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Interview mit Dálcia Jochem: „Ich glaube an mich“

Manchmal quatsche ich mit jemandem und plötzlich habe ich das Gefühl, ich muss mitschreiben: Hier wird gerade etwas Wichtiges gesagt. So ging es mir mit Dálcia Jochem. Wir kennen uns vom Augenhöhe Camp in Hamburg.

Dálcia ist auch Büronymus-Leserin und eigentlich wollten wir nur mal so skypen und Ideen austauschen. Daraus wurde ein langes und intensives Gespräch über Arbeit, Geschwindigkeit, Überleben und Tod. Ich hoffe, ihre Worte beeindrucken Euch genauso wie mich:

Mensch sein ohne Emotion?

Ich komme aus Brasilien und arbeite seit 10 Jahren als System Engineer und seit 2012 als Teamcoach in deutschen IT-Unternehmen. Oft wurde ich gefragt, wie ich es schaffe, so schnell Vertrauen aufzubauen. Mein Erfolgsgeheimnis ist, dass ich jeden Menschen als Menschen sehe.

Mich nervt es, wenn ich höre „Du musst professionell sein“ oder „Du darfst keine Emotionen zeigen“. Der Mensch ist mit Emotionen gemacht. Wie soll ich Dálcia sein ohne Emotion? Wie soll man Mitarbeiter sein ohne Emotion? Bin ich eine Maschine? Ich schaue immer: Was für ein Mensch sitzt da vor mir? Wenn du so mit Leuten umgehst, baust du sehr schnell Vertrauen auf.

Unternehmen zwischen Wunschvorstellung und Realität

Ich bin vor kurzem aus Süddeutschland nach Hamburg gezogen und habe ich mich bei verschiedenen Unternehmen als Agile Coach, Digital Transformation Manager oder Coach beworben. Die Bewerbungsgespräche verliefen fast alle gleich.

In die Anzeige schreiben sie alles Mögliche rein: „Wir wollen anders, offen und ehrlich sein, Vertrauen aufbauen.“ Im Interview heißt es dann: „Naja, wir wollen so sein, aber wir sind es noch nicht. Noch sind wir ganz altmodisch.“ Wenn ich also genauso bin, wie sie es in der Anzeige fordern, passe ich nicht in das Unternehmen.

Ein Interview fand auf Englisch statt. Ich konnte mich nicht so gut ausdrücken. Aber ich meinte: „In einer Umgebung, wo ich nur Englisch sprechen kann, werde ich das ganz schnell lernen.“ Das Unternehmen lehnte mich ab: „Du hast zwar das richtige Mindset, aber dein Englisch ist nicht so gut.“ Das verstehe ich nicht. Eine Sprache kann man lernen, aber das richtige Mindset ist schwer zu finden.

Außerdem sprechen sie die ganze Zeit vom Lernen – aber mir gestehen sie das nicht zu. Die Unternehmen sind voller Widersprüche. Sie sagen: „Wir wollen aus unseren Fehlern lernen, aber wir müssen perfekt sein.“ Das gilt auch für mich, sie wollen das perfekte, komplette Paket. Lernen geht nur über Risiko, aber sie wollen das Risiko nicht tragen. Ich bin fassungslos aus dem Interview gegangen.

Ich wurde sehr oft enttäuscht. Ich habe mich vorher über eine Firma informiert und vor Ort war es dann das genaue Gegenteil. Die Stellenausschreibung klang ganz cool, alles agil, aber für sie ist das nur ein Trend. Die verstehen gar nicht, was das ist.

In der Stellenanzeige wird geduzt, im Interview sind wir plötzlich per Sie. Sie reden von Fehlerkultur, Lernen, Flexibilität und Vertrauen, Authentizität. Aber eigentlich sollst du dich zu 100 Prozent anpassen und genau das machen, was sie wollen.

Mit Vollgas unterwegs

Alles soll immer schneller, besser, geiler sein. Aber die Gehirngeschwindigkeit ist seit tausend Jahren dieselbe. Das macht die Leute kaputt, die kommen nicht mehr hinterher. Es heißt, du kommst ganz schnell in einen neuen Job oder eine neue Kultur rein. Aber das ist nicht so – weil wir letztendlich Menschen sind.

Ich war ein Jahr auf Weltreise. 2017 kam ich zurück und habe dann ganz lange reflektiert und alles aufgeschrieben. Vom Lerneffekt war dieses Jahr wie zehn Jahre. Jetzt bin ich schon ein Jahr zurück und merke, wie lange es dauert, bis die Maschine da oben alles verarbeitet hat. Und erst, bis ich alles umgesetzt habe! Aber es soll immer alles von heute auf morgen passieren, jetzt, sofort. Wir vergessen, dass unser Körper nicht so funktioniert. Wir haben keine Geduld, keine Zeit mehr.

Ich habe immer den Druck der Gesellschaft verspürt: Du musst einen Job haben, du musst Erfolg haben. Ich hatte immer den Druck: machen, machen, machen. Ich bin durch das Leben gerannt und habe gemacht. Trotzdem hatte ich abends oft das Gefühl: „Ich hab nichts geschafft heute.“ Ich hatte keine Zeit für Ruhe, konnte nicht mal zehn Minuten am Boden sitzen. Ich war 100 Prozent Adrenalin.

Hoch hinaus

Mit 14 bin ich zuhause ausgezogen und habe mir einen Job gesucht. Ich habe acht Stunden gearbeitet und bin zur Schule gegangen. Dabei war ich viel zu jung, ich war überhaupt nicht reif dafür.

Ich bin auf einer Farm in Brasilien aufgewachsen. Mein Vater war Bauer. Er hat immer gesagt: „Wenn du was werden willst, wenn du studieren willst, musst du es allein schaffen. Ich kann dir nicht helfen.“ Also habe ich Wirtschaftsinformatik studiert. Während des Studiums hörte ich immer: Mädchen können kein Mathe. Ich dachte: Ich zeig Euch, dass ich’s drauf habe.

In Brasilien musst du alles bezahlen, ein Studium ist teuer. Der Unterhalt kommt noch dazu. Seit ich zuhause ausgezogen war, ging es nur ums Überleben – nicht ums Leben. Nach dem Abschluss habe ich irgendwas gemacht. An gute Jobs kommst du nur mit Vitamin B ran, aber ich kannte keinen in der großen Stadt. Wie sollte ich in ein großes Unternehmen reinkommen? Deshalb wollte ich weg aus Brasilien.

Wenn man etwas will, dann geht das immer. Ich habe in Brasilien alles aufgegeben: meinen Job, mein Haus, und bin zusammen mit meinem Partner mit einem 90-Tage-Touristenvisum nach Deutschland gekommen. Es war also klar: In 90 Tagen muss ich einen Job finden.

Viele Deutsche sagten uns: „Geht lieber zurück und lernt erst mal besser Deutsch. Ihr seid noch nicht soweit.“ Das war demotivierend. Eine einzige Person meinte: „Probier das.“ Daran habe ich fest geglaubt. Zwei Tage vor dem Abflug habe ich meinen Arbeitsvertrag in Deutschland unterschrieben.

Ich habe keine Angst vor dem Risiko, außer, wenn es um mein Leben geht. Ich sage mir immer: Wenn das schiefgeht, mache ich eben was anderes. Ich habe einen starken Willen, ich habe immer an mich geglaubt.

Der Zusammenbruch

2014 war ich mitten in meiner ehrgeizigen Karriere, ich wollte hochkommen, hatte zwei Riesenprojekte parallel laufen. Da erfuhr ich, dass mein Vater in Brasilien schwer erkrankt war. Er war der wichtigste Mensch in meinem Leben. Ich hatte das Gefühl, bei ihm sein zu müssen. Aber gleichzeitig war da das Gefühl ICH KANN NICHT, ich muss meine Arbeit machen. Am Ende war ich innerhalb eines halben Jahres drei Monate lang in Brasilien.

Als ich zurückkam, war eines meiner Projekte halbwegs gelungen, das andere gegen die Wand gefahren. Mein Chef sagte mir, ich hätte schlechte Arbeit geleistet, ich sei nicht geeignet für den Job, er würde mich runterstufen. Ich kam gerade frisch von der Beerdigung meines Vaters zurück und es hieß: „Deine Arbeit ist Scheiße.“ Ich war emotional total zerstört.

Aber es war nicht mein Kopf, der mir sagte, es geht nicht mehr. Es war der totale Crash meines Körpers. Auf den hatte ich nie geachtet. Meine Gesundheit war am Arsch, mir ging es schlechter als meiner 76-jährigen Mutter. Der Arzt sagte mir: „Wenn du so weiter machst, machst du nicht mehr lange.“ Mit was für einer Geschwindigkeit war ich durchs Leben gegangen?!

Ich hatte alle Werte in meinem Leben für die Karriere geopfert. Ich dachte, ich werde nie wieder gesund. Ich hab erst alles gelernt, als ich am Boden lag. Dann konnte ich aufstehen und aufräumen. Der Tod meines Vaters war das Beste, was mir in meinem Leben passiert ist. Nach 36 Jahren habe ich endlich verstanden, was das Leben ist. Es geht um die einfachen Dinge im Leben. Was will ich als Mensch erreichen?

Die Weltreise

Nach dem Burnout wollte ich eine Weltreise machen. Ich hatte nicht viel vorbereitet, nur die Flüge gekauft. Ich habe alles so gemacht, wie die Deutschen gesagt haben: „Lass dich vorher noch mal richtig untersuchen.“ Zwei Wochen vor dem Abflug erhielt ich eine Krebsdiagnose. Das war ein Schock. Mein Vater war zwei Jahre zuvor an Krebs gestorben.

Die Reise wollte ich trotzdem machen. Wegen der OP habe ich sie um eine Woche verschoben. Ich konnte auch den Rucksack nicht tragen, weil ich nicht schwer heben durfte. Also packte ich ihn auf einen Wagen. Es gibt für alles eine Lösung.

Auf meiner Reise habe ich unglaublich viel gelernt. Vor allem eins: Wenn ich von außen gesteuert bin, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass etwas schiefgeht. Wenn ich von innen gesteuert bin, ist die Wahrscheinlichkeit fürs Glücklichsein größer.

 

Dálcia Jochem schreibt gerade ein Buch und macht sich als Adventure Coach selbstständig.

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Cover photo by Alem Omerovic on Unsplash
Portrait Dálcia Jochem by Dálcia Jochem

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5 Kommentare

  1. Tolles Interview und wie recht sie hat! Heute kam ich völlig erledigt von der Arbeit und meine Schwiegermutter bat mich um Hilfe. Am liebsten wäre ich ins Bett gegangen, aber was ist wirklich wichtig im Leben? Die Karriere oder für die Mitmenschen da sein? Je öfter ich mir diese Frage stelle, je mehr komme ich dazu, dass uns viel zu wenig Zeit für die Mitmenschen, die Familie bleibt. Wir rationalisieren nicht nur unsere Jobs, sondern auch zu Hause alles. Die Kinder werden im Laufschritt abgefertigt, der Hund beim Sitter abgegeben. Aber waren dies nicht die Gründe, warum wir arbeiten gingen? Für die Kinder, den Hund, Mutter, Vater etc.?

  2. Vielen Dank für diesen Artikel.
    Ich hatte bis jetzt noch nicht vom Adventure Coaching gehört und war total geflasht, als ich die Beschreibung dazu las.
    DAS ist es, was ich immer gesucht habe, was ich immer machen wollte.
    Ein weiterer Schritt, um dem Konzern, in dem ich aktuell arbeite, den Rücken zuzukehren.

    VG
    Melanie

    • Lydia

      Vielleicht wirst Du ja Dálcias erste Klientin. 😉

  3. Hallo Dálcia, hallo Lydia,

    auch wenn es nur wenige zugeben, das was ihr hier beschreibt und verarbeitet ist sehr weit verbreitet. Es gibt eine Phase im Leben, da wird man das Opfer seines bisherigen Erfolgs.
    Harte Einschnitte verlangen einen Richtungswechsel.

    Am Ende ist es die Bewältigung dieser Herausforderungen, die eine Persönlichkeit formt.

    Damit nicht noch mehr Lebenszeit Unschuldiger verschwendet wird, haben Tobias Leisgang und ich unser altered Ego auf die Reise geschickt, die wir bereits absolviert haben.
    Mittlerweile ist das dritte Kapitel veröffentlicht.

    Uns hat man nach dem ersten Kapitel gesagt, wir sollen erst einmal besser schreiben lernen und dann noch einmal ’sauber‘ starten. Wir haben uns für’s ‚dreckig bleiben‘ entschieden und weitergemacht.

    Wir entschieden uns, ab Kapitel 2 in zwei Sprachen zu schreiben. Wir beginnen ein Kapitel in einer Sprache, dann übersetzt der andere und wir erkennen so, ob es funktioniert. Kommen wir an? Wird es verstanden?

    Wer mag, kann über diese Promo-Codes zu einem Betrag der freien Wahl ab 0,- an Franks Reise teilhaben:
    EN: https://leanpub.com/aoc/c/HH9pms05vOI4
    DE: https://leanpub.com/kdz/c/peBVsOMs3UUn

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