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Bitte nicht die Daumen drücken

Als freie Autorin bewirbt man sich ja nicht. Man wird gefunden – oder, in meinem Fall selten genug, schickt man selbst mal was irgendwohin: „Hey, ich hätte Bock, für Euch zu schreiben. Wie sieht’s denn aus?“ Das kostet mich schon Überwindung, aber vor kurzem hab ich’s getan. Natürlich musste ich das aufregende Ereignis gleich mit meiner Twitter-Gemeinde teilen. Oft schreiben Leute bei Twitter dann dazu: „Drückt mir bitte alle die Daumen.“ Hab ich aber nicht.

Selbst wenn ich mir sicher wäre, dass man mit mentaler Kraft (also durch Gebete, Meditation oder eben massenhaftes Daumen drücken) die gewünschten Ereignisse herbeiführen könnten, würde ich es nicht tun. Gerade dann nicht! Mittlerweile habe ich gelernt, dass alles, was kommt, letztlich gut für mich ist. Wenn es klappt, ist es gut. Wenn es nicht klappt, ist es auch gut.

Seit ich – woher auch immer (irgendwann platzen halt ein paar Knoten) – diese Gelassenheit gefunden habe, ist mein Leben sehr viel einfacher geworden. Leute fragen an, ich schicke ein Angebot raus. Sagen sie zu, gewinne ich Geld. Sagen sie ab, gewinne ich Zeit. Always winning, sozusagen. 😀 Der Trick ist, sich bewusst zu machen, dass der vermeintlich negative Ausgang ja auch etwas Positives hat. Bzw. dass beide eigentlich neutral sind. Wir sind es, die den Ereignissen Bedeutung verleihen. Oder auch nicht. Erwische ich den Zug, wunderbar. Verpasse ich ihn – dann soll’s wohl so sein. Wer weiß, was mir dadurch erspart bleibt? Kennt Ihr die Geschichten von den Leuten, die ihr Flugzeug verpasst haben und hinterher erfahren haben, dass es abgestürzt ist? Eben.

Deshalb will ich um Gottes Willen (haha!) nichts erzwingen und reiße mir kein Bein mehr aus, um auf Deibel-komm-raus das Flugzeug kriegen. Damit würde ich ja gegen den Fluss des Lebens arbeiten – das ist anstrengend und bringt nur neue Probleme. Früher hab ich das oft gemacht. Ich kann es nicht empfehlen.

In übermotivierten Karriere-Ratgebern wird einem ja gern suggeriert, um seinen Traumjob zu erhaschen, müsse man sich nur nackt vor dem Hauptquartier seiner Lieblingsfirma anketten. Naja, im übertragenen Sinne. Mich hat sowas immer abgeschreckt. Ich werde misstrauisch, wenn jemand etwas zu sehr will. Außerdem steigt die Chance, enttäuscht zu werden, mit einem solch enormen Aufwand ins Unermessliche. Vor allem wird man durch diese gewaltsame Sturheit taub für die Hinweise, die einem das Leben gibt. Zum Beispiel: Das ist nichts für dich. Die Frage ist doch immer: Kann ich ein Nein vom Leben akzeptieren?

Manchmal frage ich mich, ob ich nicht einfach nur unentschlossen bin: „Moment mal, willst du das vielleicht gar nicht richtig?“ Das ist verpönt in unserer Leistungsgesellschaft, denn der Wille ebnet ja bekanntlich den Weg. Man muss etwas nur richtig wollen, dann wird das schon. Witzig, der Buddhismus sagt genau das Gegenteil: Lass das Wollen los, dann klappt das schon – oder auch nicht. Mit Letzterem fahre ich besser.

Will ich es also? Ich WILL es nicht – ich halte es für eine gute Idee, ich hab Bock drauf, ich fühle mich bereit. Klar, wenn ich etwas angeleiert habe, hoffe ich natürlich, dass es klappt. Aber ich lasse mich gern eines Besseren belehren. Ich hab ja eigentlich überhaupt keine Ahnung, was mich erwartet. Vielleicht bin ich voller Illusionen. 🙂 Außerdem gibt es noch tausend andere interessante Sachen, die ich machen könnte.

Also, ich lass das jetzt einfach laufen und vertraue darauf, dass das Universum schon weiß, ob die Zeit reif dafür ist, ob ich es kann – und ob ich mit dem grenzenlosen Fame klarkomme 😛 , wenn ich für mein Lieblingsmedium schreibe. Vielleicht schreib ich gleich noch eine zweite Redaktion an, um das Universum (und mich selbst) noch lockerer zu machen. Und dann heißt es abwarten. Drückt mir bloß nicht die Daumen.

UPDATE: Meine Mail ist fünf Tage später wegen Server-Timeout zurückgekommen. Was auch immer das bedeutet.

Photo by Ben White on Unsplash

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4 Kommentare

  1. Word! Geht mir genauso. Ich bin immer sehr entspannt und probiere einfach aus. Wenn’s klappt: gut. Wenn nicht: auch okay. Deshalb heißt es ja auch „Probieren“. Sonst würde man es ja einfach „Erzwingen“ nennen können. Diese gewaltsame „Man muss es nur wirklich wollen“- oder „Man muss alles dafür tun.“-Mentalität lag mir auch noch nie.

  2. Mira

    Das ist eine sehr gesunde Einstellung! Das „zu sehr wollen“ wird ja auch gerne von anderen ausgenutzt. Durch eine entspannte Grundhaltung werden die Spielregeln verändert und wir machen uns frei von künstlichen Zwängen.

  3. Liebe Lydia, das passt. Für mich hat diese entspannte Vertrauen auch noch einen „Beifang“, nämlich Augenhöhe mit den Klient*innen / Auftraggeber*innen. Wenn ich etwas zu sehr will, mache ich mich und meine Leistung klein und billig. „Bitte, bitte, nehmt mich doch, ich brauche das Geld und den Auftrag“. Indem ich vertraue, dass die richtigen Jobs zu mir kommen, kann ich den Wert meiner Leistung genau bestimmten, mit dem Vertrauen, dass dadurch die richtigen Aufträge bei mir landen. Mit einher geht die Erkenntnis, dass die potenziellen Auftrageber*innen, denen meine Angebote zu teuer oder aufwändig ist, sowieso nur einen mühseligen Job mit sich gebracht hätten. Denn diese haben ein gaz anderes Verständnis vom Wert eines Textes, eines Ghostwritings, eines TextCoaching-Projektes. Anders gesagt: Vertrauen führt nicht nur zu mehr Entspanntheit „zwischen den Jobs“ es führt bei mir auch dazu, dass die Aufträge und Auftraggeber*innen viel besser zu mir passen und dadurch wird die Zusammenarbeit erfüllend und das Ergebnis für beide Seiten entsprechend gut.
    Danke für Deine immer wieder tollen Texte und überraschenden Themen!

  4. Eva P

    Entweder Geld gewinnen – oder Zeit. Das ist ein gutes Prinzip und klappt auch, wenn man es etwas abgewandelt auf Dinge überträgt, vor denen man eigentlich Angst hat. Beispiel aus dem vollkommen unberuflichen Leben: in meinem Garten stehen drei riesige Douglasien, die ich sehr liebe. Ich hab immer Angst, dass die mal (wg. Sturm, Dürre, Krankheit) sterben könnten. Seitdem ich den Platz unter den Douglasien auch für einen optimalen Gartenteich-Ort halte (wenn nicht die Douglasien mit ihren Nadeln und Zapfen wären), kann ich quasi „über die Douglasien hinaus“ sehen – und habe kaum mehr Angst um sie….. Hat zumindest Ähnlichkeiten mit der geschilderten Win/Win-Situation.

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