Zum Inhalt springen

Meckern – ein deutsches Erfolgsrezept

Na schön, ich meckere hier gerade viel herum, weil Schnarchdeutschland das mit den Corona-Impfungen (und der Quarantäne) nicht geregelt kriegt. Sorry, wenn ich Euch damit nerve. Aber mittlerweile glaube ich, dass Meckern wichtig ist. Vielleicht ist das sogar eine Schlüsselqualität von uns Deutschen. Oder gar unser Erfolgsrezept. 😀

Während meines letzten Studiums in der Schweiz bin ich ziemlich viel hin- und hergeflogen. (Da fällt mir auf: Diese Flüge muss ich dringend mal kompensieren, sobald wieder Kohle im Haus ist.) Fliegen ist genau wie Bahnfahren eine exzellente Gelegenheit für menschliche Fallstudien. Der perfect storm: Viele unterschiedliche Menschen sind auf engem Raum zusammengefercht, können nicht abhauen, haben ein Ziel, von dem sie sich ungern abbringen lassen, und stehen oft auch noch unter Zeitdruck. Eine tickende Zeitbombe, psychologisch gesehen.

Einmal hingen wir, die Schicksalsgemeinschaft des Flugs Mailand-Berlin, auf dem Flughafen Malpensa fest. Sonntagabend, alle wollten nach Hause. Wir erfuhren, dass unser Flug gecancelt worden war. Das Flughafenpersonal war nicht in der Lage, uns eine Auskunft zu geben, wie es nun weitergeht. Man sollte meinen, dass die italienischen Passagier*innen (qua ihres „südländischen Temperaments“) dem Bodenpersonal Beine gemacht hätten. Aber nein.

Sie lasen schicksalsergeben Zeitung oder zockten auf dem Handy, bis es irgendwann mal weitere Infos geben würde. Stattdessen RASTETEN die Deutschen gepflegt AUS. 😀 Sie führten dramatische Telefonate nach Hause, bauten sich drohend vor dem Flughafenpersonal auf, schrien Zeter und Mordio und wollten den Chef vons Janze sprechen, um sich über diese unglaubliche Schweinerei zu beschweren.

Das klingt jetzt nicht sonderlich sympathisch, muss ich zugeben. Es war sogar ziemlich unangenehm. Und das Personal tat mir leid. Aber es funktionierte. Die Deutschen machten so lange Terror, bis eine Ersatzmaschine aufgetrieben wurde. In diesem Moment war ich meinen aufgebrachten Landsleuten plötzlich dankbar. Die haben das ja auch nicht aus Bösartigkeit gemacht, sondern weil ein Vertrag verletzt wurde: Wir haben Tickets gekauft – und wo ist jetzt unser Flug? Es geht um Fairness und Verlässlichkeit und auch ein bisschen darum, sich im Leben nicht alles gefallen zu lassen. In solchen Fällen entwickeln die sonst eher passiven Deutschen eine bemerkenswerte Sturheit.

Seitdem konnte ich dieses Phänomen öfters beobachten: Bei der Autovermietung auf Sardinien zog ein italienischer Kunde enttäuscht, aber freundlich ab, nachdem ihm mitgeteilt wurde, dass er zwar einen Mietwagen bestellt habe, aber leider keiner mehr da sei. Seine Reaktion war ungefähr so gravierend, als hätte man ihm im Café gesagt, dass die cornetti aus sind. HALLO?! Ich traute meinen Augen kaum.

Kurz darauf eine deutsche Familie in derselben Situation: Terror pur. Ich wartete regelrecht darauf, dass der Familienvater mit dem Fuß aufstampfte. Wo blieb sein Auto? Der armen Autoverleih-Mitarbeiterin traten Schweißperlen auf die Stirn. Aber sie trieb ein Auto auf.

Ich muss leider sagen, dass ich zu höflich erzogen wurde, um richtig Stunk zu machen. Da muss schon extrem viel passieren. In einer Aeroflot-Maschine saß ich mal auf einem Fensterplatz, wo aus der Luftdüse über mir beißender Kerosingestank kam. Da habe ich richtig Stress gemacht, weil ich mich nicht vergiften lassen wollte, und einen anderen Sitzplatz gefordert. Plötzlich konnte ich auch wieder fließend Russisch, was der Sache gar nicht so dienlich war. 😉 Es funktionierte erst, als ich wie in einem schlechten Film Stift und Zettel herausholte und die Oberstewardess anzischte: „Ich bin Journalistin aus Deutschland und ich notiere mir jetzt Ihren Namen, Galina Pawlowna.“ Da durfte ich dann plötzlich in der Business Class sitzen – zumindest bis der Gestank weg war.

Meinen größten Ausraster hatte ich auf dem Flughafen Mailand: Ich hatte mit der gesamten Mischpoke den Flug verpasst – aus reiner Bummelei und Tagträumerei und zu doof Sein, auf die Uhr zu gucken. Das war eher so ein autoaggressiver Ich-beiß-mir-gleich-in-den-Hintern-aber-vorher-zünd-ich-hier-alles-an-Meltdown. Ich bin heilfroh, dass es damals noch nicht so üblich war, alles zu filmen und auf Youtube zu stellen. 😀

Natürlich meckere ich auch bei meinem Psychologiestudium. Dankenswerterweise gibt es nämlich nach jedem Semester eine Umfrage, in der man der Hochschule mal so richtig die Meinung geigen kann. Und das tue ich: Ich kritisiere die vielen Fehler in den Studienbriefen, Dozent*innen, die nicht dozieren können, und die vorsintflutliche Meeting-Software. Nicht aus Bösartigkeit, sondern damit die Leute wissen, wo es hakt und sich verbessern können. Und natürlich auch, weil ich einen schönen Batzen Geld für dieses Studium zahle und dafür auch Qualität erwarte. Ich finde sogar, da wird noch viel zu wenig gemeckert.

Meistens meckere ich aber hier oder auf Twitter. So ein Social-Media-Shitstorm ist ja nicht zu verachten und hat schon so manchem Unternehmen und auch der Politik Beine gemacht. Beispielsweise findet heute endlich ein Impfgipfel der Ministerpräsident*innen und der Kanzlerin statt. Und Biontech hat vermeldet, noch in diesem Quartal 75 Millionen Impfdosen zusätzlich zu produzieren. Na, also geht doch. Meckern lohnt sich.

Photo by Oskar Kadaksoo on Unsplash

Bitte folgen Sie mir unauffällig!

Auf Twitter und Facebook.

2 Kommentare

  1. Petra Gansen

    Es gibt WICHTIGES Meckern und idiotisches Meckern. Ein Beispiel für idiotisches Meckern: im Straßenverkehr. Es ist eh sinnlos und dient lediglich des Frustrationsabbaus. An der Situation ändert sich nichts. Nach jedem Asienurlaub habe ich geschworen, wenigstens ein paar Prozent dieser Gelassenheit hier nach Berlin in mein Auto zu retten. Ein Beispiel: an einem geschlossenen Bahnübergang einer Landstraße stehen vier PKW´s und warten. Unser Fahrer fährt an drei der Fahrzeuge vorbei und drängelt sich mit der Fahzeugfront zwischen den ersten und zweiten wartenden PKW. Vor Entsetzen und schlimmsten Befürchtungen, was jetzt in den nächsten drei Minuten passieren würde, rutsche ich fast vom Beifahrersitz in den Fußraum des Vans. Was passiert? Nichts! der erste Fahrer rückt ein Stück nach vorn, der zweite ein Stück nach hinten. Sie lassen unseren Drängler in die Lücke. Mein Kommentar zum völlig ungläubig staunenden Fahrer: in Deutschland wärst du jetzt wahrscheinlich tot oder vielleicht schwer verprügelt im Straßengraben (ich übertreibe, um zu verdeutlichen). 5% dieser Gelassenheit wäre manchmal zu Hause hilfreich. Andererseits das wichtige Meckern: ist manchmal wirklich erforderlich, wenn es um die Verteidigung von Rechten geht, wenn eine Behörde einen garstigen Amtsschimmel reitet, wenn jemand meint, aus welchen Gründen auch immer, einen übertölpeln zu wollen – dann ist es manchmal nötig, tief durchzuatmen, dem inneren Stier mit einem roten Tüchlein vor der Nase herum zu wedeln und sich mit dem Satz: OKAY, DAS WOLLEN WIR DOCH MAL SEHEN…. in Stellung zu bringen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.