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Interview mit Carmen Chraim: Comedian, Araberin, Ingenieurin

Es gibt immer noch wenige weibliche Comedians, noch weniger arabische und vermutlich nur eine einzige, die auch noch Ingenieurin ist. Nachdem ich in meiner Regionalzeitung über Carmen gelesen hatte, ging ich auf ihre Homepage und musste sehr über ihre Witze lachen. Also war klar, dass ich mehr über ihre Story herauszufinden wollte. Das Interview fand via Zoom statt. Im Sommer hatte ich auch Gelegenheit, Carmen live zu erleben. Ich sag’s mal so: Sie war die Königin des Abends und mit Abstand (haha!) die lustigste Person auf der Bühne.

This Interview was originally conducted in English. Scroll down for the English version.

Zunächst mal, wie bist du ausgerechnet in Berlin gelandet? Im Zeitungsartikel hast du erwähnt, dass du kein großer Fan der Stadt warst.

Als ich ankam, gefiel es mir überhaupt nicht. Ich dachte: Das ist also Europa? Alles war so groß, überhaupt nicht niedlich. Ich hab leckeres Essen vermisst und war super einsam – ich kannte ja niemanden. Ich habe wirklich überlegt, in eine andere Stadt zu ziehen. Die ersten beiden Jahre waren echt hart. Mein Job als Ingenieurin war in Marienfelde, gewohnt habe ich am Spittelmarkt [beides nicht sehr hippe Stadtteile, Anm. d. Red.] Ich bin quasi jeden Tag vom Nirgendwo ins Nirgendwo gependelt. Aber nach einiger Zeit habe ich die Stadt mit anderen Augen gesehen, jetzt liebe ich sie. Es brauchte einfach Zeit.

Carmen Chraim loving Berlin
Instagram: @carmenita01

Hatte Comedy etwas damit zu tun, dass du deine Meinung geändert hast? 

Comedy spielte eine große Rolle. Ich hatte ja nicht viele Freunde und Aktivitäten in Berlin, also ging ich mit, als ein Freund mich zu einem Auftritt einlud. Dort waren vor allem Künstler aus den USA und Großbritannien, mittlerweile kenne ich sie alle. Mir hat gefallen, dass man sehr ehrlich auf der Bühne sein kann. 2013, 2014 habe ich sie fast gestalkt, ich bin zu allen Shows gegangen. Ich dachte mir, irgendwann will ich auch auf der Bühne stehen. Also fing ich an, Bücher zu lesen, mir Comedy Specials anzuschauen und Witze zu schreiben. Und dann bin ich einfach auf die Bühne gegangen und hab’s getan. Ich wollte immer besser werden, also habe ich auch einen Kurs in New York City besucht. Am Anfang war ich total nervös bei den Auftritten, aber danach ging es aufwärts.

Du trittst in vier Sprachen auf: Englisch, Arabisch, Deutsch und Französisch. Gibt es da Unterschiede?

Ich finde, das Publikum ist anders. Berlin ist anders als Düsseldorf oder Italien, es gibt andere Gewohnheiten und Klischees. In Berlin versteht man Witze darüber, dass niemand Arbeit hat. In Mailand verstehen die Leute Witze über offene Beziehungen nicht.

Im echten Leben bist du Ingenieurin. Was gibt dir Comedy?

Es ist, als hätte man zwei Jobs parallel. Ich gehe auf Dienstreisen und zu Auftritten. Eigentlich habe ich kein Privatleben. Durch Comedy bekomme ich viel Selbstvertrauen und Zufriedenheit. Als Comedian kannst du sehr ehrlich sein. Das Publikum weiß, das ist Comedy. Auf der Bühne redest du über Sachen, über die du nicht mal mit deinen besten Freunden reden würdest, denn das sind alles Fremde, die siehst du nie wieder.

Weibliche Comedians sind immer noch recht selten. Ändert sich das langsam?

Es wird besser. Vor sieben Jahren gab es nur zwei, jetzt sind es mehr. Es gibt Kurse, man kann sich ausprobieren, Frauen bekommen Raum, also gehen die Zahlen nach oben.

Was sind deine Ziele als Comedian?

Ich würde das sehr gern Vollzeit machen. Vor der Pandemie hatte ich Soloshows und war viel unterwegs. Ungefähr die Hälfte meiner Zeit habe ich Comedy gemacht. Eigentlich wollte ich meinen richtigen Job loswerden. Ich würde so gern viel mehr machen. Wegen Berlin bin ich mir nicht sicher, die Sprache ist eine Barriere, denn meine Comedy ist hauptsächlich auf Englisch. Ich denke darüber nach, woandershin zu gehen. Ich würde gern die großen Comedians in NYC sehen.

Carmen Chraim on stage
Instagram: @carmenita01

Wie ist es, als arabische Frau Comedian zu sein?

Es ist ein Pluspunkt, weil die Leute das nicht erwarten. Ich bin laut und offenherzig auf der Bühne, habe eine angriffslustige Energie. Wenn die Leute wissen, dass ich aus dem Libanon bin, erwarten sie etwas anderes. Außerdem präsentiere ich in meiner Comedy und meinen Interviews eine neue Sicht auf arabische Stereotype.

Ich schätze, es gibt viele Stereotype?

Natürlich. Wenn ich kein Fleisch esse, denken die Leute, es hängt damit zusammen, dass ich Muslima bin und es nicht halal ist. Dabei bin ich Vegetarierin. Oft sind die Leute auch überrascht, dass ich allein lebe.

In deinem “richtigen” Job bist du Ingenieurin. Wie kam es dazu?

Es gab nicht so viele Möglichkeiten für mich. Wenn man im Libanon nicht arbeitlos bleiben will, muss man woanders studieren und arbeiten. Die Optionen waren Business, Pharma, Ingenieurwesen oder Filmproduktion. Ich war immer gut in Physik und Mathe, daher habe ich Ingenieurwesen gewählt. Ich bereue es nicht, ich würde es wieder tun. Man bekommt analytische Fähigkeiten, Ausdauer und man lernt, unter Druck zu arbeiten.

Dein erster Job in Berlin war bei einem traditionellen deutschen DAX-Konzern. Wie nimmst du die Arbeitswelt in Deutschland wahr?

Kommt drauf an. Anfangs hatte ich Schwierigkeiten, mich zu integrieren. Mein Deutsch war nicht gut, ich habe Privatstunden genommen. Man muss mehr leisten, um sich zu beweisen, wenn man nicht deutsch ist. Die Leute dachten: Warum wurde sie eingestellt? Wer ist diese dünne Person, die nicht mal einen deutschen Abschluss hat? Der Druck war hoch, aber ich habe auch eine Menge Unterstützung von meinen Kollegen bekommen.

Hat dich etwas an der deutschen Arbeitsweise überrascht?

Ja, die Bürokratie, die Excel-Tabellen, dieser ganze Bullshit. Und natürlich, wenn du kein männlicher deutscher Ingenieur bist, bekommst du zwar eine gewisse Anerkennung, aber die Voreingenommenheit ist immer noch da. Ich habe diesen Job gekündigt und bin zu einem Startup gegangen, danach zu einer Beratungsfirma für Softwareentwickler. Da gibt es mehr Vielfalt. Ich mag die strukturierte Arbeitsweise in Deutschland, aber Mensch, ihr müsst flexibler sein!

Was sagt eigentlich deine Familie im Libanon dazu, dass du Comedy machst?

Comedy ist tatsächlich ein Tabuthema. Sie wissen, dass ich das mache, aber nicht in welchem Ausmaß. Für sie ist es nur ein Hobby, aber für mich ist es viel mehr. Für sie zählt der sichere Job. Sie haben den Bürgerkrieg überlebt und die israelischen Angriffe, daher ist ihnen Sicherheit sehr wichtig. Sie waren erleichtert, als ich meinen deutschen Pass bekam.

Was vermisst du am Libanon?

Die Wärme der Menschen, einander zu helfen, aufeinander achtzugeben. Die Spontaneität, ohne Termin! Und natürlich das Meer, den Strand, die Landschaft. Meine Eltern. Ich mache mir immer Sorgen um sie, sie werden alt. Freunde, Treffen, zusammen zu Abend essen und trinken. Eine Person zahlt für alles.

Hast du irgendetwas Gutes über die Deutschen zu sagen?

Man muss es den Deutschen lassen – sie können einen Witz vertragen, sie lachen über sich selbst. Sie sind gut darin, Humor zu akzeptieren.

 

Soweit es wegen der Pandemie möglich ist, tritt Carmen weiterhin in verschiedenen Comedy Clubs rund um die Welt auf. Schaut mal auf Carmen’s Website und Insta. Ihre nächsten Auftritte findet Ihr auf ihrer Facebook page. Wenn Ihr mich fragt, ist ihr Netflix-Special nicht mehr weit.


An interview with Carmen Chraim: Comedian, arab, engineer

There are still few female comedians, even less Arab ones and probably only a single one who is also an engineer. After I read about Carmen in my local newspaper I checked out her homepage and laughed a lot about her jokes. So naturally, I had to meet this person and find out about her story. We did the interview via Zoom. During the summer, I had the opportunity to see her perform on stage. Let me put it this way: She was the queen of the night and the funniest person up there!

First, how did you end up in Berlin of all places? You mentioned in the article that you were not a big fan of the city.

When I first came here I didn’t like it at all. I thought: So this is Europe? Everything was big, not cute at all. I missed the delicious food and was super lonely, I didn’t know anybody. I already thought of moving to a different city. The first two years were really hard. My job as an engineer was in Marienfelde, I lived at Spittelmarkt [both not very hip parts of town, editor’s remark]. So everyday I was commuting from out of nowhere to out of nowhere. But after I while my eyes opened and I love it now, it just took time.

Did comedy have anything to do with your change of mind?

Comedy played a big role in it. I didn’t have many activities and friends in Berlin, so when a friend was performing and invited me, I went along. There were mostly performers from the US and UK, I know them well now. I loved how you can be very honest on stage. In 2013, 2014 I basically stalked them, I went to all the events. I thought, I want to be on that stage one day. So I started reading books, watching comedy specials and writing jokes. And then I just went on stage and did it. I wanted to do better so I also went to New York City and took classes. At first I was super nervous to perform but things started to open up after that.

You perform in four languages: English, Arabic, German and French. How is every language different?

I find that the audiences are different. Berlin is different from Düsseldorf or Italy, there are different habits and clichés. In Berlin people get jokes about nobody having a job. In Milan people don’t understand jokes about open relationships.

In real life, you’re an engineer. What do you get out of doing comedy?

It’s like running a parallel job. I travel for work and I go to gigs. I actually have no private life. Doing comedy gives me a lot of confidence and satisfaction. As a comedian you can be very honest. The audience understands it’s comedy. You share things on stage that you wouldn’t share with close friends, because those are strangers you will never see again.

Female comedians are still quite rare. Do you feel this is changing?

It’s getting better. Seven years ago there were only two female comedians around, now there are more. There are courses, you can try things out, women get the space, so the numbers go up.

What are your goals as a comedian?

I would love to do this full-time. Before the pandemic, I was doing solo shows and travelling a lot. About 50 percent of my time I was doing comedy. I actually wished for my day job to go away. I would like to do a lot more. I’m not sure about Berlin, the language is a barrier because most of my comedy is in English. So I’m thinking of moving. I want to watch big comedians in NYC.

What’s it like to be a female Arab comedian?

It’s a plus because people don’t expect it. I’m loud and outspoken on stage, with an aggressive energy. When the audience knows I’m from Lebanon they expect something else. Also, in my comedy and interviews I present a new view of the Arab stereotype.

I image there are a lot of stereotypes?

Of course. When I don’t eat meat people think it’s because I’m muslim and it’s not halal, but I’m a vegetarian. Also, people are often surprised to find out I live alone.

In your day job, you’re an engineer. Why engineering?

There were not too many options for me. Unless you want to stay unemployed in Lebanon, you need to study and work somewhere else. The options were business, pharma, engineering or movie production. I have always been good at physics and maths, so I chose engineering. I don’t regret it, I would do it again. It provides you with analytic skills, endurance and you learn to work under pressure.

Your first job in Berlin was with a traditional German DAX company. How do you perceive the working world in Germany?

It depends. At the beginning I had a lot of difficulty integrating. My German was not good, I took private lessons. You have to go the extra mile to prove yourself when you’re not German. People were thinking: Why did she get hired? Who is this thin person who does not even have a German degree? There was a lot of pressure but I also got a lot of support from my colleagues.

Did anything surprise you about the German way of working?

Yes, the bureaucracy, the Excel sheets, all that bullshit. And of course, when you are not a male German engineer you do get some credit but the bias is still there. I left this job to work for a startup and then for a consultancy for software developers.There is more diversity. I like the structured way of working in Germany, but come on, you’ve got to be more flexible!

What does your family in Lebanon think about your comedy?

Comedy is actually a taboo topic. They know I do it but not how much I do it. For them, it’s still a hobby, but for me it’s more than a hobby. To them, it’s the secure job that matters. They have survived the civil war and the Israeli attacks, so security is very important to them. They were relieved when I finally got my German passport.

What do you miss about Lebanon?

The warmth of people, helping each other out, checking on you. The spontaneity, no Termin! And of course, the sea, the beach, the landscape. My parents, I always worry about them, they are getting old. Friends, gatherings, dinner and drinks. One person who pays for everything.

Do you have anything good to say about Germans?

You have to give it to the Germans – they can take a joke, they laugh about themselves. They are good at accepting humor.

As much as it is possible due to the pandemic, Carmen continues to perform in various comedy clubs around the world. Check out Carmen’s website and Insta find out where she performs next on her Facebook page. As far as I’m concerned, her Netflix special should be around the corner.

Photo by Brands&People on Unsplash

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