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Downshifting Teil 2: Bye-bye, fette Karre

Wer weniger arbeiten möchte, sollte seine Kosten minimieren: neudeutsch Downshifting. Bei Klamotten oder Krimskrams fällt es mir leicht – aber ausgerechnet von einem meiner größten Kostenfaktoren konnte ich mich schwer trennen. Mein Auto bedeutete für mich Freiheit, die Möglichkeit jederzeit irgendwohin zu fahren, und das auch noch höchst komfortabel. Es war mein größter Besitz, mein zweites Zuhause – und eine Quelle von jeder Menge Stress.

Keine Ahnung, was mich vor zehn Jahren geritten hat, mir ein SUV zu kaufen. Ich habe ja damals im Umfeld von Volkswagen gearbeitet und statt einen Dienstwagen zu nehmen, hatte ich mich dafür entschieden, mir selbst ein Auto zu kaufen. Mir schien es passend, eins von VW zu nehmen. Der Polo war mir zu mickrig, mit dem Golf kann ich als Ostlerin nichts anfangen (Generation Golf? In meinem Fall eher Generation abgehalfterter Wartburg, hehe!) und eine Familienkutsche wie der Sharan kam auch nicht in Frage.

Ökologisch war ein SUV natürlich damals schon irre, der totale Benzinschlucker. Aber ich machte mir keine Gedanken. Irgendwie redet man sich damit raus, dass es ja so schlimm nicht sein kann, wenn das Ding offiziell in Deutschland zugelassen ist. Naja, mittlerweile wissen wir es besser.

In den letzten Jahren, seit mein ökologisches Bewusstsein erwacht ist, habe ich mich aber tatsächlich schuldig gefühlt, so ein Umweltmonster zu fahren.

Dessen ungeachtet ist der SUV-Trend im Prenzlberg übrigens ungebrochen. Und weil ja alle immer mehr Platz brauchen, geht der Trend zu So-hoch-wie-breit-Land-Rovern. Daneben sieht der Tiguan, der ja auf der gleichen Plattform aufbaut wie der GolfPlus, geradezu winzig aus.

Damals, vor zehn Jahren, kam das Modell neu raus und war schwer zu kriegen. Es gab Wartezeiten, aber ich saß ja an der Quelle. Und die Werbung von Heidi und Seal war auch cool. (Sie bretterte im schwarzen, er im weißen Auto durchs Gelände – würde das heute noch durchgehen?) Ich hatte eines der ersten Modelle auf der Straße und die Leute drehten sich danach um. (Jaja, Auto und Ego sind ganz eng verbunden. 😛 )

Naja, und seien wir mal ehrlich, ich wollte halt auch EINMAL IM LEBEN eine fette Karre haben.

Mein erstes Auto war nämlich ein Ford Escort Kombi, damals in den USA, das alte Modell mit Holzdekor. Der kam den Berg nicht hoch, wenn die Klimaanlage an war. Das war damals bei fast allen US-amerikanischen Mittelklassewagen so – ich weiß es, weil ich oft Mietwagen gefahren bin. Jedenfalls war das Ding eine Katastrophe.

Zurück in Berlin übernahm ich den Wartburg meiner Eltern. Der feuchte Traum aller DDR-Kinder – vor der Wende. Danach war er eher peinlich. Nur meine österreichischen Freunde, die übrigens konsequent „die Wartburg“ sagten, waren hellauf begeistert von dem quietschgelben Kasten. Höchstgeschwindigkeit 100 km/h – und da wackelte schon alles.

Danach, als ich meine ersten Jobs hatte und anfing zu studieren, kaufte ich mir einen gebrauchten Citroën AX, Modell Teen, in knallrot. Ihr werdet mich nichts Schlechtes über den kleinen Franzosen sagen hören. Er hielt lange durch und fuhr noch auf eigenen Rädern zum Schrottplatz. Er tat die meiste Zeit seines Lebens das, was ich von einem Auto erwarte: FAHREN.

Nun also der Volkswagen, deutsche Wertarbeit. Der lässt mich nicht im Stich, dachte ich. Und hat bestimmt einen hohen Wiederverkaufswert. Nun ja.

Der Tiguan war sehr komfortabel. Er fuhr sich smooth und sah knuffig aus – auf eine zeitlose Weise auch nach zehn Jahren noch. Ich mochte ihn sehr. Irgendwann aber begann ich, ihn liebevoll „mein Millionengrab“ zu nennen. Es war unglaublich, was für Kosten das Auto verursachte.

Ich hatte ihn bis über beide Ohren versichert (natürlich bei VW) und anfangs war es mir relativ wumpe, wenn ich in dem Glaspalast, der sich VW-Werkstatt nannte, den Anzug tragenden Servicemenschen reichlich Scheine rüberschob. Nur das Beste für den Kleinen. Inspektion, Service, na gut. Aber immer wieder wurden irgendwelche Ventile oder Pumpen entdeckt, die ausgetauscht werden mussen: zack, waren 600 Euro weg.

Die erste Panne hatte ich, weil die Handbremse sich nicht lösen ließ. Abschleppen lassen, 200 Euro Reparaturkosten. Irgendwann versagte das Navi (und damit waren auch Radio und Freisprechanlage* futsch), ich zahlte um die 500 Euro für ein neues. Und musste mich noch bei dem schnöseligen Servicemitarbeiter für die Kulanz bedanken, weil es eigentlich 800 Euro hätten sein sollen.**

Irgendwann lief eine Rechnung von 1.500 Euro auf. Einfach so. Inspektion, Service und irgendwas entdeckt. Da wurde ich dann schon etwas blass und während ich meine Kreditkarte rüberschob, raunte ich der Dame am Empfang zu: „Was Sie hier für Preise aufrufen – das verdient manch einer im Monat!“ Es war irre. Irgendwann (sprich nach meiner Kündigung) hatte ich einfach nicht mehr das Geld, um es in das Auto zu buttern. Aber es ging weiter.

Am schlimmsten war, dass ich mir immer wieder (selbst in der VW-Werkstatt!) anhören musste: „Hm, das sollte bei einem Auto in diesem Alter und mit dieser Laufleistung nicht kaputtgehen.“ Ja, eben, ey! Der Spannkopf an der Lichtmaschine war so ein Fall, der war einfach abgeknickt. Deutsche Wertarbeit – my ass.

Ich hatte schon eine Routine, wenn wieder etwas kaputtging. Erstmal den ADAC rufen (big love!) und die herausfinden lassen, was kaputt war. Dann in die Werkstatt. Immerhin war ich dann gebrieft und konnte in der Werkstatt mit dem ADAC-Pannenbericht wedeln. (Wie Ihr merkt, werfe ich schon mit irgendwelchen Autoteilbezeichnungen um mich. Neulich habe ich mich erwischt, wie ich Stoßfänger statt Stoßstange sagte. :D)

Vielleicht hat das etwas mit meiner Ostherkunft zu tun, aber ich erwarte, dass Dinge halten. Das Konzept der geplanten Obsoleszenz finde ich pervers. Im Haushalt meiner Eltern gibt es immer noch Geräte und Werkzeug aus der Sowjetunion, aus Gusseisen oder Stahl, unverwüstlich. So etwas darf man auf keinen Fall wegwerfen und mit dem überteuerten Blechmurks aus dem Baumarkt ersetzen.

Mittlerweile war ich auf eine rumpelige Kiezwerkstatt umgestiegen. Nette Jungs, die mit Leidenschaft dabei sind und niemanden abzocken wollen. Meine neuen Schrauberfreunde warnten mich: „Verkauf das Ding. Die haben alle eine Macke: die Steuerkette. Das wird richtig teuer. Wenn Du Pech hast, brauchst Du einen neuen Motor.“

Aber irgendwie konnte ich mich nicht trennen. Der Tiguan und ich, wir waren trotz allem ein Paar wie Blitz und Donner – immer auf heißer Spur. 😀

Und dann, als ich gerade so gar keine Kohle hatte, passierte es. Die Steuerkette drohte schlappzumachen – ein Bauteil, das normalerweise auf Lebenszeit eines Autos konzipiert ist, wie ich durch eine schnelle Recherche herausfand. 2.000 Euro wurden fällig. Ich war stinksauer, diskutierte mit der VW-Werkstatt, schrieb empört ans Werk. Nichts zu machen, für eine Kulanzleistung war mein Auto angeblich zu alt.

Dabei ist das ganze Internet voll mit empörten Statements von VW-Kunden und Fachartikeln in Autozeitschriften. Klar ist: Es ist ein Qualitätsproblem, einige sprechen von einem Fertigungsfehler. Oder wie ein ADAC-Mann und diverse Kfz-Schlosser es ausdrückten: „Die Motoren sind viel zu klein angelegt für die großen Autos.“ „Ich stand selbst mal am Band bei VW, ich weiß, welche Macken die Motoren haben.“ „VW kann keine Benziner bauen.“ Naja, Diesel ja auch nicht, hehe.

Es half nichts, ich musste die zwei Tausis ranschaffen. Also nahm ich ein paar echt anstrengende, weitgehend sinnfreie Jobs an, die mich schwer deprimierten und sehr viel Kraft kosteten – nur, um die Kohle VW in den Rachen zu werfen. Ich heulte, denn es war, als ginge ich nur noch für das Auto arbeiten. Danach hatte meine Liebe endgültig einen Knacks. Oder anders ausgedrückt: Ich war kurz davor, mich nackt ans VW-Werkstor anzuketten. Und zwar mit meiner alten Steuerkette.

Ich beschloss, den Tiguan zu verkaufen. Kurze Zeit später fuhr mir jemand hinten rein. Ich ließ ihn reparieren, hatte einen Haufen Rennereien und Telefonate mit der Versicherung. Ich war schon kurz davor, die ganze Autofahrerei an den Nagel zu hängen. Bzw. mir ein Elektroauto zuzulegen. Da kann nämlich kaum etwas kaputt gehen. (Renault Zoë, ich empfehle ihn sehr.) Aber wieder kam etwas dazwischen: Ich „erbte“ ein kleines Stadtauto.

Jetzt, nach zehn Jahren, ist der Tiguan verkauft. Die fette Karre, das Millionengrab ist Geschichte. Ich habe nicht den Preis bekommen, den ich gern gehabt hätte. Es hieß: „Puh, also, für nen VW …“

Immer, wenn mich die Nostalgie überkommt, rufe ich mir den letzten Satz meines Autoschraubers ins Gedächtnis: „Oh, schau mal, hier löst sich schon die Scheibe ab! Wie bei so nem 40 JAHRE ALTEN MERCEDES!“

*Fun fact: Einmal wurde ich von einem Polizisten angehalten, weil ich mit meinem auf Lautsprecher gestellten iPhone telefonierte. Ich erklärte ihm, dass ich eigentlich eine eingebaute 1A-Freisprechanlage für über 2.000 Euro im Auto habe, die aber nicht benutzen könne. VW hatte sich damals nämlich auf einen Bluetooth-Standard eingelassen, der nur mit Nokia-Handys funktioniert. Nokia. Genau. Der Polizist konnte es kaum glauben. Ich konnte es auch nicht glauben und fragte alle paar Jahre mal bei VW nach, ob sie denn gedenken würden, ihren Kund*innen irgendeine Nachrüstung anzubieten. Nö.

**Ich nenne alle Preise gerundet und aus dem Gedächtnis, da ich nicht mehr alle Rechnungen gefunden habe und VW auch nicht bereit war, mir eine Gesamtaufstellung aller Reparaturen zur Verfügung zu stellen. (Mit dem freundlichen Hinweis, ich könne das aber einklagen.) Es sind hier also nicht alle Reparaturen aufgeführt.

Photo by A. L. on Unsplash

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5 Kommentare

  1. Sylvia Nickel

    #Zeitgeist 🙂

  2. Gratulation, Lydia!
    Das Auto wirklich-wirklich wegzugeben ist für „Deutsche“ ein großer Schritt.
    Ich selbst konnte ihn bisher noch nicht gehen. Dafür bin ich zu sehr „Petrolhead“.
    … wobei, ich sah meine eigenen Fahrzeuge immer schon mehr als rollende Antiquitäten.

    Nach der Schule fuhr ich Trabant-Kombi. Die waren günstig und ich mag sie.
    Jedes Jahr fuhr ich einen anderen auf den Schrottplatz. Ich nannte sie nach dem dritten Mal liebevoll meine „Jahreswagen“. Beim Schrauber meines Vertrauens sah ich in diesem Zusammenhang ein Wartburg 311 Coupe – der war auch schon Anfang der ’90er unerreichbar teuer – für mich als Studenten.

    Über Mini – 100% free of BMW-parts – landete ich dann bei Daimler Double Six.
    Den habe ich seit 2004 und seit 2015 nicht mehr gefahren.
    Er steht mit Vespas und der einen fahrbereiten meiner Lambrettas trocken und warm und als Kulturgut zugänglich für die Öffentlichkeit – im Museum.

    Die reale Fortbewegung findet in einem familienkompatiblen T5 statt.
    Insofern weiß ich genau, wovon Du schreibst. Auch bei mir schwingt die permanente Angst vor der Steuerkette mit. Dem Hersteller traue ich nicht einmal so weit wie ich ihn werfen kann.
    Angeblich waren wir vom „Dieselskandal“ nicht betroffen. Die Werkstatt unseres Vertrauens klärte uns auf, dass wir dennoch genau dieses Update der Motorsteuerung bekamen als wir zuvor in der Niederlassung ein Auslassventil im Abgasstrang erneuern ließen.
    Kennste: „Kleinigkeit“ – 800,-€

    Das erinnert mich immer an einen schrägen Vogel, mit dem ich auf einem Oldtimer-Treffen zwei Stunden lang im Regen vor seinem Silver Cloud III philosophiert habe.
    Er sagte den denkwürdigen Satz:
    „Alles an dem Fahrzeug rechne ich in einem Vielfachen von 1000,-“
    … damals meinte er D-Mark.

    Derzeit befasst sich eins der Projekte, an denen ich beteiligt bin, mit der sogenannten „elektronischen Service-Historie“. Es geht darum, die real existierenden Daten über das jeweilige Fahrzeug nicht nur den Servicepartnern, sondern auch dem Fahrzeugeigentümer direkt über seinen Bereich der Webseite zugänglich zu machen. Ohne Aufwand, ohne Mehrkosten und ohne verklagt werden zu müssen.

    Der Hersteller ist allerdings ein anderer. Es geht da um Freude – auch am Fahren.

    • Lydia

      Hab ja jetzt noch das kleine Stadtauto. Ohne geht‘s gar nicht – dazu später mehr. 😉 Campt Ihr auch mit dem VW Bus?

  3. Ein wirklich guter und amüsanter Artikel, der mir aus der Seele spricht. Hätte ich das Geld auf der Seite, das ich im Laufe meines jungen Lebens schon für Kfz-Reparaturen ausgegeben habe, dann könnte ich jetzt guten Gewissens in Rente gehen. Aber mit den Jahren wird man schlauer. Ein teures Auto braucht kein Mensch, einen SUV schon gar nicht und einen VW schon dreimal nicht. Mit einer guten Portion Halbwissen, dem Internet als Quelle für Ersatzteile und einem ehrlich arbeitenden Mechaniker, der einem das Zeug einbaut, kann man überleben. Auf eine in Glaspalästen hausende Instandhaltungs-Mafia könnte jeder verzichten, wenn er nur wollte. Zwischenzeitlich fahre ich mit dem Fahrrad was geht. Das Auto nutze ich nur noch, wenn es wirklich notwendig ist.

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