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Eine Hand wäscht die andere

Jede Beziehung sei für ihren Onkel Donald transactional, schreibt Mary Trump in ihrem Buch. Und seitdem denke ich darüber nach, ob das nicht im Kapitalismus für so gut wie alle Beziehungen gilt: dass Beziehungen geschäftlicher Natur sind, a mere transaction, ein Geben und Nehmen, ein freundliches „eine Hand wäscht die andere“. In der Großstadt, wo man mit den meisten Menschen nur eine oberflächliche und fragile Verbindung hat, ist das auf jeden Fall so.

Ich denke da an die Nachbar*innen in meinem Haus. Wir nehmen gegenseitig für einander Pakete an und lächeln freundlich, wenn wir sie abholen und ausgeben. Aber eigentlich wollen wir nichts miteinander zu tun haben, wir wohnen halt zufällig nebeneinander. Als es losging mit Corona, hatte ein Hausbewohner einen Zettel aufgehängt: Er würde gern für Leute einkaufen, wenn sie krank oder in Quarantäne seien. Ich fand das sehr nett und selbstlos von ihm und wollte die ganze Zeit wenigstens ein „Danke“ auf den Zettel kritzeln, habe es aber nicht getan. Der Zettel hing tagelang an der Haustür, alle gingen dran vorbei, niemand reagierte. Irgendwann war er weg.

Ich hatte selbst eine Liste vorbereitet, in der wir Nachbar*innen uns mit Handynummern eintragen konnten – für den Notfall. Aber ich nahm wieder Abstand von der Idee, vielleicht war mir die ganze Sache zu transactional. Schließlich hatten wir sonst nichts miteinander zu tun.

Einmal war ich mit einem Freund in einem Luxusresort (das waren noch Zeiten! 😀 ). Wir kamen gerade aus der Sauna und (la dolce vita!) ließen uns in der Cocktailbar nieder. Als die Kellnerin freundlich plaudernd die Getränke servieren wollte, fuhr mein Freund sie an: „Können Sie das einfach hinstellen ohne rumzulabern??“ Ich war starr vor Schock.

Eine andere Freundin hat mich neulich als „die höflichste Person, die ich in Berlin kenne“ bezeichnet und ich weiß nicht, ob ich das als Kompliment nehmen soll. Ist ja keine Kunst – ich bin hier die Einäugige unter den Blinden. Es stimmt schon, ich entschuldige mich sogar bei meinem Kater, wenn ich ihm auf den Schwanz getreten bin. Wenn ich unhöflich werde, dann nur, wenn ich bis aufs Äußerste gereizt werde, was in Berlin durchaus mal vorkommt. Oder beim Autofahren. 😉

Ich brauchte ein paar Sekunden, um die Situation in der Cocktailbar zu verarbeiten. Hatte der das jetzt wirklich gesagt? „Das kannst du doch nicht machen“, murmelte ich verstört. Es war im Übrigen nicht das erste Mal, dass er mit Gastropersonal so umgegangen war. Ich sorgte dafür, dass die Kellnerin mit einem anständigen Trinkgeld entschädigt wurde. Heute würde ich sagen: Das war beides transactional. Bring mir das Getränk, aber halt’s Maul. Sei eine Maschine, sei mir zu Diensten, aber als Mensch interessierst du mich null. Dein Menschsein nervt nur. Und natürlich galt das auch für meine Reaktion: Hier haste ein paar Euro als Entschädigung dafür, dass gerade jemand auf deiner Würde rumgetrampelt ist.

Oft fühlt es sich so an, als müsste ich permanent gegen eine unsichtbare Kraft ankämpfen, die alles kommerzialisiert und zu transactions macht, wo früher echte Beziehungen waren. Es ist, als sei der Kapitalismus in jede Ritze des Lebens gesuppt. Einmal, als ich in München lebte, hatte ich mein Handy verloren. Ich rief also meine eigene Nummer an – eine Frau ging ran. Sie wollte einen Finderlohn: ein Glas Champagner auf dem Viktualienmarkt. Na schön, dachte ich, München halt. Wir trafen uns also im Champagnerzelt, die Dame war etwas älter und etwas schicki-micki, München halt. Ich holte zwei Gläser Champagner, sie gab mir mein Handy, nahm ihr Glas und verschwand auf Nimmerwiedersehen.

Heute kann ich darüber lachen, ganz schön bad ass. 😀 Aber auch total transactional, im wahrsten Sinne des Wortes. Ware gegen Lohn – und pfüati! Vielleicht hatte sie ja von vornherein geplant, das Glas allein zu genießen. Vielleicht hatte sie sich aber auch einfach keinen Nutzen davon versprochen, mehr Zeit mit mir zu verbringen – wer weiß. Es fühlte sich in dem Moment jedenfalls sehr, ähm, ernüchternd an. Schampus hin oder her.

Auch Lohnarbeit kann sehr ernüchternd sein, wenn man merkt, worum es eigentlich geht: „Ich werde hier nur noch als Arbeitskraft gesehen“, hatte eine heulende Mitarbeiterin mal zu mir gesagt. Und das stimmte in gewisser Weise. Wir waren ein tolles Team, wir machten viel privat zusammen. Aber letzten Endes musste der Dienstplan gefüllt werden und da waren Leistungsträgerinnen wie sie immer die ersten, die ranmussten. Dieser Moment öffnete mir die Augen. Nicht nur, dass ich die Besten verheizte, statt sie zu schützen – ich verletzte sie auch noch dabei. Das war mein erster Führungsjob und ich schwor mir, niemanden mehr nur als Arbeitskraft zu behandeln, also rein transactional, auch nicht unter Stress. Keine Ahnung, ob mir das immer gelungen ist.

Lohnarbeit ist ja von Natur aus transactional. Auch die tollste Kantine und der kostenlose Yogakurs existieren letztlich nur, um die Arbeitskraft der Beschäftigten zu erhalten. Ja, selbst der Urlaub heißt offiziell Erholungsurlaub und ist nicht etwa dazu da, Spaß zu haben oder mehr von der Welt zu sehen. Man hat einfach irgendwann gemerkt, dass Menschen tot umfallen, wenn man sie ununterbrochen arbeiten lässt. Ein Wissen, dass in einigen Branchen wieder verloren gegangen ist, wie tragische Fälle wie der von Miwa Sado zeigen.

Die Frage, die sich mir stellt, ist: Welche Beziehungen sind denn (noch) nicht transactional? Eigentlich jede, bei der man nichts zurückerwartet. Idealerweise gilt das für Familie und Liebesbeziehungen, aber bei Letzterer wäre ich mir nicht so sicher. Stichwort Ehegattensplitting. Und Tiere?

„Dein Kater ist wunderschön, den solltest du mal bei einer Tieragentur vorstellen“, meinte vor Kurzem jemand. „Nein“, antwortete ich. Zu transactional. „Der muss nichts leisten, der darf einfach nur sein.“ Was für ein Luxus.

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Ein Kommentar

  1. der text spricht mich sehr an, ich denke schon lange so. und immer wieder falle ich mit meinen erwartungen rein, weil ich so froh bin wenn die kommunikation läuft. so leide ich an den erwartungen und sollte sie ändern. dabei will ich keine gegengabe, sondern ein achtsames miteinander, nur das bringt auch neue erfahrungen oder überraschungen.
    unser potential erleben wir nur, wenn wir etwas riskieren, denke ich heute. und manchmal geht es anders aus, will eine frau ihren sekt allein trinken…

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