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Bilanz 2020 – The good, the bad and the ugly news

Es fällt mir schwer, Bilanz zu ziehen über dieses Jahr. Große Teile von 2020 habe ich fast in einer Art Trance verbracht, wie in Watte, die Tage zogen sich hin. Irgendwie habe ich meine Arbeit geschafft – keine Ahnung wie. Nachdem ich anfänglich fand, ich als Introvertierte sei für so eine Pandemie und die damit einhergehende Isolation wie gemacht – ähem, muss ich das nach neun Monaten leider revidieren. Es lastet schon schwer auf mir. Was für ein Jahr. Und wie sehr habe ich die psychischen Komponenten unterschätzt – und das als angehende Psychologin. Hier also ein Rückblick auf die good, bad and ugly news 2020.

Bad news 2020

Es ist nicht so, dass ich zu Hause sitze und rumheule. Ich versuche, mich nicht nur mit der Situation abzufinden, sondern so gut wie möglich meinen Teil dazu beitragen, dass wir die Pandemie in den Griff bekommen. Was natürlich überhaupt nicht in meiner Hand liegt, sondern gerade am miesen Pandemie-Management der Bundesregierung scheitert. In Großbritannien wurden in wenigen Tagen bereits über hunderttausend geimpft. Israel geht davon aus, im März 2021 (!) als erstes Land die Pandemie per Impfung besiegt zu haben. Reden wir erst gar nicht von den Ländern, die durch harten Lockdown, Quarantäne und Kontaktverfolgung seit Monaten coronafrei sind. #zerocovid

Stattdessen feiert sich Berlin dafür, in den nächsten sechs Wochen (!) 30.000 Menschen zu impfen – hier leben mehr als 211.000 Menschen über 80 Jahren. In diesem Tempo dürfte es neun Monate dauern, bis ein erster Teil der Risikogruppe geimpft ist. Und Jens Spahn mosert herum, weil eine 101-Jährige in Sachsen-Anhalt ohne Pomp und Presse bereits einen Tag vor dem offiziellen Impftstart drankam. JEDER TAG ZÄHLT ist dort wohl noch nicht angekommen. Diese Schnarchigkeit und Halbherzigkeit in Deutschland macht mich echt fertig. Abgesehen davon, dass ich in der Kategorie 6 bin und wahrscheinlich erst in drei Jahren mit der Impfung dran bin, wenn es so weitergeht.

Was ich definitiv unterschätzt habe, ist die menschliche Vernunft. Das gilt einmal für die Politik, die nach anfänglich vorbildlichem Handeln nun herumlaviert und mit unklarer Corona-Kommunikation dafür sorgt, dass viele Menschen die Regeln nicht mehr verstehen, nicht ernstnehmen oder für sich persönlich Schlupflöcher suchen.

Aber auch für einen Teil der Bevölkerung, der sich mental weggeschaltet hat, manche sprechen von 20 Prozent. Dass es nach den schrecklichen Bildern aus Norditalien, den düsteren Reportagen aus New York City und den unzähligen Berichten über gravierende Spätfolgen immer noch Leute gibt, die die Pandemie einfach verdrängen, ist für mich unfassbar. Sie gefährden sich selbst und andere durch ihr – ich kann es nicht anders sagen – bescheuertes Verhalten. Obwohl ich die psychologischen und historischen Hintergründe kenne, fällt es mir schwer, das zu akzeptieren.

Wenn mich jemand vor ein paar Jahren gefragt hätte, wie sich Menschen verhalten, wenn da draußen ein tödliches SARS-Virus grassiert, hätte ich mir alles Mögliche vorstellen können: Dass die Schwarzmarkt-Preise für Profi-Masken ins Unermessliche steigen, dass Menschen sich prügeln um Schutzausrüstung, dass einige gar nicht mehr vor die Tür gehen, dass Menschen alles – vielleicht auch Illegales – tun werden, um sich und ihre Familien zu schützen. Als reiche Russ*innen begannen, Atemgeräte zu horten, fand ich das arschig, aber menschlich nachvollziehbar. Maximaler Schutz, ein Reflex. Genau wie das Hamstern.

Ich bin dabei von mir selbst ausgegangen – ich bin ein vorsichtiger Mensch und gleichzeitig radikal. Ich bin tatsächlich bereit, für einen gewissen Zeitraum sehr viel aufzugeben für meine Gesundheit und die anderer Menschen. Ein längerer harter Lockdown wäre für mich absolut akzeptabel, weil ich weiß, danach ist das Viech tot. Dass es Leute gibt, die nicht mal kleinste Zugeständnisse machen wollen und selbst auf der Höhe der Pandemie nicht auf ihren Skiurlaub verzichten wollen – WOW! Dass Leute um jeden Preis zu Weihnachten ihre alten Eltern besuchen wollen (ungetestet und ohne Vorquarantäne), obwohl es unzählige Geschichten gibt, bei denen am Ende die ganze Familie infiziert und die Eltern tot waren – WOW! Dass Verrückte durch den Biomarkt in meinem Kiez tanzen, ohne Masken, und „Ein bisschen SARS muss sein“ singen – dafür fehlen mir die Worte.

Diese kognitive Dissonanz zwischen dem, was eigentlich nötig wäre, um das Virus zu besiegen, und dem, wie viele Menschen sich verhalten, lässt meinen Kopf fast platzen. Das stresst mich mehr als das Virus selbst. Letzteres könnte man ja in den Griff bekommen, wenn man eine Strategie hätte. Es ist wie ein andauernder Druck auf meinem Kopf: Wann wird das vorbei sein? Bei dem Schneckentempo, das die Regierung beim Impfprogramm vorlegt, und bei der mangelnden Compliance in Teilen der Bevölkerung, kann es sich noch um mindestens ein weiteres Jahr handeln.

Der Psychologe Steven Taylor, Autor des Buches „The Psychology of Pandemics“, brachte es in diesem Artikel auf den Punkt:

Je mehr ich über Pandemien las, desto mehr erkannte ich, dass Pandemien im Grunde psychologische Phänomene sind. Bei Pandemien geht es nicht einfach nur um irgendein Virus, das Menschen infiziert. Pandemien werden durch menschliches Verhalten sowohl verursacht als auch besiegt. Pandemien bekommt man nur unter Kontrolle, wenn die Menschen bereit sind, bestimmte Dinge zu tun: wie in die Armbeuge zu husten, ihre Hände zu waschen, Social Distanzing zu beachten und sich impfen zu lassen, sobald eine Impfung verfügbar ist. Falls – aus verschiedenen psychologischen Gründen – die Menschen sich weigern, diese Dinge zu tun, wird sich die Pandemie weiter ausbreiten.

Und so wird es weitergehen mit dem Kopfdruck, mit dem Warten – so wie man an einem verhangenen Tag den erlösenden Regen ersehnt. Jetzt bin ich schon wieder mitten in einem Corona-Rant 😀 , dabei wollte ich eigentlich das Jahr 2020 Revue passieren lassen. Aber es war ehrlich gesagt einfach ein Scheißjahr, in dem wenig los war außer der Pandemie.

Das Allerschlimmste ist für mich, dass man nun jede hergelaufene Bekanntschaft nicht nur darauf abchecken muss, ob sie eventuell AfD-Wähler*in oder Klimaleugner*in ist, sondern auch noch, ob sie vorhat, einen anzustecken. Bzw. wird einem diese Info ja gern unaufgefordert aufgedrückt – auch wenn man der Person lediglich ein Sofa verkaufen möchte und sie Gottseidank nie wiedersehen wird.

Ugly news 2020

Noch etwas hat mich sehr beschäftigt: der Angriffskrieg Aserbaidschans und der Türkei auf das friedliche Berg-Karabach/Arzach. (Hier ein Podcast mit Anna Aridzanjan dazu, falls jemand tiefer einsteigen möchte.) Das kleine Volk der Armenier*innen, das schon einmal einen Genozid erleben musste, war dem fast wehrlos ausgeliefert. Zu dem ungleichen Drohnenkrieg der Aseris kam noch hinzu, dass viele Medien auf die Propaganda des aserbaidschanischen Diktators Alijew hereinfielen. Dessen Medienstrategie war simpel, aber effektiv: Er drehte einfach jede Anschuldigung der armenischen Seite um und behauptete das Gegenteil. Ungefähr so wie Trump.

Die Medien, die offenbar keinen Unterschied erkennen konnten zwischen den Statements der Demokratien Arzach und Armenien auf der einen Seite und denen der Öldiktatur Aserbaidschan auf der anderen (fängt ja auch alles mit A an, so schwer), zwischen Agressor und Opfer, berichteten dann einfach: „Beide Seiten beschuldigten sich gegenseitig …“

Nach dem Motto: Scheiß auf Recherche, die schlagen sich da unten halt gegenseitig die Köppe ein. Dafür gibt es ein Wort, wie ich gelernt habe: both-side-ism. Abgesehen davon hat die Weltgemeinschaft tatenlos zugesehen, als der winzige Staat Arzach, eine Vorzeige-Demokratie, von der Landkarte radiert werden sollte. All das mit dem Argument, das Gebiet gehöre völkerrechtlich zu Aserbaidschan, obwohl sich die Bevölkerung seit den 90ern in mehreren Referenden für unabhängig erklärt hat. Dass es völkerrechtlich auch ein Recht auf Selbstbestimmung der Völker gibt, wurde kaum mal erwähnt. Ich bin gespannt, wie die Welt reagiert, falls demnächst die Schott*innen ihre Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich beschließen sollten. Wäre ein Drohnenangriff Englands dann auch okay? Zwinkersmiley.

Auch die Situation auf dem Mittelmeer, in Moria und anderen Flüchtlingslagern ist bedrückend. Es tut weh, die Nachrichten zu sehen und (außer spenden und gelegentlich eine Petition unterzeichnen) nichts tun zu können. Für mich hat sich spätestens in diesem Jahr die Idee der „europäischen Werte“ erledigt. Es gibt sie nicht, sie sind ein Lippenbekenntnis. Nach wie vor bin ich Europäerin im Herzen, aber meine Werte vertritt diese EU nicht.

Die parallel weiterlaufende Klimawandel will ich nur am Rande erwähnen. What can I say. Wir steuern mit den bisherigen weltweiten Maßnahmen im schlimmsten Fall auf eine 4-Grad-Welt zu. Ich sehe einige wenige Anzeichen (Kohle verfeuern wird gerade unrentabel, Divesting scheint Kreise zu ziehen), dass wir die Kurve noch kriegen. Mein kleiner Beitrag: Ich bin endlich mal von meinem pseudogrünen zu dem echten grünen Stromanbieter Naturstrom gewechselt.

Puh, wenn Ihr bis hierhin durchgehalten habt mit meiner vernichtenden Bilanz dieses Scheißjahres 🙂 , dann sollt Ihr auch belohnt werden: mit ein paar guten Nachrichten.

Good news 2020

  1. Katzenbaby geholt
    Nach drei Jahren der Trauer um seinen Vorgänger habe ich diesen kleinen Kerl im Internet entdeckt und mich sofort verliebt. Das war definitiv die beste Entscheidung des Jahres und hat mein Leben um 100 Prozent verbessert.
    Um mal Rilke zu zitieren:

    Das Leben und dazu eine Katze, das gibt eine unglaubliche Summe.

2. Statistik-Prüfung bestanden
Mit einer Drei, aber egal. Hauptsache durch! Dafür musste ich mal wieder über meine Grenzen gehen. Der gesundheitliche Preis war ziemlich hoch und ich hab mir vorgenommen, es nicht noch mal soweit kommen zu lassen. Ich laufe sonst echt Gefahr, den Spaß am ohnehin ziemlich stressigen Studium zu verlieren.

3. Trump weg, jedenfalls fast
Falls er nicht doch noch einen Bürgerkrieg anzettelt oder es durch irgendwelche juristischen Manöver schafft, den Amtsantritt von Joe Biden zu verhindern. It ain’t over til it’s over, scheint Trumps Motto zu sein. Das zeigt, wie groß seine Angst vor einer Strafverfolgung ist. Wie es aussieht, haben aber diejenigen Recht, die vorhergesagt haben, dass Trumps Strahlkraft sich in dem Moment erledigt hat, in dem er keine Macht mehr hat. Am Ende bleibt er nur ein orangefarbenes Arschloch mit lächerlicher Frisur. Mit Joe Biden kommt die Stimme der Vernunft an die Macht und das dürfte für uns alle sehr erholsam werden.

4. Die AfD frisst sich selbst
Immer wieder spannend zu sehen, dass Menschenfeind*innen ohne Anstand es nicht einmal schaffen, wenigstens untereinander nett zu sein. Offenbar hat es einigen Wähler*innen auch die Augen geöffnet, wie katastrophal die Länder coronatechnisch abschneiden, die von Populisten regiert werden. Jedenfalls dümpeln unsere Nazis bei Prognosen zur Bundestagswahl bei 10 Prozent herum – es darf gern noch weniger werden.

5. Coronazuschuss zurückgezahlt
Bevor ich dazu aufgefordert werde, habe ich den Zuschuss freiwillig zurückgezahlt. Es war nämlich überraschenderweise dann doch noch ein ganz gutes Jahr, zumindest finanziell. Danke an dieser Stelle an meine tollen Kund*innen. Und es fühlt sich einfach gut an, nicht auf Hilfe vom Staat angewiesen zu sein. Die sollen diejenigen bekommen, die sie wirklich brauchen.

Es ist paradox: Einerseits gibt es so wenig zu erzählen, wenn man den ganzen Tag zu Hause sitzt. Andererseits passiert so viel in der Welt, das wir dank Internet hautnah mitbekommen. Oft fühle ich mich wie im Auge des Orkans: Drumherum brodelt es, aber vor der Tür stehen die Prenzlberger Muttis an der Eisiele an wie eh und je. Wenn ich mir irgendetwas vornehme für das kommende Jahr, dann das Leben (egal wie es aussieht) zu genießen, das Beste daraus zu machen und mich wieder mehr daran zu erfreuen. Auch wenn es schwerfällt.

In diesem Sinne wünsche ich Euch einen guten Rutsch und ein gesundes Jahr 2021.

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4 Kommentare

  1. Angharad

    Herzlichen Glückwunsch zu dem neuen Zauberwesen an deiner Seite! Der Schatz hat den gleichen Blick drauf wie das Katzenmädchen, das im Januar bei mir eingezogen ist – da wirst du noch viel Spaß haben!
    Und herzlichen Dank, wie du mal wieder alles so auf den Punkt gebracht hast. Freut mich, daß du trotz Corona ausreichend Einkünfte hattest.
    Fürs neue Jahr wünsche ich uns allen Gesundheit, Gemeinschaft und einfach alles Gute!

    • Oh, wie schön! Ja, ich hab den Eindruck, die Tiere werden immer schlauer heutzutage. 🙂 Dir auch alles Gute!

  2. Schwarzes_Einhorn

    Was für ein hübscher Kater! Den muß man mögen. Was mich persönlich grade etwas aufgerichtet hat – neben dem hübschen Katzentier – war folgender Satz: „Nach drei Jahren der Trauer…“ Es tat mir gut, festzustellen, daß auch andere lange um ein Tier trauern, denn das verschweigt man – es war ja „nur“ ein Tier. In meinem Fall eine Stute, die 2016 verstorben ist. Sie hat eine große Lücke hinterlassen.
    Und zu 2020 – möge es bald vorbei sein!

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