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Lassen Sie mich durch, ich bin Hobbypsychologe!

Ich weiß nicht, ob das nur auf mich zutrifft hier in meiner Filterblase, aber nachdem einige meiner Freunde Coach-Ausbildungen gemacht haben, erlebe ich immer wieder, dass sie mitten im Gespräch anfangen, Hobbypsychologe zu spielen. Legen den Kopf schief und fragen mit sonorer Stimme: „Welche Bedingungen müssten denn erfüllt sein, damit dein Problem gelöst wird?“

Ich bin ja ein höflicher Mensch und deshalb kotze ich nicht gleich auf den Tisch. Aber vielleicht sollte ich damit mal anfangen. Ich finde es nämlich supernervig und unangebracht. Du bist mein Freund, ey, und nicht mein Coach oder Therapeut. Das Phänomen ist natürlich nicht auf mich beschränkt, sondern es werden auch andere Leute beim abendlichen Drink in der Bar gecoacht. Bis einer heult.

Jaja, das ist unprofessionell, das wissen die Coaches selber und sagen es sogar. Und tun es dann doch. Es juckt ihnen in den Fingern, ich versteh das ja. Offensichtlich ist es schwer, Privatleben und Beruf zu trennen, gerade wenn man mit Leidenschaft dabei ist. Aber hier werden die Grenzen einer Freundschaft überschritten – und das kann sie zerstören.

Psychosprech überall

Ich interessiere mich ja selbst für Psychologie, lese, rede und schreibe auch gern darüber. In meinem Masterstudium fand ich den kurzen Ausflug ins Organizational Behavior absolut faszinierend – ist mir leider zu spät aufgefallen, sonst hätte ich direkt mal das Studium gewechselt. 😀 Ich meine, hey, dieses Blog ist zu großen Teilen Organisationspsychologie (oder sowas ähnliches).

Ich glaube, viele Menschen beschäftigen sich aus einer positiven Motivation heraus mit dem Seelischen. Es geht darum, andere zu verstehen, sich selbst zu verstehen. Das ist ehrenwert. Es gibt sogar einen Begriff dafür: Alltagspsychologie. Also, alles, was hilft, sich einen Reim auf die Bekloppten um einen herum zu machen. 😛

Mittlerweile habe ich aber das Gefühl, dass jeder zweite sich als Hobbypsychologe sieht, der mit Halbwissen und irgendwelchem Psychovokabular um sich wirft, dessen Bedeutung er gar nicht durchdringt: Jede traurige Phase wird zur „Depression“ hochstilisiert. Was früher unverschämt war oder voll daneben, ist jetzt „übergriffig“. Und ein negatives Erlebnis ist gleich ein „Trauma“.

Wie leichtfertig wird aus einem Eigenbrötler ein Autist gemacht! Zur Fußball-WM tauchte mal wieder das Gerücht auf, Lionel Messi sei Autist. Nee, ist er nicht. Er ist vermutlich einfach nur sehr introvertiert. Oder hat eine ganz besonders ausgefeilte PR-Strategie namens „Null Bock auf Presse“, hehe.

(Ich bekenne mich hier übrigens schuldig: In meinem Kartenspiel „Kampf der Abteilungen“ habe ich den Buchhalter mit dem Spitznamen „Der Autist“ versehen. Das tut mir leid. Ich wusste damals nicht, dass Autisten schon länger dagegen ankämpfen, dass ihre Diagnose als Charaktereigenschaft oder gar Schimpfwort missbraucht wird.)

Und Narzissten sind wir sowieso alle, wie Hans-Joachim Maaz in seinem Buch „Die narzisstische Gesellschaft“* sehr nachvollziehbar beschrieben hat. Auch Donald Trump wird gern als Narzisst ferndiagnostiziert, dabei ist er vielleicht einfach nur ein Riesenarschloch.

Von der Dramatisierung zur Diagnose

Und damit kommen wir zu einem weiteren Schaden, der hierbei angerichtet wird: Ernstzunehmende Krankheiten werden zu Gemütszuständen oder Charaktereigenschaften degradiert. Denn wenn jedes starke Gefühl, jedes Unwohlsein zur Diagnose umgedeutet wird – welchen Wert haben dann noch die echten Diagnosen? Wer nimmt Depressionen noch ernst, wenn Hinz und Kunst sich für depressiv erklärt? Wie gesagt: Autisten kämpfen dafür, dass ihre Krankheit ernstgenommen wird, u. a. indem sie sich dagegen verwehren, dass jeder Nerd oder zurückgezogen lebende Mensch als Autist bezeichnet wird.

Umgekehrt stellt sich die Frage: Werden wir vielleicht wirklich alle immer kränker? Also auch verrückter? Eine britische Studie kommt tatsächlich zu dem Schluss, dass es um die psychische Gesundheit der Menschheit nicht besonders gut bestellt ist. Hier spielen neben sozialen Faktoren natürlich auch noch weitere Aspekte rein, z. B. eine Gesundheitsindustrie, die ein großes Interesse daran hat, neue Krankheiten zu erfinden, Grenzwerte abzusenken und grundsätzlich den Menschen klarzumachen, dass sie nicht normal sind. Und ein Gesellschaftssystem, das davon profitiert, wenn Menschen verunsichert sind.

Gefühle als Störung

Manchmal kommt es mir vor, als würden alle Gefühle schon pathologisch eingeordnet. Dabei ist es doch OK, traurig oder wütend oder verzweifelt zu sein, wenn jemand gestorben ist. Oder bei einer Trennung, einer Kündigung, einer schweren Kranheit. Solche lebensverändernden Ereignisse stehen auf der Stressskala von Holmes und Rahe ganz oben, werden also als schwerste Stressfaktoren angesehen. Es ist völlig normal, darauf zu reagieren. Auch mal heftig, auch mal länger. Mir scheint manchmal, als gäbe es dafür gar keinen Raum mehr. Als wäre das Funktionieren-Müssen schon im Privatleben angekommen.

Gefühle stören da nur – eigentlich folgerichtig, dass sie als Störung wahrgenommen werden. Und die müssen natürlich schnellstens weggecoacht werden. (Oder sie werden per Pille weggedrückt.)

Die psychologisierte Gesellschaft

Hier in meinem recht wohlhabenden Viertel wimmelt es nur so von Psychologen, Psychiatern und Therapeuten. Ich schätze mal, im Umkreis von 500 m gibt es mindestens 20 Praxen. Auch bei meinen Besuchen in der Schweiz fiel mir das auf. Vielleicht ist das ja ein gutes Zeichen, dass wir uns immer mehr mit der Psyche beschäftigen.

Irgendwo habe ich gelesen, dass wenn das äußere Wachstum abgeschlossen ist, der Fokus auf das innere Wachstum gelegt wird. Oder um es mit Maslows Bedürfnispyramide zu sagen: Sind die Grundbedürfnisse gestillt, ist die Selbstverwirklichung dran. Das gilt für den einzelnen Menschen genauso wie für die Gesellschaft. Ist doch irgendwie toll, dass wir im Prenzlberg sonst keine Probleme haben. 😛

Der Hobbypsychologe diagnostiziert

Ich gebe es zu, auch ich betätige mich mitunter als Freizeit-Shrink und haue gern mal eine Diagnose raus. Schon seit der Schulzeit bin ich in meinem Umfeld mit diversen psychischen Krankheiten konfrontiert. Daher kommen mir Symptome manchmal bekannt vor – aber hey, qualifiziert mich das zu irgendwas? Ist es wirklich angebracht, andere Menschen im Vorbeigehen zu diagnostizieren? Das entwertet ja auch die Qualifikation der Leute, die das ein paar Jahre lang studiert haben. (Da ich Kommunikation studiert habe, kann ich ein Lied davon singen. Da meint nämlich auch jeder, er könne einem reinquatschen.)

Am schädlichsten ist das für die Person, die die Diagnose abbekommt. „Ratschläge sind auch Schläge“, heißt es im Volksmund, und Diagnosen sind Urteile. Umso schlimmer, wenn sie unqualifiziert sind. Oder ungebeten. Oder falsch. Eine falsche Diagnose kann logischerweise großen Schaden anrichten. Also, lassen wir das lieber.

Ich habe mich übrigens für ein Psychologiestudium eingeschrieben – vor allem geht es mir um Arbeits-, Organisations- und Kommunikationspsychologie. Ich werd Euch auf jeden Fall an meinen Erkenntnissen teilhaben lassen. Hobbypsychologin bin ich dann wenigstens nicht mehr. 😛

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4 Kommentare

  1. Saubere Analyse, gute Beobachtungsgabe, toller Text! Finde ich jedenfalls. Also wieder einmal: Wo darf ich unterschreiben? 🙂

  2. Lirodando

    Genau mein Reden – besser hätte ich es nicht ausdrücken können, was ich selbst schon
    seit längerem beobachte auch im Kollegenkreis, wie schnell anderen Kollegen etwas
    angedichtet wird.

  3. Danke Dir für diesen Text. 🙂 – Gottseidank hat in meinem Umfeld niemand diese Angewohnheit, lebe anscheinend noch im Tal der seelig-Ungecoachten. Zumindest privat. Und wenn, dann bin wohl eher ich selber der, der andere ungefragt belästigt. Mir würde es in solchen schwachen Momenten sehr helfen, wenn der andere jeweils ganz direkt auf den Tisch kotzt. Das scheint mir eine absolut angemessene Reaktion zu sein. Und ich verspreche hochundheilig, dass ich auch nicht gleich im ICD-10 nachblättere, was Du hast, wenn Du das tust. Für andere kann ich das freilich schlecht garantieren. „Psycho vocabulary is war!“ 😀

    Dabei fällt mir ein: Vielleicht würde es ja helfen, ein paar schmissig-diffamierende Diagnose-Begriffe für die „Krankheit“ zu erfinden, am Beginn einer Coaching- oder Therapeuten-Ausbildung wild und unkontrolliert bei Freunden mit dem neu erworbenem Zeug um sich zu werfen?

    „Weißt Du, mir sind schon viele wie Du begegnet. Ja. Ganz klar, jetzt wo ich genauer hinsehe: Du leidest ganz offensichtlich am Anti-amicitiös-hyper-diagnostizitiven Verbalisierungssyndrom. Du, da musst Du echt was machen!! Im Frühstadium ist das wirklich noch sehr sehr gut behandelbar. Aber wenn es erst mal die tieferen Schichten des Frontallappens erreicht hat… …die Fälle im Endstadium, die ich erlebt habe, sind WIRKLICH nicht schön. Die haben dann gar keine Freunde mehr und können sich nur noch mit schwer psychotischen Menschen sinnvoll unterhalten. – Ja, ja, ich weiß: sehr hässliches Thema. Mir ist auch schon ganz übel. Lass uns lieber über was anderes reden…“ 😉

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