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Statistik: Bitte hirngerecht servieren

Frust, Leute, Frust. Mein Studium macht mich fertig. Also, das Statistik-Seminar. Eigentlich logo, dass Menschen, die sich für Psychologie interessieren, es nicht so mit Zahlen haben. So auch ich. Dabei habe ich schon zwei Studien inklusive Statistik überlebt. Aber diesmal geht es doch sehr in die Tiefe, mit seitenweise Formeln und so. Zum ersten Mal verspüre ich totale Verwirrung, Verzweiflung und – ja, Panik.

Mein Abi ist schon 30 Jahre her und ich erinnere mich an fast nichts von dem, was ich in der Schule gelernt habe. (Abgesehen von den Sprachen.) Das ist wirklich bitter für die Lehrer*innen, aber isso. Ich habe sowieso meine ganze Kindheit und Jugend vergessen. Vielleicht ist es ja Verdrängung, wegen der Wende damals. Einfach mal den ganzen Ostkoffer zugemacht und unters Bett geschoben. Vor ein paar Tagen erwähnte jemand das Wort „Pionierkalender“ und ja, irgendwie kam es mir bekannt vor und ich war mir sicher, dass auch ich mal einen Pionierkalender hatte. Hab’s dann gegooglet und dann kam so eine sehr vage Ahnung. Aber Erinnerung: null.

Genauso ist es mit der gesamten Schulzeit. Es gibt ja so Leute, die wissen noch genau, welche Aufgaben in ihren Prüfungen drankam. Ich weiß nicht mal mehr, in welchen Fächern ich geprüft wurde! Manchmal erzählen mir Freundinnen von früher, was wir alles gemacht haben und gesagt haben. Ich weiß fast nix mehr. Was ich weiß, weiß ich von Fotos und Dias.

Teilweise sehe ich aber auch Fotos aus meiner Jugendzeit und kenne die Leute gar nicht. Obwohl ich ja auf dem Foto mit drauf bin. Naja, und diese Amnesie erstreckt sich selbstverständlich auch auf den Matheunterricht. Ich weiß noch genau, dass wir damals Differential- und Integralrechnung hatten. Mehr aber auch nicht. Damals war ich nämlich großkotzig der Meinung, dass ich das ja wohl NIE WIEDER in meinem Leben brauchen würde. Nun ja. 😀

Ich stand schon immer auf dem Kriegsfuß mit Mathe, habe aber gar nicht so den Hass wie viele andere. Im Gegenteil: Eigentlich finde ich es sogar ganz spannend. Das ist eine faszinierende Welt mit eigenen Gesetzen und Phänomenen. Irgendwie schön. Ich kann sogar gut nachvollziehen, dass Menschen sich darin verlieren und verrückt werden können. Zum Beispiel, wenn sie zu lange auf ein Galton Brett gucken:

Verrückt werde ich auch langsam, aber auf andere Weise. An manchen Tagen sitze ich vor den Heften und merke, wie ich schwimme, kein Land sehe und überhaupt keinen Überblick mehr habe. Dann kriege ich Panik. Schon witzig, dass ich diese Erfahrung erst jetzt als Erwachsene mache. Gleichzeitig spüre ich, dass diese Panik total kontraproduktiv ist, denn sie hält mich davon ab, überhaupt noch irgendwas in meinen Kopf reinzukriegen. Ich stehe quasi neben mir und sehe, wie die Panik mich blockiert und all meine kognitiven Ressourcen beansprucht und weiß, so wird das nix. Endlich kann ich diesen Teufelskreis nachvollziehen: wie sich Kinder fühlen, die Angst haben, etwas nicht zu verstehen und dadurch erst recht nix verstehen. Das ist ja auch was wert, dieses neue Panikgefühl. Um es jetzt mal positiv zu sehen.

Immerhin habe ich so einen Funken Rebellion in mir, dass die Statistik mich nicht kleinkriegt. Und auch diese innere Überzeugung, dass ich das packen werde, weil ich immer alles gepackt habe und dass ich diese Prüfung nicht verhauen werde, weil ich noch nie eine Prüfung verhauen habe. (Außer der Fahrprüfung, hehe. Aber da war ich faul.) Das ist das Fundament, was mich immer weitermachen lässt trotz dieses ganzen Frusts.

Es könnte sogar ganz schön sein, wenn die Leute, die sich mit Statistik auskennen und sie anderen Leuten beibringen sollen (aka Lehrpersonen und Autor*innen von Statistik-Büchern), das hinkriegen würden. Aber nein. Wie schon in der Schule ist auch an der Fernhochschule offenbar der Anspruch, dass ich mich mühsam durch schlecht aufbereitetes Material quälen muss. Warum? In meinen Textseminaren bringe ich den Teilnehmer*innen die alte journalistische Weisheit bei: „Nicht die Leser*in soll sich quälen, sondern die Autor*in.“

Oder anders: Schreibe so, dass ein Mensch dich versteht und möglichst auch noch Spaß daran hat, dein Zeug zu lesen. Denn wie heißt das Mantra des Autoren Steven Pressfield: Nobody wants to read your shit. Das gilt auch für mich. Wir haben alle keine Zeit, ich hab noch ein Business zu managen und einen Haufen anderen Kram an der Backe. Statistik ist schon inhaltlich schwer genug für mich, deshalb sollte sie optimal aufbereitet sein – nämlich für jemanden, der keine Ahnung von gar nix hat. (Das Thema Vorwissen behandele ich auch in meinen Seminaren.)

Nachdem ich ja die Fernuni wegen schlechter Qualität und hanebüchener Prüfungen verlassen habe, bin ich jetzt auf einer privaten Fernhochschule, wo ich für viel Geld Studienbriefe hingeknallt kriege, die ebenfalls nicht verständlich sind. Jedenfalls nicht für Statistik, und das wäre DAS Alleinstellungsmerkmal, mit dem man den Markt aufrollen könnte. Ein Psychologiestudium, bei dem man Statistik versteht! Von den vielen Fehlern in den Studienbriefen mal ganz zu schweigen.

Ich sehe meinen persönlichen Einsatz für die (wissenschaftlich fundierte) Verständlichkeit von Texten auch als Service an. Wer will denn schon irgendein Geschwurbel vorgesetzt bekommen, wo man erst mal den Sinn herausdestillieren muss, bevor man dann anfangen kann, es überhaupt verstehen zu wollen. Neulich ließ jemand im Gespräch darüber das Wort consumer mindset fallen. Habe ich selbst ein consumer mindset? Vermutlich.

Ich habe halt den Kapitalismus verstanden: Ich bezahle für das Studium und ich erwarte, dass mir die Infos mund- bzw. hirngerecht serviert werden. Didaktisch ausgefeilt, multimedial und möglichst auch noch unterhaltsam. Ist das schlecht? Ich sehe keinen Wert darin, mir den Sinn von schlecht Geschriebenem erst mühsam erschließen zu müssen. Dadurch lerne ich nicht leichter – das ist zusätzliche Zeit, die ich investieren muss, weil jemand anders sich keine Mühe gegeben hat.

Langsam beschleicht mich der Verdacht, dass dies das Niveau der deutschen Lehre ist. Es scheint auch Usus zu sein, den Student*innen viel mehr einzutrichtern, als sie für das Studium brauchen. Auch da bin ich eher sparsam drauf. Gebt mir das, was ich brauche, den Rest könnt Ihr gern behalten. Mein mentales Festplattenvolumen ist begrenzt. 😉

Ich habe auch nicht das Gefühl, dass es das Ziel ist, dass ich etwas lerne. Das ganze Studium ist extrem auf die Prüfungen ausgerichtet. Man soll die Prüfung bestehen und basta. Dabei interessiert mich die Prüfung gar nicht. Ich will etwas lernen und mich für neue Welten begeistern können. Wäre doch unterhört, wenn ich Spaß an Statistik finden würde?! Bin schon am Überlegen, wie ich die Wahrscheinlichkeitsrechnung nutzen kann, um die Wahrscheinlichkeit auszurechnen, dass Wahrscheinlichkeitsrechnung in der Prüfung drankommt.

Naja, ich hätte liebend gern wieder im Ausland studiert, wo man auch Spaß am Studium haben darf. Hab aber nix gefunden. Jetzt überlege ich, wieder zurück zu der Fernuni zu wechseln. Wenn schon schlechte Qualität, dann wenigstens billig. Oder ich schmeiße ganz hin und suche mir ein neues Hobby. Naja, in vier Wochen ist die Statistik-Prüfung. Dann lern ich jetzt mal weiter.

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7 Kommentare

    • Der Titel klingt schon mal vielversprechend. 🙃 Ich finde „Fit für Statistik“ ganz gut, aber das Problem ist bei all diesen Büchern, dass Dinge plötzlich anders erklärt werden oder andere Begriffe und Variablen benutzt werden. Das verwirrt mich noch mehr. 🙈

  1. Renate Klingler

    Liebe Lydia,
    Deine Zeilen bringen es wieder einmal auf den Punkt. Beim Thema Lernen, Lehrmaterialen, Leistungsmessung und vor allem -bewertung liegt so vieles im Argen. Was kann gut daran sein, ein Ziel mit grauslichen und wenig förderlichen Gefühlen und Versagensängsten zu erreichen – und mit diesen Gefühlen bist Du nicht allein.
    Spontan kam mir die Idee – der Zweck heiligt hier ganz rechtschaffen die Mittel ;-)) -, warum nicht gezielt fachliches Können austauschen, d. h., „hirngerechte“ Lernunterstützung für Dich durch eine(n)Statistik-KönnerIn und im Gegenzug meisterliche Texte von Dir z. B. für die Webseite, Lehrmaterialen, Tutorials o. ä. Ich kann mir vorstellen, dass daraus viel Gutes entstehen kann z. B. „hirngerechtes“ und verständliches Lehrmaterial, das seinem Namen gerecht wird ;-))
    Schau doch mal, ob dieser Link für Dich hilfreich ist: https://www.youtube.com/channel/UCtBEklAtHHji2V1TsaTzZXw
    Herzliche und daumendrückende Grüße
    Renate

  2. Vielen lieben Dank für diesen, mal wieder, tollen Beitrag.

    Ich könnte dem Entziffern von schlecht aufbereitetem Lerninhalten ja sogar noch abgewinnen, dass man sich dadurch befähigt sich auch in „unwegsamen Terrain“ zurechtzufinden. Dieses Ziel steh dabei aber gar nicht im Fokus.

    Bildung wird leider, obwohl es die Lösung für viele Probleme wäre, zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Dadurch ist die Qualität bei staatlichen Einrichtung häufig unterirdisch. Ich sehe viele ambitionierte Lehrer:innen, aber ohne die nötigen Budgets verpufft da leider jeglicher Versuch gute Bildung für alle zu ermöglichen.

    An meiner privaten Uni haben wir damals auch regelmäßig mit der „Ich bin hier Kunde und deshalb König“-Keule geschwungen. Das hat den Verantwortlichen mal ein paar zusätzliche Bücher aus den Rippen geleiert, um uns zu besänftigen. Eine langfristige Verbesserung hat sich dadurch auch nicht eingestellt.

    Denn mit dem Kapitalismus läuft das dann doch ein bisschen anders als du es beschreibst. Wenn du für Geld Qualität erwartest, stützt du dich auf die Unsichtbare Hand (wo auch immer die herkommen soll) nach Adam Smiths. Wenn es in einem Bereich wirkliche Konkurrenz gibt, mag es das vielleicht noch geben. Das eigentliche Ziel ist jedoch die Mehrung des Kapitals. Es geht nicht darum Qualität abzuliefern, aber auch nicht um Profite, sondern um Profitmaximierung. Die erziele ich durch steigende Preise und/oder sinkende Kosten, die gern mit Qualitätsverlust einhergehen. Dass du also auch an der privaten Uni nicht besonders zufrieden bist, wundert mich nicht.

    Ich hab mich auch immer irgendwie entkoppelt von der Allgemeinheit gefühlt, die dazu nicht die Möglichkeit hat. Während die staatlichen Unis sich damals allerdings noch schwer taten Studiengänge und Lerninhalte für die moderne digitale Welt zu entwickeln, gab es an meiner kleinen privaten Uni genau diese Dinge bereits – Geld und schlanke Strukturen machen es möglich.

    Die perverseste Form der Privatisierung von Bildung können wir in meinen Augen in den Vereinigten Staaten beobachten. Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen, dass junge Menschen mit einem riesigen Schuldenberg in die Arbeitswelt starten.

    Gute Laune! Es ist doch Wochenende 😀

    Ganz liebe Grüße
    Patrick

  3. Katharina

    Hi Lydia,

    nutz mal Andy Field’s „Discovering Statistics using SPSS“. Darin wird Statistik auch ziemlich verständlich erklärt. Er hatte auch mal YouTube Vorlesungen dazu online. Leider Englisch, aber kapiert habe ich es dadurch echt besser.
    Und ja, leider braucht man als Psychologe dann doch Statistik. Diagnostik, z.B.. Oder Prognosestellung. Das geht dann z.T. nicht mehr so direkt rechnerisch, sondern eher mit dem „statistischen Hintergrundwissen“. Man lernt schon ganz gut, Dinge abzuschätzen oder Studien von KollegInnen mit anderen Augen zu lesen und zu prüfen.
    Durchhalten – wird schon! 🙂

    Viele Grüße
    Katharina

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