ich Bock drauf habe. Das hier ist mein 217. Beitrag, in jedem Text stecken ungefähr vier Stunden Arbeit  – konservativ geschätzt, an einigen sitze ich viel länger. Ich mache das, weil es mir Spaß macht, weil ich ja irgendwohin muss mit dem ganzen Zeug in meinem Kopf und natürlich, weil es Leute wie Euch gibt, die das gern lesen. Mein Blog ist werbefrei, weil ich Werbung nervig finde. Wer will, kann ein paar Euro dalassen – wenn nicht, ist es auch okay. Alles cool soweit.

Einmal wurde ich auf einer Veranstaltung gefragt, wie es wäre, wenn jemand mich für mein Blog bezahlen würde. Damals wie heute erscheint mir diese Vorstellung absurd, ja unangenehm. So, als würde man dafür bezahlt werden, was Leckeres zu essen, ein Buch zu lesen oder Netflix zu gucken. So strange. Es fühlt sich an, als würde einem etwas weggenommen, obwohl man doch eigentlich etwas bekommt – nämlich Geld.

Angenommen, eine Sponsor*in würde mir jeden Monat einen größeren Batzen Geld überweisen, damit ich hier blogge – zunächst mal wäre mir das höchst suspekt! 😀 Vor allem aber würde es mich lähmen. Ich MÜSSTE plötzlich bloggen, womöglich noch nach Plan – zack, zack, zack!

Vielleicht hätte ich auch das Gefühl, bestimmte Sachen nicht mehr schreiben zu dürfen, weil sie der Sponsor*in missfallen könnten. Damit würde sich Büronymus selbst ad absurdum führen, denn der Witz ist ja gerade, dass ich hier alles schreiben kann, was ich will. Yeehah! (Man spricht ja auch nicht über Geld und ich tu’s trotzdem.) Aber das Allerschlimmste: Plötzlich wäre Bloggen MEIN JOB, und ich will doch gar keinen Job. 😀

Better have my money

Aber, und jetzt kommt das große Aber: Wenn ein kommerzieller Laden meine Blogtexte, Vorträge usw. kostenlos nutzen will, um damit Geld zu verdienen, dann hört der Spaß auf. Dann möchte ich wenigstens ein Zweitverwertungshonorar haben (und auch das ist eher symbolisch – eigentlich sollte sich jeder schämen, das abzulehnen). Abgesehen davon, dass ich die Texte meistens noch mal für Printmedien überarbeite und anpasse, also noch mal weitere Arbeit reinstecken muss. Und dazu kann ich mich dann wirklich nur schwer motivieren, wenn nicht mal der kleinste Rubel rollt.

Ich glaube, es hat auch damit zu tun, dass viele Menschen überhaupt keine Vorstellung haben, wie viel Arbeit Schreiben ist (oder auch einen Vortrag ausarbeiten). Eigentlich war es mir selbst bis vor kurzem nicht klar. Schreiben war halt immer etwas, das ich gemacht habe. Mit den Jahren wurde ich besser – angeblich braucht man ja 10.000 Stunden Übung, bis man richtig gut in einer Sache ist. Das sehen aber viele nicht, sondern denken sich: Ach naja, das kann ich auch. Nee, eben nicht!

Ask Fran Lebowitz

Neulich stieß ich bei einer nächtlichen Youtube-Safari auf die geniale Fran Lebowitz, eine New Yorker Schriftstellerin, die seit Jahrzehnten an einer Schreibblockade laboriert. In der Zwischenzeit verdient sie ihr Geld als gefragte Kommentatorin des gesellschaftlichen Geschehens – ein Traumjob, wenn Ihr mich fragt. 😉

Übrigens: Warum hat mir keiner gesagt, dass es eine Fran Lebowitz gibt? Sie hat wirklich zu jedem Thema etwas Pointiertes zu sagen. Ich wünschte, es gäbe eine Ask-Fran-App [kurzer Griff zum iphone, um zu checken, ob nicht schon jemand auf die Idee gekommen ist – nö!]. Also, eine App, wo man eine beliebige Frage eingeben kann und dann erfährt man, was Fran Lebowitz davon hält.

Zum Beispiel vom Schreiben. Dazu sagte sie:

All die Jahre dachte ich, ich hasse es zu schreiben. Nein, ich hasse es zu arbeiten! In dem Moment, als das Schreiben zur Arbeit wurde, begann ich, mich dagegen zu sträuben.

Ja, meine Rede, liebe Fran, meine Rede! Ich spüre diesen Widerstand bei allem, was ich für Geld tue – es sei denn, es ist mir total egal, was aber nur selten vorkommt. Wie man aus der Psychologie weiß, können extrinsische Belohnungen das intrinsische Interesse eines Menschen zersetzen. Im Umkehrschluss hieße das, dass Menschen Bezahlung eigentlich nur dann tolerieren, wenn sie nicht an der Tätigkeit hängen. Das erklärt auch das ganze Thema hochbezahlter Bullshitjobs.

Das würde bedeuten, dass es der falsche Weg ist, Angehörige für die Pflege ihrer Kinder und Eltern zu bezahlen, wenn sie das sowieso gern tun. Neulich war ich sogar in der Situation, dass ich jemandem geholfen habe und danach als Dankeschön Geld bekommen habe – und im Nachhinein hat das meine Hilfe entwertet. All das wäre ein weiteres Argument für das bedingungslose Grundeinkommen – weil das uns davon befreit, für Geld etwas BESTIMMTES tun zu müssen. Es entkoppelt Geld und Tätigkeit (um das hässliche Wort Arbeit zu vermeiden).

Das Geheimnis des Schreibens

Messerscharf hat Fran Lebowitz auch analysiert, was es heißt zu schreiben – und was der Unterschied zwischen Sprechen und Schreiben ist. Ich habe mich oft gefragt, warum manche Menschen fesselnd sprechen können, aber große Schwierigkeiten haben, ihre Gedanken niederzuschreiben. Genau wie Fran. Sie muss es also wissen:

Meiner Erfahrung nach haben beide nichts miteinander zu tun – leider. Das eine ist Sprechen, das andere Schreiben. Diese Tätigkeiten stehen in keinem Bezug zueinander, außer dass beide Wörter verwenden. Ich wünschte, es wäre dasselbe. Weil Sprechen für mich eine natürliche Sache ist. […] Das Schreiben ist ein ganz anderer Prozess. […] Schreiben ist formell. […] Es ist wirklich schwer, weil es das Denken verlangsamt. Sprechen ist, was immer dir in den Sinn kommt. Schreiben ist überhaupt nicht so. Das Schreiben ist ein wirklich spezieller Prozess. Zudem einer, der im krassen Widerspruch zum Rhythmus und dem gesamten Kontext des modernen Lebens steht.

Das hätte ich selbst nie so formulieren können 😛 , aber ja, genauso ist es für mich auch. Wobei mich das Schreiben nicht quält, mir macht es ja Spaß, jedenfalls meistens. Aber dank Fran ist mir klargeworden, was eigentlich passiert, wenn ich schreibe: Schreiben ist wie bauen. Ich füge Bauteil an Bauteil, ich schiebe hin und her, schnippel hier was weg, hänge da was dran. Und dabei denke ich nach, sortiere um, höre im Kopf, wie es klingt, ob es Rhythmus hat und ob irgendwas stört. Struktur, Stil, Struktur, Stil! Und dann sollte es ja auch noch inhaltlich Sinn machen, hehe. Mindestens die Hälfte der Zeit bin ich am Sortieren und Schieben, schätze ich.

Es gibt eigentlich kaum etwas, was sich damit vergleichen ließe. Als erstes dachte ich an Maurerei, aber da kann man schlecht unten ein paar Steine wegziehen, um sie oben oder gar zwischendrin wieder einzufügen. Bildhauerei passt auch nicht, weil ich ja nicht aus einem Material irgendwas befreie, was da angeblich drinsteckt. 😉

Ich beneide seit Langem diejenigen, die was mit ihren eigenen Händen schaffen. Der eigentliche Prozess des Schreibens passiert ja im Kopf und dann muss man sich hinsetzen, um alles aufs Papier zu bringen bzw. in den Computer zu hacken. Wobei ich mich kaum noch daran erinnern kann, wie es war, per Hand zu schreiben. In meiner Erinnerung habe ich meine Aufsätze früher am Stück heruntergeschrieben. Wir hatten ja nüscht im Osten, nicht mal ordentliche Tintenkiller. Aber wer weiß, in der Erinnerung redet man sich ja alles schön … Vielleicht mach ich Euch mal so einen handgeklöppelten Blogbeitrag, einfach aus Daffke und um zu sehen, ob ich das noch kann. So oder so steckt eine Menge handwerkliches Können darin – das ist mir jetzt klar geworden.

Ich finde es nicht vermessen, dafür bezahlt werden zu wollen. Und ich danke allen, die das tun.

Photo by Kat Stokes on Unsplash

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8 Kommentare

  1. Liebe Lydia, nach Hp Ortner (Ortner, Hanspeter (2000): Schreiben und Denken. Tübingen: Niemeyer) gibt es verschiedenste Schreibtypen. Schreibstrategien. Ungefähr 10 hat er anhand von schriftlichen Selbstaussagen prof. Autoren „herausgefunden“. (Eintextschreiberin, Mehrversionenschreiberin, Versionenredigiererin, Planerin, Im-Kopf-Ausarbeiterin, Schritt-für-Schritt-Schreiberin usw.) Ich finde das sehr spannend, weil wir alle anders zum fertigen Text kommen und jeder Weg ist der Richtige. Man braucht sich gar nicht vergleichen. Nur sich selbst beobachten. Wie schreibe ich eigentlich und wenn man schreiben lernen will, dann SCHREIBEN. Einfach schreiben.
    PS. In der DDR habe ich von Tintenkillern geträumt:-) Neulich sah ich in der Federtasche meines Sohnes bestimmt 6 oder 7 Tintenkiller. Ein Traum!

    • Lydia

      Interessant, danke. Wobei wahrscheinlich die meisten Menschen mehrere Typen in sich vereinen. Ich finde, man darf nicht zu viel analysieren, sonst macht man den Flow kaputt. Das wäre auch noch mal ein anderes Thema.

  2. Eva

    Liebe Lydia, wie wäre es denn mit Gartenarbeit als Vergleich?

    • Lydia

      Passt ganz gut.

  3. Genauso!

    So habe ich den Beitrag eben auf facebook gepostet.

    Werde als Kirchenclownin oft auch verwundert angeschaut, warum ich/wir denn bloß nicht umsonst spielen?

    LG

  4. Katharina

    Ich arbeite als Lehrkraft einer Berufsschule und bin diplomierte Psychologin, bald promoviert. Ich verdiene weniger als meine Kollegen und ich verdiene WESENTLICH weniger als andere Psychologen, egal wo. Ich liebe meine Tätigkeit, Wissen zu vermitteln, was der Grund ist, warum ich überhaupt dort arbeite. Kann aber auch sagen – kein Geld macht auch nicht glücklich. Vor allem, wenn man weiß, dass man mehr verdienen müsste / könnte, bei dem Abschluss, den man hat. Also suche ich weiter. Um dann – und das ist der Punkt, den du auch so schön betont hat – eine Tätigkeit auszuüben, die mir primär weniger Spaß macht, dafür aber angemessen entlohnt wird. Die Frage wäre: Gibt es überhaupt diese „Ich liebe meinen Job total UND finde es gut, dafür angemessen entlohnt zu werden“ – Tätigkeit. Am liebsten schreibe ich und arbeite gar nicht (wie Fran). Würde ich jetzt fürs Schreiben bezahlt werden, wüsste ich nicht, ob ich noch genauso kreativ und fröhlich schreiben könnte. Es würde Druck entstehen und mein Schreiben zu einer gewöhnlichen Arbeitstätigkeit werden lassen. Plötzlich wäre mein Schreiben Arbeit.
    Das heißt im Fazit: Es braucht zwei Dinge. Eine Tätigkeit, die wir machen, um Geld zu verdienen und die uns nicht total schafft. Und eine Tätigkeit, die wir einfach nur um der Tätigkeit Willen machen und für die wir gern Geld nehmen, aber nicht darauf angewiesen sind.

    Und wir brauchen Zeit … 😉

  5. Selbstständigkeit ist vor allem Eigenverantwortung. Niemand zwingt Dich, außer die Umstände.

    Ich sehe es so: man muss es sich leisten können, zu schreiben.
    Wer schreibt, gesteht sich diese Zeit zu, in der es nichts Wichtigeres gibt als das Schreiben – das sich und etwas ausdrücken. Worte sind die Vermittler und Schrift ist das Medium. Manche Töpfern, wieder andere gehen zum Fußball.

    Sobald [Geld] ins Spiel kommt, bekommen die Dinge eine Wucht, die schnell zur Unwucht werden kann.

    Was mich persönlich betrübt, ist die Geringschätzung auf der Leser-Seite.
    Das festhalten, ausdrücken und sichtbar machen ist eine sehr wesentliche Kulturleistung. Schreiben ist das Destillieren der Essenz aus der Kultur. Und vor allem ist dieses „Norming“ Grundvoraussetzung für die allseits so angestrebte „Performance“ – Gruß an Bruce Tuckman.

    Eine entsprechende Wertschätzung gibt nicht nur etwas zurück, was ein Autor in den Text hineingesteckt hat. Die Wertschätzung ermöglicht es auch den Schreibenden weiter zu machen, die Richtung zu finden und einen Kurs zu halten, der Sinn und Nutzen stiftet.

    Kommentare und anderes „Feedback“ sind eine solche Wertschätzung. Wer sich dazu nicht in der Lage sieht, der darf sich auch gern mit Geld ausdrücken, oder Lydia?

    Wie selten das ist und wie viel nur still konsumiert wird, durften Tobias und ich im Verlauf des letzten Jahres erleben. Die Geschichte steht übrigens – wir überarbeiten derzeit Ausdruck und Quintessenz dessen, wovon wir da schreiben.
    https://commodus.org/finde-den-fehler

    Ich respektiere weiterhin Deine Entscheidung, das Lektorat dafür abzulehnen. Bis zur Sache mit dem [Geld] kamen wir seinerzeit gar nicht.

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