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Das Kennenlerngespräch aus der Hölle

Manchmal bin ich wirklich dankbar, älter und weiser zu sein als früher. Man hat mehr Durchblick und fällt nicht mehr so schnell rein. Neulich war wieder so ein Moment. Die Situation hat mich so aufgewühlt, dass ich darüber schreiben muss. Es war so: Ein Neukunde hatte sich Monate nach der ersten Anfrage plötzlich wieder gemeldet. Schön, ich hatte mich gefreut. Kann gerade jeden Auftrag gebrauchen – jetzt, wo KI mir den Job wegnimmt. Und Einzelhandel, dazu ein Thema, das mir liegen sollte – warum also nicht.

Im Nachhinein muss ich feststellen: An dieser Stelle war war ich schon ziemlich blauäugig. Die Zeiten, wo mir die naive Begeisterung für, sagen wir, einen Rasenmäher oder ein Olivenöl nur so aus der Feder floss, sind lange vorbei. Das ist ein Nachteil des Älterwerdens: Man weiß zu viel. 😛 Bei Rasenmähern denke ich sofort an den No-Mow-May und bei Olivenöl an das Olivenbaumsterben in Italien

Meine Kontaktperson bat um ein Kennenlerngespräch per Video – ja, gerne. Eine zweite Person sollte auch dabei sein, keine Ahnung in welcher Position, aber ich bin da nicht so. Wird sich schon alles aufklären, dachte ich.

Den Gesprächstermin hatte ich etwas knapp geplant. Ich raste quer durch die Stadt, um es pünktlich zum Call nach Hause zu schaffen. Während ich mich einwählte, zog ich simultan das Labber-T-Shirt aus und eine Bluse an. Keine Angst, bis hierhin lief es noch ganz gut. So ein Schieberegler vor der Laptop-Kamera ist Gold wert. 😀

Alles etwas schräg hier

Dann ging der Call los und ich stellte mit Verwunderung fest, dass ich plötzlich geduzt wurde. Nix gegen Duzen, ganz Berlin duzt sich ja. Die beiden waren aber keine Berlinerinnen, im Gegenteil, und ich war im Mailverkehr vorher gesiezt worden. Irgendwas war seltsam. Mir lag ein „Ach, wir duzen uns?“ auf der Zunge, aber ich schluckte es runter. Wollten sie cool sein oder war es Unternehmenspolitik? Jedenfalls hätte ich überhaupt nichts dagegen gehabt, wenn es in die Situation gepasst hätte. Aber die Situation war eher von der Sorte Stock-im-Rektum. Irgendwie schräg.

Alle stellen sich reihum vor, so weit so Standard. Dann wurde mir die Marke präsentiert. In Form einer Powerpoint. Okay, dachte ich, warum nicht. Kam irgendwie alles etwas unvermittelt, aber macht mal. Schicke Präse, klingt alles ganz stimmig. Mal abgesehen davon, dass ich immer lachen muss, wenn Leute ihren eigenen Marketing-Bullshit zu ernst nehmen. Habe also mein Bestes getan, ernst zu bleiben und mit dem Flow mitzugehen.

Und dann kam es: Ich sollte mich zu jedem einzelnen Markenwert äußern, inwieweit ich PERSÖNLICH mit dem übereinstimme. Also, sagen wir mal, mit dem Markenwert „Familie“. Da kann ich nicht viel zu sagen, denn meine Familie ist ein ziemliches Desaster und nur noch rudimentär existent. Außerdem geht das einen Kunden nichts an. Es ist etwas anderes, wenn man eine lange, nette Kundenbeziehung hat und sich schon ganz gut kennt.

Auch hier fand ich, das war alles viel zu früh und unangekündigt. Langsam wurde es übergriffig. Und überhaupt, was soll der Scheiß? Was erwarteten die denn von mir? Markenwert „Agilität“? „Ja, also, ich bin von meinem Charakter her total agil, außerdem fahre ich einen Opel Agila, das zählt ja vielleicht auch.“ Habe ich natürlich nicht gesagt, ich bin ja immer so höflich. Aber ich merkte, wie ich langsam sauer wurde.

Dieser ganze Fokus auf Leidenschaft und dass man das Thema lieben muss und so. Ich schreibe manchmal über 3-4 verschiedene Themen am Tag: Software, HR, Babyzubehör und Flughafen. Da kann ich doch nicht jedes Mal meine innere Leidenschaft auf Hochtouren bringen. Meine Leidenschaft ist, gute Texte zu schreiben und pünktlich abzuliefern. Wenn mich das Thema interessiert oder ich noch was lernen kann, um so besser. Aber ich muss jetzt nicht im Dreieck springen vor Freude. Witzigerweise ging es tatsächlich um Themen, die mir nahe sind – aber dass das so eingefordert wurde, hat es mir schon verdorben. Vielleicht bin ich da etwas schwierig. 😛

Ein Störgefühl jagte das Nächste: Es sollte einen Test geben. Icke so: „Wie jetzt, eine Prüfung?“ Langsam bekam ich Schweißausbrüche. Erst musste ich sektenmäßig deren Werte abnicken und jetzt wollten die mich auch noch testen? Nein, nein, beruhigten sie mich, es sei nur ein „Testprojekt“. Ich hörte die Nachtigall nicht nur trapsen, sondern trampeln.

Die Testschrippe

Wenn Texter*innen etwas hassen, dann sind es „Testprojekte“. Wo gibt es denn sowas? Ich gehe doch auch nicht zum Bäcker und sage: „Geben Se mir erst mal ne Testschrippe, bevor ich bei Ihnen was kaufe.“ Oder ich lasse den Fliesenleger erst mal eine Wand fliesen, damit ich sehe, ob er’s draufhat. Kostenlos natürlich. Jedenfalls kam mein Honorar gar nicht zur Sprache. Böse Zungen behaupten, so manches Start-up habe sich seine kompletten Website-Texte durch solche kostenlosen „Testprojekte“ erschlichen.

Abgesehen davon finde ich, die Energy ist schon versaut, wenn eine Geschäftsbeziehung quasi mit einem Misstrauensvotum beginnt. Und das Portfolio mit den Arbeitsproben auf meiner Website hatten sie sich offenbar auch nicht angeschaut.

An dieser Stelle hätte ich eigentlich abbrechen sollen. Ich fühlte mich immer unwohler, aber einerseits bin ich kein konfrontativer Mensch und andererseits war ich neugierig, wohin dieses Kennenlerngespräch aus der Hölle, das immer mehr einem aus dem Ruder gelaufenen Bewerbungsgespräch für eine Festanstellung ähnelte, noch führen würde.

Ich wurde nicht enttäuscht: „Vorher würden wir dich bitten, ein NDA (Non-disclosure Agreement = Schweigepflichtserklärung) zu unterschreiben.“ Nun konnte ich meine Überraschung nicht mehr verbergen. „Äh, warum das denn?“ Ich kenne natürlich NDAs und habe auch schon welche unterschrieben, mitunter sind sie auch Bestandteil von Rahmenverträgen. Mir leuchtete nur nicht ein, wieso ich bei einem Thema wie, sagen wir mal, Katzenfutter eine Schweigepflichterklärung unterschreiben sollte. Ich kenne das z. B. von Autoherstellern, wenn ein neues Modell auf den Markt kommt und alles top secret ist.

Es erschien mir unnötig und war wieder so ein Misstrauensvotum. Ich meine, ich habe Kunden, mit denen ich seit Jahren zusammenarbeite, ohne dass es überhaupt einen Vertrag gibt. Zumal es doch erst mal nur um ein kostenloses Testprojekt ging. Die Antwort war: „Hast du ein Problem damit?“ Sofort geriet ich in eine Rechtfertigungsposition. Nein, ich habe kein Problem damit – ich kann es nur nicht so richtig nachvollziehen. Irgendwann kam dann eine Erklärung, aber ich war schon pappesatt.

Ich fühlte mich jetzt schon manipuliert und halb über den Tisch gezogen – dabei hatte ich noch nicht mal angefangen, für den Kunden zu arbeiten. Es schien, als würde dieser Kunde meine Grenzen austesten, was ich wohl alles mit mir machen lasse. Soviel zum Markenwert „Familie“, haha.

Vielleicht war es eine Verkettung inkompatibler Kommunikationsmuster oder eine kulturelle Sache. Vielleicht wollten sie auch einfach alles richtig machen. Vielleicht waren sie falsch beraten worden oder lebten in einer ganz anderen Welt als ich. Es gibt viele Möglichkeiten, sich das kleinzureden. Aber ich war innerlich aufgewühlt, mein Solarplexus hat gefeuert – für die Esoteriker*innen unter Euch. 😀 Und ich habe viel zu lange gebraucht, mein Bauchgefühl wiederzuentdecken, als dass ich es mir leisten kann, es zu ignorieren.

Was Scheiße anfängt, wird niemals gut. Also, nix Neukunde!

PS: Hinterher ärgere ich mich immer, dass ich gute Miene zum bösen Spiel gemacht habe. Ich sollte ehrlich sein und mit der Faust auf den Tisch hauen. Ich sollte sie mit meiner angeborenen Coolness 😉 fertigmachen. Aber um der lieben Harmonie willen gehe ich wütend raus und reagiere mich bei der Gartenarbeit ab.

 

Foto von Claudio Schwarz auf Unsplash

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Ein Kommentar

  1. Alexander Gerber

    Liebe Lydia,

    was ändert sich durch #Höflichkeit? Nichts.
    Es ist das Protokoll „bei Hofe“, das erwartbare Ergebnisse garantiert.

    Solange jemand und hier besonders Du den vermeintlich festgelegten Verhaltensnormen entspricht, wird [das] immer wieder passieren.

    Viel interessanter wäre für mich eine gemeinsame Reflexion dessen, was Du erlebt hast, mit diesem „Möchtegern-Auftraggeber“. Vielleicht haben sie sich dabei etwas gedacht, womit es Dir leichter gefallen wäre, damit umzugehen.

    Besonders interessant fand ich das Spannungsfeld „die: Sekte – ich: Profi“.

    Vor gut 25 Jahren basierte meine Arbeit auf Produkten, des damals wertvollsten Unternehmens der Welt.
    Die Schritte von draußen (Nutzer) an die Peripherie (Partner) hin zu Vertrautem (NDA) machten etwas mit mir.
    „Seither …“ sage ich gern „bin ich für den Rest des Marktes unbrauchbar.“
    Oder etwas pathetischer refereziere ich auf Guinan (Whoopi Goldberg) „es ist, als hätte jemand mich aus dem Nexus gerissen“.

    Wer weiß? Vielleicht wäre Dir hier etwas ähnliches passiert?
    Dann ist es möglicherweise gar nicht so schlecht, weder Höhen noch Tiefen von so etwas zu erleben.

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