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I bims, die Klimakatastrophe

Es sind gute Tage für Klimaaktivist:innen. So schlimm das auch alles ist, so sehr es mich mitnimmt zu sehen, wie Menschen alles verlieren, Flüchtlinge im eigenen Land werden, mit nichts als ihren Schlafanzügen auf dem Leib zu Nachbar:innen oder Verwandten flüchten müssen. Leute, die vor ein paar Tagen noch in ihrem Garten gewerkelt haben oder ihre Werkstatt renoviert haben, stehen vor dem Nichts. Auf eine perverse und verzweifelte Art gibt mir das Hochwasser dennoch Hoffnung: die Hoffnung, dass die Mehrheit der Menschen endlich begreift, was die Klimakatastrophe bedeutet.

Ich nerve Leute ungern mit dem Klimathema. Ich bin ja selbst erst seit 2019 in der Klimabewegung aktiv und bin für meinen Enthusiasmus schon öfters ignoriert oder ausgelacht worden – auch von Leuten, die es besser hätten wissen müssen. Aber nicht zu nerven, wäre unverantwortlich. Es wäre so, als wenn man einen Menschen ertrinken sieht und nicht hilft. Ups, Frontex!

Seit ich mich eingehender mit der Klimakatastrophe beschäftigt habe, kriege ich sie nicht mehr aus meinem Kopf. Das Thema ist immer da. Wie ein Freund einmal sagte: „Dank dir kann ich nicht mal mehr das schöne Wetter genießen.“ Ja, sorry, geht mir auch so.

Während der Hitzewellen der letzten Jahre bin ich bei strahlendem Sonnenschein durch meinen Kiez gelaufen und habe die gelb-vertrockneten Blätter an den Bäumen gesehen. „Scheiße“, dachte ich, „was machen wir, wenn uns alle Stadtbäume verrecken? Was zur Hölle machen wir dann?!“ Ja klar, Gießaktionen, ja, klar, neue Bäume pflanzen, aber das wird alles nicht reichen. Wir brauchen grundlegende Veränderungen, wir müssen unsere Gesellschaft so umbauen, dass wir der Natur und dem Klima möglichst wenig schaden.

You can’t unlearn it

Jetzt bin ich hier in der Schweiz. Ich wandere durch das wunderschöne Appenzeller Land, esse frischen Ziegenkäse bei den Bäuer:innen und trinke das erste Glas Rohmilch meines Lebens. Hammer!

Parallel dazu läuft in meinem Kopf eine Endlosschleife: „Schaffen wir es, das alles zu erhalten? Der Permafrost hält die Berge zusammen und wenn der schmilzt, rutscht hier alles weg.“ You can’t unlearn it. Wer das wahre Ausmaß der Klimakatastrophe einmal verstanden hat, kriegt das nie wieder aus dem Kopf. Ja, man kann es ab und zu verdrängen, man muss es sogar, sonst wird man ja verrückt.

Es hilft nicht, dass auch die Schweiz aktuell von Unwettern heimgesucht wird. Im Schweizer Radio höre ich die Nachricht, dass durch den anhaltenden Starkregen die Pflanzen auf den Feldern verfaulen: „Die Versorgung mit Schweizer Gemüse kann nicht mehr gewährleistet werden.“ Das haben die wirklich so gesagt.

Mich überrascht das nicht, aber es schockiert mich trotzdem. Ein einigermaßen stabiles Klima ist die Voraussetzung für Landwirtschaft, für die Produktion unserer Nahrungsmittel. Hitze, tagelanger Regen, Hagel – all das zerstört Ernten und wird früher oder später zu Nahrungsmittelknappheit führen.

Was wir jetzt erleben, ist erst der Anfang eines sich destablisierenden Klimas. Bilder, die wir sonst aus Bangladesh oder von den Philippinen kennen, kommen jetzt aus Deutschland, Belgien, der Schweiz. Man könnte sagen: „Die Einschläge kommen näher“, wenn das nicht diese unsägliche Militärsprache wäre. Besser wird es nicht mehr – es wird schlimmer, je stärker sich die Erde durch die Treibhausgase erhitzt.

Extremwetter sind extrem

Aus den Hochwassergebieten hört man immer wieder das ungläubige Staunen der Rettungskräfte: „Ich mach diesen Job jetzt schon so viele Jahre, aber so etwas hab ich noch nie erlebt.“ Solche Aussagen habe ich schon mal gehört: von den Feuerwehrleuten aus Kalifornien, die nicht fassen konnten, wie schnell sich die Waldbrände ausbreiten.

Extremwetter heißen Extremwetter, weil sie eben nicht normal sind, sondern extrem. Sie übersteigen alles, was wir an Unwetter kennen. Niemand ist darauf vorbereitet. „This is not what we were trained for“, sagt ein Feuerwehrmann im Film.

Wir müssen alles tun (spätestens jetzt!), um zu verhindern, dass sich die Erde noch weiter erhitzt. Momentan steuern wir auf eine 4°C-Welt zu. Eine solche Welt wird weitgehend unbewohnbar sein. Sie wird aus Wüste bestehen und ein paar halbwegs bewohnbaren Fleckchen, um die sich dann die Menschen, die die Extremwetter und die Nahrungsmittelknappheit überlebt haben, prügeln werden. Ich habe diese Karte mal auf einem Vortrag gezeigt und da wurde es ganz still. Die Wüste fängt in Südfrankreich an, Bella Italia und die iberische Halbinsel sind unbewohnbar, Afrika, Asien und Südamerika sowieso.

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The world 4 degrees warmer, map by Parag Khanna

Wichtig ist, sich immer zu verdeutlichen: Es muss nicht so kommen. Unsere menschliche Intelligenz, unsere Fähigkeit zu planen und Probleme zu lösen, kann das Schlimmste verhindern. Aber das Zeitfenster schließt sich langsam.

Fakten statt Alarmismus

Meint Ihr, ich übertreibe, ich male schwarz, das ist doch nur Alarmismus? Dann schaut Euch mal diesen Fernsehbeitrag von 2017 an. Darin geben australische Klimaforscher:innen einen Einblick in ihre psychische Verfassung. Wie kommen sie klar mit dem Wissen über die Klimakatastrophe, dieser Last, die sie mit sich herumtragen? Was sind ihre Pläne für die Zukunft?

Ein paar Zitate dieser Wissenschaftler:innen aus diesem Beitrag:

Es wird dramatisch.

Es wird schlimm.

Leider habe ich keine guten Nachrichten.

Viele Menschen werden leiden, viele Menschen werden sterben.

Ich möchte niemandem Angst machen, aber die Zukunft sieht nicht gut aus.

Wir überlegen, wo wir hinziehen und unsere Familien in Sicherheit bringen können.

Ich denke, es wird keine sicheren Orte geben.

Vielleicht muss man es wirklich heftiger formulieren, damit die Botschaft ankommt. Eckart von Hirschhausen hat gestern Abend bei Maybrit Illner geschildert, warum wir dringend handeln müssen. „Kein Mensch kann sich seine eigene Außentemperatur kaufen. Noch nicht mal ein Privatversicherter. Noch nicht mal ein Milliardär.“

Climate Action Now

Um nicht verrückt zu werden, habe ich mich entschieden, meinen Beitrag zu leisten, um die Klimakatastrophe aufzuhalten. Bei Extinction Rebellion und bei den Grünen. Das wird schwer genug, aber wir müssen es auf jeden Fall versuchen. Noch haben wir die Chance, schnell aus den fossilen Energien auszusteigen, Landwirtschaft, Verkehr und Industrie umzustellen und die Klimakatastrophe dadurch abzubremsen.

Deshalb meine dringende Bitte an Euch, meine lieben Leser:innen: Informiert Euch, was die Klimakatastrophe wirklich bedeutet, falls Ihr es noch nicht getan habt. Werdet aktiv. Wenn Ihr schon lange überlegt habt, Euch politisch zu engagieren oder bei einer NGO: Jetzt ist der Zeitpunkt. Wartet nicht länger, macht es! Am 16.8. habt Ihr beim August Rise-Up die Möglichkeit, in Berlin friedlich zu protestieren und die Politik unter Druck zu setzen. Und am 24.9. die Arbeit niederzulegen und beim globalen Klimastreik mitzumachen.

Und bitte setzt am 26.9. Euer Kreuz bei der Partei, die einen klaren Plan für eine klimaneutrale Zukunft dieses Landes hat. Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren.

PS: Bei Betterplace könnt Ihr für die Opfer der Hochwasserkatastrophe spenden.

Foto von Derek Thomson auf Unsplash

Bitte folgen Sie mir unauffällig!

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7 Kommentare

  1. Skully

    Hallo Lydia,

    du hast mit allem Recht. Und wir werden auch wenn alle Länder jetzt alle machbaren Klimaziele angehen würden, dies für die Zukunft unserer Kinder und Enkelkinder machen, damit diese überhaupt leben können.
    Unsere Gegenwart wird so oder so sich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten auf die extremen Wetterlagen einstellen und hinnehmen müssen. Das steht fest.

    Der Jetstream hat sich verlangsamt und damit bleiben Hochdruck und Tiefdruck Wetterlagen viel beständiger. Das steht auch fest.

    Der Golfstrom hat sich verlangsamt. Wenn dieser sich umdreht, also von Nord nach Süd umgekehrt als bisher fließt, dann wird das Klima bei uns kälter. Andere Klimagürtel werden entstehen. Da kann es tatsächlich passieren, daß es auf dem afrikanischen Kontinent zu einer gemäßigten Zone kommen kann. Dann regnet es dort. Das steht alles noch nicht fest.

    Was tun? Alles was persönlich möglich ist um die Klimaerwärmung zu reduzieren, sich politisch einsetzen für die Maßnahmen, Blogs schreiben und es allen erzählen.

    Für die eigene Psyche dennoch ruhig bleiben. Ich selbst denke oft an den Dalai Lama und lächle andere an und in mich hinein. Denn das Leben ist wie es kommt und ich liebe mit dem Lächeln unsere Mutter Erde. Auch wenn sie nun heftige Korrekturen vornimmt.
    Es macht auch die innere Haltung aus, wie man mit den Katastrophen umgeht.
    Bleib tapfer und ich sende ein Lächeln an dich nach Berlin.

    • Danke, Skully! Du hast natürlich Recht, dass immer auch alles anders kommen kann. Diese leise Hoffnung habe ich auch noch, will mich aber keinesfalls darauf verlassen. 😉 Wir beide sind sowieso alt genug, um dann einfach die Augen zuzumachen, wenn es ganz schlimm kommt. Aber die jungen Menschen tun mir leid. Und die Tiere. Okay, das war jetzt wohl auch nicht Dalai Lama like. 😀 Sende Dir ein schiefes Grinsen zurück nach Stuttgart!

  2. Danke Lydia, es ist zum Verzweifeln.

    Lg,
    Sarah

  3. Skully

    @Sarah: in den achzigern standen wir kurz vor einem Atomkrieg. Damals wollte keiner mehr Kinder in die Welt setzen…
    Auch üble Gedanken haben einen lange beschäftigt…
    Verzweifle bitte nicht. Kämpfe aber verzweifle nicht. Jede einzelne Blume die durch den Beton wächst verzweifelt nicht und macht Hoffnung.
    Omnia vincit Amor et sic itur ad Astra
    Skully

  4. Carrie

    Liebe Lydia,
    sehe ich genauso, bis auf „das Wetter muss halbwegs stabil bleiben“. Genau das ist das Problem. Durch die sich erwärmenden Polarströme bleibt das Wetter stabil, das bedeutet, dass die Regenwolken nicht weiterziehen und wochenlang über einer Gegend abregnen, während woanders die Hochlagen stabil bleiben und Extremhitze auslösen.
    Auch ich hoffe, dass man noch irgendwas machen kann, wenn auch nicht ganz so enthusiastisch 🙁
    Liebe Grüße
    Carrie

    P.S.: Kann dir leider auf WordPress nicht folgen, erhalte immer diese Fehlermeldung: „Beim Folgen von http://www.bueronymus.de/feed ist leider ein Problem aufgetreten. Bitte versuche es erneut.“
    Kann es sein, dass bei dem Link, den du bei WordPress eingetragen hast, das S hinter HTTP fehlt?

    • Hi Carrie, ich meinte ein stabiles Klima, nicht Wetter. Der Anbau von Nahrungsmitteln ist nur innerhalb eines bestimmten Temperaturfensters und bei halbwegs stabilen Jahreszeiten möglich. Mit zunehmender Erderhitzung wird das immer weniger möglich sein. Hinzu kommen die Extremwetterereignisse, die zusätzlich die Ernte vernichten können. Prof. Will Steffen erklärt das hier ganz gut: https://www.facebook.com/Scientists4Future/videos/226789268493388/ Wegen dem Feed muss ich ma kieken, keine Ahnung, wo man das einträgt. Eigentlich brauchst Du nur auf das Plus unten rechts klicken oder geht das auch nicht? Liebe Grüße, Lydia

      • Carrie

        Aber jenau ditte meinte ick ja 😉 Kann sein, dass ich bei dir statt Klima Wetter las. Mea culpa.

        Jenau dit mit dem Plus jeht nich. Nun habe ich keinen Kaufaccount, aber bei mir trägt man im Dashboard unter „Einstellungen“ und dann „Allgemein“ die Webseiten-Adresse ein. Hilft dit?

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