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Es grünt so grün

Das Leben ist voller Überraschungen. Heute zum Beispiel bin ich überraschend Mitglied bei den GRÜNEN geworden. Und das kam so: Ich ging online und las, dass die Kanzlerkandidatin der GRÜNEN Annalena Baerbock heißt. Und das hat mich so umgehauen, dass ich sofort einen Mitgliedsantrag ausgefüllt habe. So kann’s kommen. 😉

Intuitiv hatte ich wohl damit gerechnet, dass es Robert Habeck wird. Weil die Partei ihm vielleicht bessere Chancen einräumt, weil er im Zweifel eine „sichere Bank“ ist, weil der Mann im Patriarchat halt der default ist, die Standardeinstellung. Es wird doch am Ende immer der Mann, dachte ich. Aber nein!!! Die Frau isses geworden.

Für mich sagt das so viel aus. Nämlich, dass die GRÜNEN leben, was sie predigen, sie walken ihren talk, aber sowas von! Sie haben als einzige Partei eine Frauenquote nicht nur schon lange beschlossen, sondern auch umgesetzt. Sie sind offen für Menschen aller Couleur. Sie lassen ihre Mitglieder wirklich mitreden, sogar die Jüngeren – wo gibt es das denn sonst?

Natürlich hat das Ganze eine Vorgeschichte: Ich habe vor einigen Jahren ein Wahlprogramm der GRÜNEN lektoriert. Ich vermute ja mal, dass die wenigsten Wahlprogramme wirklich gelesen werden. Eher zieht man sich als Wähler*in eine Zusammenfassung rein, einen Flyer oder ein paar Facebook-Kacheln. Oder man macht den Wahl-O-Mat. Ich aber musste mich qua meines Berufes Wort für Wort durcharbeiten – und dabei stellte ich fest, dass ich noch nie etwas gelesen hatte, dem ich im Großen und Ganzen komplett zustimmen konnte.

Und da war noch etwas: Aus dem Programm kam so eine Menschlichkeit für mich rüber. Ich meine, eine Partei, der Tiere nicht egal sind – das ist doch fantastisch. Menschen sind ihnen sowieso nicht egal, aber die GRÜNEN haben sich in ihrem Wahlprogramm eben auch darüber gefreut, dass die Feldlerche nicht mehr vom Aussterben bedroht ist. Das hat mich berührt.

Naja, und jetzt die Sache mit Annalena (ich darf ja jetzt Du sagen 😛 ). Ganz ehrlich, ich weiß nicht viel über sie. Habeck war mir präsenter, ich hatte ein paar Interviews mit ihm gelesen. Talkshows tu ich mir schon seit Jahren nicht mehr an. Aber darum geht es gar nicht. Die Tatsache, dass die Partei Annalena Baerbock vertraut, an sie glaubt, in ihr die zukünftige Kanzlerin sieht – das ist genau das, was wir Frauen brauchen.

Ich hege auch einige Sympathie für Angela Merkel (als Frau, Ostlerin, sachliche Politikerin, außerdem haben wir das gleiche Lieblingsrestaurant 😉 ), aber natürlich kann ich bei ihr politisch nur sehr bedingt mitgehen. Außerdem ist sie eine andere Generation.

Mit Annalena besteht nicht nur die Chance, dass wieder eine Frau Kanzlerin wird, sondern auch jemand Jüngeres (sie ist 40). Ich kann es gar nicht erklären, aber ich fühle mich irgendwie von ihr vertreten. Ich verspüre wieder Hoffnung, dass sich etwas ändert. No more Laschet-Söder-Schwanzvergleich! Irgendwas liegt gerade in der Luft – nicht der Duft der Frauen, sondern die Schwingungen der weiblichen Superpower. 😀

Plötzlich hatten sich alle Gegenargumente, die ich mir innerlich zurechtgelegt hatte, verflüchtigt: zum Beispiel die Spinner:innen in der Partei. Hey, wenn jemand ein Herz für Bekloppte hat, dann ja wohl ich! 😉 Außerdem ist mir eine Partei sympathischer, die ihre Spinner:innen integrieren kann, statt sie mundtot zu machen.

Ich gebe es zu, ich hege die Hoffnung, dass Deutschland eine lockere, warmherzige Kanzlerin bekommt, die auf die Wissenschaft hört und aus Schnarchdeutschland ein Land macht, das Weltmeister beim Klimaschutz wird (darunter machen wir’s doch nicht, Leute! 😉 ). Die einen neuen Politikstil einführt, so wie Premierministerin Jacinda Ardern in Neuseeland, die einfach mal abends auf dem Sofa im Jogginganzug Fragen beantwortet, nachdem sie ihr Kind ins Bett gebracht hat. Aber das sind schon wieder ganz viele Projektionen und Überforderungen.

Es wird schwer genug für sie, denn der Gender Bias existiert weiterhin, und ich ahne, was jetzt erst mal kommt: ganz viel Frauenhass, das Infragestellen der Kompetenz, das Wühlen nach schmutziger Wäsche, fake news und Desinformation.

Deshalb wünsche ich mir erst mal, dass Annalena Baerbock den kommenden Spießrutenlauf übersteht und Kanzlerin wird. Und dann sehen wir weiter.

PS: Ja, dieses Gruppending ist immer noch nicht meins, deshalb wollte ich doch nie irgendwo Mitglied werden! Aber jetzt ist es zu spät. 😀 Ich weiß noch nicht, wie stark ich mich einbringen werde. „Du kannst ja auch erst mal einfach zahlendes Mitglied sein“, meinte eine grüne Freundin. Eben. Und dann sehen wir weiter.

Photo by Maria Oswalt on Unsplash

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9 Kommentare

  1. Eva

    Toller Post, mir ging es genauso. Und weißt du was? Ich lass jetzt auch all meinen Wahlen Taten folgen, folge dir & werde dich Mitglied. Meine Eltern leben in Neuseeland, ich will auch eine Jacinda!

  2. Frank

    Bei mir war’s vor 4 Wochen so weit und ich bin jetzt nach den ersten Erlebnissen als Mitglied noch mal begeisterter. Eine Menge superkompetente junge Menschen (gefühlt mehr Frauen), vor denen ich echt den Hut ziehe.
    Freue mich, jetzt dich auch dabei zu wissen!

  3. Hallo liebe Lydia,

    ich lehne ja Parteien an sich mittlerweile ab (zumindest als Mittel der politischen Willensbildung), weil ich glaube, dass Parteien uns wenig helfen, heute noch zusammen zu kommen und gemeinsam zu Beschlüssen zu kommen, die mehr sind als Stillstand und faule Kompromisse. Dafür sind wir einfach zu viele und viel zu verschieden in unserer heutigen, großartigen Gesellschaft. Ich will raus aus den Kampfformen von Politik, und Parteien sind nun mal ein zentraler Teil von dieser kampfförmigen Art, Politik zu machen, inklusive Hickhack, taktische Kommunikation, Intrigen und allzu großer Fokus auf einzelne Personen.

    Aber Dein Post ist so beschwingt, dass ich Dir „den Moment“ dennoch von Herzen gönne! <3 – Auch muss ich gestehen, dass ich selber vor 16 Jahren aus ganz ähnlichen Gründen und ähnlicher Stimmung ein erstes und einziges Mal "schwarz" gewählt habe.

    Möge ich mich also irren. Und falls nicht, haben wir ja immer noch die Sache mit den Gelosten Bürgerräten und "Politik jenseits von Parteien, Spaltungen und Grabenkämpfen".

    LG! :))
    Ardalan

    • Hi Ardalan, naja, ich bin auch skeptisch, was Parteien angeht, und ein großer Fan von Bürger:innenräten, wie ich ja hier auch schon geschrieben habe. Aber momentan ist es halt das, was wir haben. Und gerade von den GRÜNEN habe ich schon sehr viel Gutes gehört, auch von Leuten, die dort aktiv sind. Man kann sehr wohl einiges anders machen als andere Parteien. Ich muss sagen, dass z. B. die Parität* bei Redebeiträgen, die dort gilt, sehr attraktiv für mich ist. 🙂 Ich bin keine besonders demütige „Parteisoldatin“ – aber auch da bin ich wohl bei den Richtigen gelandet, hehe. Ansonsten bin ich absolut dafür, Bürger:innenräte einzuführen (ist ja auch eine zentrale Forderung von XR), auch die Idee des Bürger:innenhaushalts finde ich vielversprechend. LG zurück.

      *Männer und Frauen reden abwechselnd, wenn keine Frau mehr was sagt, ist Schluss.

  4. :)) – Ich wünsch Dir viel Glück und weiterhin rundum gute Erfahrungen! Vielleicht sind meine Erfahrungen auch wirklich „verjährt“. Ich kann nur sagen: Vor 20-25 Jahren war’s bei den Grünen sehr anders: Genauso Ego-getrieben und intrigant wie bei allen anderen Parteien. Und was mir vor Kürzerem sehr zu denken gegeben hat, ist eben, dass man in der antiken Demokratie ganz gezielt die Bildung von politischen Parteien vermieden hat, einfach, weil man auch ohne schon so tief gespalten war und sich nur noch bekriegt hat. Da waren Parteien und das ganze Gegeneinander einfach wenig hilfreich. Man hat also aus ganz ähnlichen Gründen keine Parteien gebildet wie denen, aus denen Oliver von Dombrowolski bei PolizeiGrün aufgehört hat: http://vionville.blogspot.com/2021/04/neuanfang.html

    Ich bin aber wirklich ein schlechter Gesprächspartner bei dem Thema und sollte vielleicht besser gar nix dazu schreiben (kann mal wieder meine Finger nicht stillhalten 😬), denn ich wünsche mir ja, dass wir von allen Parteien SO enttäuscht sind, dass wir tatsächlich fundamentalere Veränderungen vornehmen. Demokratisierende Verfassungsreformen und so Kinkerlitzchen. 😉

    Und ich befürchte: Solange wir unsere politischen Hoffnung noch auf Parteien und Personen setzen (egal, auf welche) werden wir das eher nicht machen. Aber vielleicht täusche ich mich da auch. ¯\_(ツ)_/¯

  5. Skully

    Hallo Lydia,

    das ist je mal ein Wort, dein Post. Gratuliere zum Mut in eine Partei einzutreten. Ich finde schon das dazu Mut gehört, die Verzweiflung und Müdigkeit über Politik zu überwinden und aktiv zu werden. So wie ich dich kennengelernt habe, wirst du dort wohl auch deine Meinung sagen wollen.

    Ich selbst bin auch ganz erfreut, das es Annalena B. geworden ist. Erstens halte ich Frauen für fähiger das Land zu regieren, zweitens finde ich es gut, das sie noch jüngeren Semesters ist und entsprechend auch eine gute Ausbildung hat und ich empfinde es als Vorteil, dass Sie eben noch nicht im Poltiktross unterwegs war.

    Das wichtigste für mich ist, dass Sie Ihren neuen Weg und Stil sowie Ihre Ideale beibehält. Es sind schon so viele Hoffnungsträger da gewesen, die sich auf den Weg gemacht haben, das System endlich einmal grundlegend umzukrempeln und leider haben die sich dann im Politikalltag, zwischen Parteien und Medien aufgerieben oder haben Ihre Ideale unterwegs verloren.

    Ich hoffe das die Zeit reif ist, sie die richtige Person ist und das sich dann endlich etwas sukzessive ändert. Selbstverständlich steht davor die Bundestagswahl. Diese Hürde ist zuvor freilich zu nehmen. Zur Zeit sieht es ja gut aus damit (Umfragen).

    Anstatt bei den Grünen einzutreten, habe ich A.B. eine persönliche Mail geschrieben. U.a. habe ich ihr versucht Mut für die kommenden Monate zu machen. Mag naiv klingen, aber ich habe eben auch so meine eigenen Wege.

    Lydia, es wäre schön wenn du ab und an mal über deine Erfahrungen bei und mit den Grünen berichtest. Das fände ich spannend.

    In diesem Sinne, Grüße aus Stuttgart
    Steffen

    • Oh wow, das finde ich eine tolle Geste von Dir. Ja, ich kann gern mal was über meine Erfahrungen schreiben. Erst mal habe ich eine Broschüre für Neumitglieder bekommen mit dem Titel „Grüner Faden“. Wortwitz haben se schon mal. 😉 Schöne Grüße zurück nach Stuttgart.

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