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Traumjob mit Nebenwirkungen

Gestern habe ich eine Anzeige für meinen Traumjob entdeckt. Also das, was ich früher als Traumjob angesehen hätte, wofür ich eigentlich ausgebildet bin und was der nächste logische Karriereschritt für mich gewesen wäre: bei einer internationalen NGO. Reflexartig fand ich das interessant. Alles, was in der Anzeige gefordert wird, traue ich mir fachlich zu. Es ist ein sinnvoller, respektabler Weltverbesserungsjob und bestimmt ordentlich bezahlt. Also, raus mit der Bewerbung, was kostet die Welt?! Scherz, natürlich habe ich keine Bewerbung hingeschickt. 

Sorry an alle (inklusive meiner Mutter), die dachten, endlich werde ich wieder NORMAL und gehe einem 9 to 5 job nach. 😀 Aber is nich. Mir fiel nämlich meine instabile Gesundheit wieder ein und dass ich keine 40-Stunden-Woche mehr runterreißen kann. Ich hab mir dann die Fotos und die Website angeschaut. Waaaaas, mit Anzug- und Kostümträger*innen arbeiten? (Ja, es ist diese Art von NGO, high profile.) Am Ende muss ich selber noch Kostümchen tragen. No way, José! Da lob ich mir doch meine Jogginghose.

Ich stellte mir vor, wie ich wieder Pressekonferenzen leiten würde. OMG, wie steif und langweilig!

Oder mich gar auf einem Empfang von alten weißen Männern zutexten lassen. Womöglich noch von Geldgebern!

Das erscheint mir wie ein Leben aus einer anderen Ära. Dafür hab ich keine Energie mehr und irgendwie auch keine Lebenszeit mehr übrig. Vor allem aber will ich meine neugewonnene Freiheit nicht mehr aufgeben. Nie wieder Festanstellung! Bye-bye, „Traumjob“. Sorry, not sorry.

Dies ganze Traumjob-Idee ist sowieso eine Falle. In meinem Buch (jaja) schreibe ich darüber, wie man echte Traumjobs erkennt und warum man sich so oft täuscht. Um es kurz zu machen: Oft sieht man Traumjobs durch die Brille anderer (Eltern, Freund*innen, Medien, Werbung). Aber was für die eine Person ein Traumjob ist, ist für die andere ein Griff ins Klo.

Okay, man soll ja nie nie sagen – aber falls ich doch mal in die Zwangslage kommen sollte, mir einen Job suchen zu müssen, tu ich mir jetzt schon leid. 😉 Bei Lichte betrachtet ist eine Festanstellung nämlich ein verdammt schlechter Deal. Ja, klar, regelmäßiges Gehalt, bezahlter Urlaub und Krankheit sind schon geil. Teil einer Gruppe zu sein auch, wenn man’s mag. Aber bei den Festis um mich herum sehe ich auch, was für einen hohen Preis die zahlen:

  1. Man ist finanziell ausgeliefert
    Ein Aspekt, der oft ausgeblendet wird: Das feste Gehalt ist eben auch fest. Es wird nicht weniger (außer bei Kurzarbeit, hehe), aber auch nicht mehr. Das ist okay, wenn man genug verdient. Wer das Glück eines Tarifvertrages hat, bekommt immerhin jährlich den Inflationsausgleich (vulgo: Schrumpelzulage) oder tarifliche Erhöhungen. Gering oder mittelmäßig Verdienende in kleineren Unternehmen haben aber kaum eine Chance, mal mehr Geld zu verdienen, um was zu sparen oder gar zu investieren.
    Da heißt es dann „Ach, das ist jetzt aber ein ganz schlechter Zeitpunkt!“, wenn man nach mehr Gehalt fragt. Der einzige Ausweg sind Nebenjobs, Lottogewinn, Erbe oder, ähm, Banküberfall. 😀 Ansonsten herrscht totale Ebbe im Portemonnaie. Während bei Selbstständigen ja jederzeit der fette Auftrag um die Ecke kommen kann. Das wird viel zu selten gesehen: Dass eine Selbstständigkeit nicht nur riskant ist, sondern ja auch erfolgreich sein kann. Meine Umsätze waren schön auf dem Weg nach oben und sind erst jetzt durch Corona etwas abgesackt.
  2. Man ist zeitlich ausgeliefert
    Gerade wieder ist eine spontane Urlaubsplanung mit festangestellten Freunden geplatzt, weil sie keine zwei Tage freibekamen: „Ich krieg meine Schicht nicht getauscht.“ „Urlaub muss ich ein Jahr vorher anmelden.“ Da ich mir ja mittlerweile die Lohnsklaverei (oder wie der französische Ökonom Frédéric Lordon es nennt: Geiselnahme 😀 ) nur noch von außen anschaue, bin ich immer wieder überrascht, wenn es so gar keine Flexibilität gibt. Beide Freunde arbeiten übrigens nicht in systemrelevanten Jobs. Und selbst dort sollte man flexibel sein dürfen.
    „Hallo?! Wir haben NORMALE Jobs, nicht so wie du!“, verteidigte sich ein Freund. Naja, das ist genau die Frage, die ich stellen möchte: Ist das wirklich normal, dass man als erwachsener Mensch so gar keine Hoheit über seine eigene Zeit hat? Es gibt ja Jobs, da muss man sogar seine Klopausen vorher anmelden und sich rechtfertigen, wenn es mal etwas länger dauert. Zum Beispiel, weil einem gerade schlechtgeworden ist aufgrund der miesen Arbeitsbedingungen. 😛
  3. Man ist fachlich ausgeliefert
    Das böse Wort heißt Weisungsberechtigung. Zu deutsch: Man muss sich rumschubsen lassen. Wenn man Pech hat, muss man Dinge machen, obwohl man sie für schwachsinnig hält. Das Lieblingsthema wird einem weggenommen und jemand gegeben, der keine Ahnung davon hat. Man muss über seine Kräfte oder unter seinen Fähigkeiten arbeiten.
    Festangestellte erzählen mir aus ihren Jobs und das geht nur so: „Wir mussten …, ich durfte …, und dann hat man mich dahin geschickt …, ich bekam die Chance …“ Total passiv, als hätten die gar keinen eigenen Willen, ihr Leben zu gestalten, und wären nur Spielball der Führungsetage. All das wird damit gerechtfertigt, dass man doch einen Vertrag unterschrieben hat und schließlich dafür bezahlt wird.
  4. Man ist psychisch ausgeliefert
    Das ist für mich der gravierende Punkt. Was ich an psychischer Quälerei (oft unbeabsichtigt!) in meinem Umfeld sehe, geht auf keine Kuhhaut. Ich nenne nur mal ein Beispiel: Eine junge, unerfahrene Führungskraft wird eingestellt und darf sich mit ihrem Team „ausprobieren“. Deren Führungsfehler müssen dann die alteingesessenen Angestellten ausbaden. Die leiden wie die Hunde unter dem Schwachsinn, den der Neue verzapft, und den komischen Signalen, die der so aussendet. Aber Hauptsache, der junge Mann darf sich austoben. Der Low Performer nannte sowas in diesem Interview „kollektive psychische Folter“. Und ich finde das nicht übertrieben.
    Mit Liebe denke ich an dieser Stelle an einen meiner Ex-Kollegen Abteilungsleiter (kommt ja auch nicht so oft vor). Als der erfuhr, dass zwei seiner Mitarbeiterinnen, die sich ein Büro teilten, sich partout nicht riechen konnten, löste er das Problem sofort: „Dann habe ich sie natürlich getrennt.“ Soviel Großmut ist nicht selbstverständlich. 😛 Es hätte ja in seiner Macht gelegen, die beiden tagtäglich zu quälen – einfach durch sein Nichteingreifen.

Der Deal mit der Festanstellung ist also ganz einfach: Für das feste Gehalt muss man sich nur selbst aufgeben und hoffen, dass es ein paar Jahre dauert, bis man es merkt.

Was soll’s. Ich will gar nicht bestreiten, dass viele Menschen glücklich in ihren Jobs sind (Statistik sagt was anderes …). Oder sie haben sie sich zumindest schöngeredet. 😛

Vielleicht sollte ich im nächsten Artikel auch mal vor der Selbstständigkeit warnen. Es könnte nämlich sein, dass man davon für immer inkompatibel wird mit seinen Traumjobs. Sozusagen versaut durch Selbstbestimmung.

Photo by Clem Onojeghuo on Unsplash

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2 Kommentare

  1. das fröschlein

    Hallo Lydia,

    jetzt musste ich doch sehr lachen. Irgendwie schaffst Du es immer wieder, mit der Auswahl Deiner Themen bei mir genau ins Schwarze zu treffen.
    Ich sitze seit gestern in einer Weiterbildung (ganz putzig als Avatar in einem virtuellen Auditorium). Nach der offiziellen Einführung in die online-Lernwelt, zur Zeitüberbrückung bis 16 Uhr (oder ‚Befreiung aus der Geiselnahme‘), gab es ein paar Arbeitsblätter zum Thema ‚Was sind meine beruflichen Ziele?‘ und ‚Was verspreche ich mir von der Qualifizierung, die ich ausgewählt habe?‘, an denen Du vermutlich Deine Freude hättest. Vor allem an den Beispielantworten…
    Ich habe mir das erspart, ich kenne ja die Gründe aus denen ich mich weiterbilde, das hat nichts mit Aufstiegschancen zu tun.

    Damit, dass man für alle Zeit für Angestelltenjobs versaut ist, sobald man einmal selbstständig gearbeitet hat, hast Du höchstwahrscheinlich auch recht. Man muss nur erstmal aus der Gehirnwäsche raus, dann kann man viele Dinge beim besten Willen nicht mehr nachvollziehen.
    Als würde man seinen gesunden Menschenverstand beim Arbeitgeber abgeben. Gruselig…

    Mach weiter so, ich freue mich bei fast allen Deiner Beiträge, dass ich mit meiner Sichtweise nicht allein dastehe. Danke dafür!

    das fröschlein

  2. Constanze Krüger

    Liebe Lydia,
    Du hast ja so recht. Für mich heißt das Zauberwort „Augenhöhe“. Ich habe in meinem Beruf zuerst als Angestellte und dann (nach einem hübschen, gründlichen Nervenzusammenbruch) als Selbständige gearbeitet: Es ist ein riesiger Unterschied, wie meine Kunden mir begegnen.
    Ja, ich arbeite mehr Stunden, mit erheblich größerer Verantwortung, und ohne richtige Altersvorsorge – aber ich arbeite wann ich will, wie ich will und vor allem: mit wem ich will. Wenn ein Kunde sich als A***loch erweist, sortiere ich ihn aus. Wenn die Arbeit sinnfrei ist, mache ich sie nicht. Nach 14 Jahren Selbständigkeit bin ich immer noch nicht wohlhabend (und werde es auch nie sein), aber umgeben von extrem netten Kunden, die mich schätzen.
    Eine Festanstellung käme definitiv nicht mehr in Frage. Ich hatte Angebote – sehr gut dotiert – danke, nein.
    Eins muss ich aber betonen: stressfreier ist die Selbständigkeit nicht…
    Gruß an Dich!
    Constanze

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