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Interview über Amazon: „Der Hass auf unseren Arbeitgeber hat uns vereint“

Als ich auf die harmlose Frage „Und was machst du so?“ zu hören bekam „Ich arbeite bei Amazon im Alexa-Team“, war mir klar, dass ich diese Person, nennen wir sie X., um ein Interview bitten musste. Das dauerte etwas, denn X. wollte erst mal kündigen. 🙂 Nach dem ausführlichen Interview hatte ich ein komisches Gefühl. Irgendwie war es seltsam blutleer geblieben – genau wie der Job.

Warum hast du bei Amazon angeheuert?

X.: Ich hatte vorher einen Job, in dem ich viel gearbeitet und wenig verdient habe. Dann habe ich das Angebot von Amazon gesehen und wusste gleich, das sind nicht so meine Werte. Aber es ging um neue Technik, um Sprachwissenschaft. Es war ein 40-Stunden-Job, ordentlich bezahlt, mit dem Versprechen auf eine unbefristete Stelle.

Wie viel hast du verdient?

Als ich wirklich bei Amazon angestellt war, waren es 2.500 Euro brutto, also 1.700 Euro netto. Davon konnte ich meine Miete bezahlen. Das reicht, wenn man ledig ist und ohne Kinder. Aber wir hatten alle einen Masterabschluss in Linguistik, manche sogar einen Doktor!

Wie lief denn der Bewerbungsprozess ab?

Zuerst war ich bei einer Zeitarbeitsfirma, Adecco. Dort wurde das erste Gespräch mit mir geführt und die haben getestet, wie fit ich in Bezug auf die deutsche Sprache bin, Grammatik, Rechtschreibung, Tippfehler. Dann kam das Interview mit dem Standortleiter. Die ersten neun Monate wurde ich über die Zeitarbeitsfirma bezahlt. Danach gab es wieder einen Interviewprozess. Ich wurde unbefristet angestellt, bekam aber sechs Monate Probezeit. Das war bei allen so. Insgesamt hatte ich also 15 Monate eine Art Probezeit. Während der Probezeit gab es jede Woche einen Report über meine Performance und einmal im Monat ein Gespräch mit dem Manager, ob man schnell genug ist. Da war schon Druck, ob man das schafft. Je nach Aufgabe gab es auch immer jemanden, der die Qualität geprüft hat.

Und wie lief es nach der Probezeit?

Also, diese Arbeitsweise war komplett neu für mich. Ich kam aus einer ganz anderen Branche, hatte früher viel mit Menschen zu tun. Bei Amazon gab es null Vertrauen, es musste alles immer gemessen werden, was eine Person macht. Das hat viel Druck aufgebaut. Ich habe mich gefühlt, als wäre ich ständig in einer Prüfungssituation. Die Mitarbeiter haben sich auch gegenseitig geprüft. Man konnte Verifyer werden und dann die Arbeit seiner Kollegen prüfen. Das gab natürlich Spannungen zwischen den Leuten, wenn man was Falsches gefunden und korrigiert hat. Für die Arbeitsatmosphäre war das nicht so schön. Man wusste, es kann immer jemand kommen und gucken, dadurch war man nicht entspannt. Es sei denn, man hat sich verbündet. In unserem Team ging’s. Wir wussten, die sind alle verrückt bei Amazon und wir lassen das nicht zu, dass wir gegeneinander ausgespielt werden.

Wie groß war denn dein Team?

Offiziell waren wir 20, aber ich hatte nur mit wenigen persönlich zu tun. Ich wusste gar nicht, was die anderen machen. Wir saßen in einem Großraumbüro, alle vor unseren Laptops. Bei fast allen Aufgaben hatte man Kopfhörer auf. Man kann nicht miteinander quatschen. Dadurch war das Teamgefühl nicht so stark. Wir haben vor allem Chatprogramme für die Kommunikation genutzt. Es war sehr einsam. Wir haben alle unseren Arbeitgeber gehasst – das hat uns vereint.

Was war deine Aufgabe im Alexa-Team?

Also, ich habe nicht mit Kundendaten gearbeitet. Ich bin also keine von denen, die über Alexa Gespräche mithören. Meine Aufgabe war, die Aussprache für bestimmte Wörter zu finden und zu transkribieren, damit Alexa das versteht und richtig ausspricht. Oft waren das die Namen von Künstlern oder Sängern, Songtitel. Als das mit Corona losging, musste ich den Namen vom WHO-Chef, der hat einen äthiopischen Namen, transkribieren. Alexa braucht eine Menge Daten, bis sie versteht, was gemeint ist.

Kannst du mal einen typischen Arbeitstag beschreiben?

Ich komme an, mache den Laptop auf, logge mich ein, um zu zeigen: „Jetzt fange ich an.“ Es wird ja alles getrackt, was ich mache. Dann schaue ich, was über Nacht für E-Mails gekommen sind, aber nicht zu lange, denn E-Mails lesen ist nicht produktiv. Wir mussten die meiste Zeit produktiv sein. In den E-Mails stehen meine neuen Aufgaben und die Prioritäten. Wenn ich Pause machen wollte, zum Beispiel um auf die Toilette zu gehen, einen Tee zu trinken oder auch für ein Meeting, musste ich das auch tracken. Die Manager konnten alles sehen, die wussten immer, wie produktiv ich war. Wenn man nicht so produktiv war, musste man das begründen. Dann hieß es: „Was war denn mit dieser halben Stunde, da warst du nicht produktiv?“

Am Anfang durften wir uns innerhalb der Arbeitszeit nur zwanzig Minuten am Tag für Toilette und Trinken ausloggen, der Betriebsrat hat Monate lang um achtzig Minuten gekämpft. Am Ende haben wir vierzig Minuten bekommen. Das ist besser als zwanzig Minuten, aber trotzdem nicht viel an einem Acht-Stunden-Tag.

Ansonsten habt ihr nur vor dem Bildschirm gesessen?

Ja, das war sehr anstrengend. Mehrere Kollegen hatten Probleme mit den Augen. Ein Kollege musste Fragen an Alexa transkribieren. Wenn er Pech hatte, musste er 200-mal am Tag transkribieren „Wie wird das Wetter heute?“. Der hatte am Ende des Tages knallrote Augen.

Moment mal, da sitzen wirklich Menschen und transkribieren die Fragen an Alexa? Ich dachte, das macht die KI?

Das wird gemacht, damit Daten geprüft werden können: Hat Alexa das richtig verstanden? Manchmal hat sie ein komplett anderes Wort verstanden, dann braucht man immer noch Menschen, die das Wort transkribieren – die also Alexa beibringen, wie das Wort klingt. Das ist komplett anonym, man bekommt nur eine Anfrage mit dem Wort oder einem Satz, und dann die nächste Anfrage. Man muss schnell sein dabei, es ist sehr anstrengend. Aber wir wissen nicht, wer wo spricht, wir hören nur den einen Satz.

Wie lange hast du das ausgehalten?

Ich war über zwei Jahre dort. So lange, das ist wirklich verrückt. Der Vorteil ist: Du kannst zwei Tage pro Woche von zu Hause arbeiten, kannst Arzttermine danach legen. Ich musste 40 Stunden die Woche leisten, aber konnte das so machen, wie ich will. Ich konnte um 10 Uhr anfangen oder auch um 6 Uhr. Für mich war das damals gut. Ich kenne immer noch viele Kollegen, die dort arbeiten, Alleinerziehende mit Kind. Die Arbeitszeiten sind familienfreundlich.

Wie waren die Führungskräfte so drauf?

Die Manager waren selber total gestresst. Sie waren nie da, immerzu in Meetings. Die wussten auch oft gar nicht genau, was unsere Aufgabe war – das fand ich schon krass. Sie haben auch unsere Probleme nicht wirklich verstanden. Im Grunde war der Wunsch, dass du eine Maschine bist, die den ganzen Tag arbeitet, ohne Ablenkung. Es gab eine Diskussion, dass wir nicht mehr von zu Hause arbeiten dürfen. Wir sollten keine Smartphones mehr mit ins Büro bringen, damit wir nichts aufzeichnen. Als ob wir dafür Zeit gehabt hätten! Für die Recherche durften wir nur eine begrenzte Anzahl von Webseiten verwenden. Es wurde richtig paranoid. In Deutschland war der Betriebsrat dagegen, aber in anderen Ländern wurde das so eingeführt. Man hört immer: Amazon bringt so viele Jobs. Aber was sind das für Jobs?

Hatte all das eigentlich gesundheitliche Auswirkungen?

Ich habe mich immer älter gefühlt, hatte Rückenschmerzen, keine Stärke in den Beinen vom ununterbrochenen Sitzen. Viele von uns hatten Probleme mit den Handgelenken wegen der Maus. Wir waren alle Ende 20, Anfang 30! Psychisch war ich nur noch erschöpft. Meine Augen waren müde, ich konnte abends nichts mehr lesen. In über zwei Jahren habe ich kein einziges Buch gelesen. Freitags nach der Arbeit habe ich immer geschlafen, so fertig war ich. Dabei hatte ich noch Glück: Ich hatte ein paar Aufgaben, wo ich noch denken konnte. Die meisten Aufgaben sind echt langweilig, das ist hart. Alexa zu füttern, ist sehr anstrengend.

Warum hast du letztlich bei Amazon aufgehört?

Am Anfang war die Stimmung gut, Alexa war ein Anfang, we’re making history. Ich war kritisch, aber hatte das Gefühl, wir machen etwas ganz Neues. Dann gab es immer mehr Überwachung, das wurde Schritt für Schritt eingeführt. Zuerst mussten wir uns nur am Anfang ein- und am Ende ausloggen. Da gab es auch noch mehr Meetings, wir haben erfahren, wer neu war und konnten die Leute einarbeiten. Später hatten wir immer weniger Stunden, um die Leute einzuarbeiten. Es ging nur noch um Produktivität. Und wenn man den ganzen Tag nur eine Aufgabe hat, wird man wahnsinnig.

Hinzu kam, dass Amazon gegen meine eigenen Werte verstößt, zum Beispiel was sie mit der Umwelt machen. Da ist nur Greenwashing, das macht mich wütend. Ich war parallel in der Umweltbewegung aktiv. Diese zwei Welten, das konnte ich in meinem Kopf nicht mehr vereinbaren. Und wie sie uns behandelt haben, immer weniger menschlich. Der Kunde ist bei Amazon König, der Mitarbeiter kostet nur Geld.

Hat sich denn niemand gewehrt?

Viele hatten Angst, sie haben gehorcht. Überwiegend die Ausländer haben sich beschwert. Ich hatte keine Angst, der Job war Kacke.

Hast du Alexa zu Hause?

Nein, und die Mehrheit meiner Kollegen auch nicht. Nie im Leben möchte ich Alexa haben. Nicht wegen der Sicherheit, sondern wegen dem, was dahintersteckt. All diese unmenschlichen Jobs! Und warum das alles? Damit wir nicht selber das Licht ausmachen müssen?!

Was ist deine Message an die Büronymus-Leser*innen?

Wenn möglich, arbeitet nicht für so eine Firma. Und unterstützt dieses System nicht weiter. Es ist zerstörerisch für den Planeten und die Menschheit. Ich selbst bestelle nix bei Amazon, ich finde immer eine Alternative.

Photo by Nicolas J Leclercq on Unsplash

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Ein Kommentar

  1. mistkaeferchen

    Ein guter Kommentar danke.sehr gut das Mal zu wissen Amazon taugt nix.

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