Zum Inhalt springen

Berlin, ick hasse dir

Berlin und icke – das war von Anfang an eine Hassliebe. Mehr Hass als Liebe. Von beiden Seiten. Ich bin zwar hier geboren, aber an die ersten drei Jahre habe ich keine Erinnerung. Dann zogen wir nach Moskau, und in Russland ist man als Kind der King. Damals war es jedenfalls so. Ständig steckte mir jemand Konfekt zu, in der Metro standen die Omas auf, damit das Kind mit seinen schwachen Beinchen sich hinsetzen kann. Dann, mit neun Jahren, kam ich nach Berlin. Ich hatte dem Umzug entgegengefiebert. War ja schließlich meine Heimat, dachte ich. Endlich würde ich mich überall in meiner Muttersprache verständigen können. Ich fühlte mich wie ein Fisch, der endlich zurück ins Meer durfte.

Dafür, wie mich die Stadt empfangen sollte, kann es nur ein Wort geben: feindlich. Es fing damit an, dass ich schon immer ein people watcher war. Ich schaute mir gerne Menschen an. Das war mir nicht bewusst bis zu dem Zeitpunkt, als ich in der Berliner S-Bahn von irgendeinem Typen angeblafft wurde: „Was glotzt du so?!“ Wie gesagt, ich war neun. Das passierte mir öfters und irgendwann traute ich mich nicht mehr, anderen Leuten in die Augen zu sehen. Ohne Scheiß, ich lief meine gesamte Kindheit hindurch mit gesenktem Blick durch die Stadt – was auch insofern nützlich war, als ich dadurch den Hundekackhaufen besser ausweichen konnte.

Kurz danach hatte ich ein weiteres einschneidendes Erlebnis: Vollbeladen mit einer Tüte voller Kinderkram war ich unterwegs nach Hause. Mitten auf der Kreuzung riss die Tüte und alles fiel heraus. Passant*innen liefen achtlos vorbei, niemand half mir. Was das mit einem Kind macht, ist schwer zu erklären. Man ist ja noch ganz am Anfang im Lernprozess, wie das Leben so funktioniert. Ich dachte: Okay, so läuft das hier also. Und fühlte mich mutterseelenallein.

Dann gab es einen Eklat auf dem nahegelegenen Spielplatz. Es herrschte ein extrem rauer Umgang unter den Prenzlberger Ghettokids, dem ich als Diplomatenkind nicht gewachsen war. Ich konnte mich schon wehren, aber eigentlich war ich ja dazu erzogen worden, höflich und fair zu sein. Nur funktionierte das hier nicht. Jedenfalls gab es einen heftigen Streit unter uns Kindern, wer mit wem befreundet sein darf. Er endete darin, dass eine Mädchengang mir Prügel androhte, falls ich mich je wieder auf dem Platz blicken ließe. Für die nächsten Jahre nahm ich auf meinem Schulweg einen Umweg in Kauf und lief außen um den Platz herum – mit gesenktem Kopf, um niemanden anzuglotzen, wir erinnern uns.

Dann kam die Pubertät, in der ich (groß, schlank, blond und älter aussehend, als ich war) von irgendwelchen Typen für Freiwild gehalten wurde. Es verging kaum eine Woche, in der ich nicht belästigt oder sogar verfolgt wurde: auf der Straße, in der Bahn, im Café. Ich hatte innerlich immer den Alarm an. Das ließ erst nach, als ich mir die Haare dunkel färbte – kein Scherz. So richtig hat das mit dem Alarm aber nie aufgehört. Dafür laufen einfach zu viele Verrückte in Berlin herum.

Immer mehr kam ich zu der Überzeugung: Berlin hasst mich. Und ich hasste zurück. Daran änderte auch der Mauerfall nichts, denn schnell merkte ich, dass die Berliner*innen auf beiden Seiten der Mauer eines verband: die Schnauze. Vom Herz hab ich nie was mitbekommen. Meine Überlebensstrategie besteht darin, dass ich möglichst niemanden anspreche. Denn jede Interaktion birgt die Gefahr, schon wieder angeschnauzt zu werden. Eine weitgereiste amerikanische Bekannte nannte Berlin einmal die unfreundlichste Stadt der Welt. Dem hatte ich nichts entgegenzusetzen. Selbst New York fanden wir beide sehr nett im Vergleich.

Als ich für kurze Zeit in München lebte, war ich völlig von den Socken: Alles war klein, aufgeräumt und langsam, ein richtiges Heidiland. Wenn die Ampel auf Grün schaltete, suchten die Autofahrer*innen erst mal in Ruhe nach dem Gaspedal – und niemand hupte!

Einmal bekam ich auf dem Viktualienmarkt einen heftigen Hustenanfall. Daraufhin diktierte mir der Nussverkäufer sein Hausmittel-Rezept gegen Husten – verbunden mit dem Rat, doch lieber im Bett zu bleiben. Dabei kannte der mich gar nicht. So etwas ist mir in Berlin noch NIE passiert. Dort denkt man sich eher: Oha, da verreckt jemand, dann wird ne Wohnung frei.

Vielleicht tue ich Berlin Unrecht. Schließlich stehen eine Menge Leute aus aller Welt auf die Stadt – warum, wird mir wohl auf ewig ein Rätsel bleiben. (Italiani – perche???) Die haben offensichtlich andere Erlebnisse. Oder sie blenden das Fiese aus. Oder sie sind einfach nicht so sensibel. Ich denke, das ist ein wichtiger Punkt: Je sensibler ein Mensch ist, desto schneller erkennt er Muster und lernt. Das ist nicht immer etwas Positives.

Sobald ich aber Berlin (und Brandenburg) verlasse, eröffnet sich mir eine andere Welt. Einmal war ich in Leipzig. Ich wollte noch schnell zur Postfiliale, etwas abgeben. Sie hatte bis 18 Uhr geöffnet, es war schon fünf Minuten nach. Als Berlinerin war mir klar, dass ich mich auf einer mission impossible befand, aber ich klopfte trotzdem an die Tür. Und oh Wunder: Jemand öffnete, würgte mir dafür KEINEN dummen Spruch rein, sondern war freundlich und und nahm nach Ladenschluss mein Päckchen entgegen, als wäre es das Normalste der Welt. Wow!

In der überfüllten Bahn machten die Leipziger*innen nicht nur bereitwillig Platz für die Zugestiegenen, sondern rissen auch noch Witze dabei. Niemand war ungeduldig, genervt oder aggressiv – die drei häufigsten Aggregatzustände der Berliner*innen.

Gerade komme ich aus der Gegend von Mainz zurück, wo ich einen Vortrag gehalten habe. Ich hatte nichts von Mainz erwartet, aber Mainz hat alles gegeben. Fremde haben mich auf der Straße angelächelt. Einfach so! 🙂 Als ich an einer Kreuzung stand und wohl etwas verwirrt geguckt haben muss, hielt sofort eine Radfahrerin an und fragte, ob sie mir helfen könne. Wow! Das ist mir in Berlin noch nie passiert. Wenn man dort verpeilt rumsteht, wird man erst umgefahren und dann noch aufs Unflätigste beschimpft.

Nächster Tatort: Bahnhof Mainz. Als ich auf dem Bahnsteig wartete, näherte sich eine Frau, die beim Vortrag dabei gewesen war. Sie hatte mich erkannt – und statt an mir vorbeizuschauen, kam sie auf mich zu, wir hielten Small Talk, bis mein Zug eintraf und zum Abschied gab sie mir die Hand. So ganz normal. Krass!

Langsam wächst in mir die Erkenntnis, dass ich vielleicht doch viel normaler bin, als ich dachte. Es ist diese Stadt, die mich fertig macht. Ich beantrage hiermit, den Werbesong für Berliner Pilsner umzudichten in „Berlin, du bist so asozial“.

PS: Kaum war dieser Artikel fertig, ich war ungelogen EINE Minute in Berlin und saß in der S-Bahn, da fing mein Sitznachbar an, einen Schwarzen anzupöbeln. Er fand nämlich, der telefoniere zu laut. Irgendwann kam dann auch der Spruch, er solle doch zurück in seine Heimat und so. Wir waren drei Leute, die sofort dagegenhielten. Immerhin, Berlin, immerhin.

Photo by jens schwan on Unsplash

Bitte folgen Sie mir unauffällig!

Auf Twitter und Facebook.

6 Kommentare

  1. Senem

    Oh gott Du sprichst mir aus der Seele. Übrigens denke ich, dass die Fraktion, die Berlin tatsächlich geil findet, das nur tun kann, weil sie nonstop auf Drogen sind.

  2. Skully

    Oha, oha…
    ich musste nie in Berlin leben. Nur manchmal arbeiten. Plus Menschen die aus Berlin stammen und in meinem Umfeld arbeiten. Meine Erkenntnisse daraus sind deckungsgleich. Große Fresse. Herz? Fehlanzeige.
    Ich habe den ganzen Hype um Berlin, besonders nach der Wende nie verstanden; Zu DDR Zeiten kam mir Ostberlin ruhiger vor. Meine Ostverwandschaft meckerte aber auch damals schon über die Berliner. (Dahin wurde ja auch das wenige öffentliche Geld gebracht, was in anderen Städten dann 40 Jahre fehlte).
    Ich verstehe meine Landsleute (Schwaben) dann auch nur so, dass sie in Berlin hauptsächlich Geld machen; Die wenigsten wollen dort für immer bleiben. Vermutlich hassen die Berliner die Schwaben deshalb und natürlich wegen der „Weckle“ (Schrippen).

    Wenn ich dann nach Berlin muss, dann finde ich es immer laut und hektisch. Schon das ankommen auf dem Provinzflughafen Tegel und das weiterkommen von dort ist eine Lachplatte, wenn es nicht so traurig wäre.

    Man könnte mutmaßen das der neue Flughafen auch deshalb nicht fertig wird, weil es zuviele Schwätzer gibt, die schwätzen aber nicht arbeiten. Wer jetzt denkt Stuttgart 21 ist doch auch so unterwegs, der vergisst das S21 von Berlin (Bahn & Regierung) aus gestartet wurde…

    Ich sage Stuttgart ist viel schöner als Berlin und garantiert beschaulicher.
    Liebe Lydia, du jederzeit eingeladen ein paar Tage zur Erholung bei uns zu verbringen. Oder du siedelst gleich um. Blogs lassen sich auch hier schreiben…

    In diesem Sinne schöne Weihnachten – ohne Berliner (die gibt’s bei uns nur mit Marmeladefüllung).
    Liebe
    Grüße
    Skully

  3. Liebe Lydia – Oh ja, oh du fröhliche-e, du schreibst mir aus der Seele. Berlin und ich – eine Hassliebe. Ich bin in Erfurt geboren, aber in Ostberlin aufgewachsen, wegen Studium der Eltern und so. Innerlich konnte ich mich immer auf meine Thüringer Herkunft zurückziehen….Anfang der 2000 zog ich nach Leipzig (LE:-)) und wollte dort auch nur ein Bankkonto eröffnen. Die Menschen am Schalter waren so nett und ich dachte, wir wären Freunde. Dabei wollte ich doch nur ein neues Bankkonto. Das fand ich so verrückt! Doch Berlin lässt mich nicht los. Seit 20 Jahren will ich hier raus. (Ich bin ein Star!) Gehe weg, komme wieder. Sage, nächstes Jahr ziehen wir aber wirklich aufs Land. Fakt ist: Wir sind noch hier! Weihnachtliche Grüße, Katrin

  4. Du schreibst mir aus dem Herzen, Lydia.
    Nicht, weil ich vielleicht Berliner wäre. Eher, weil ich Berlin geliebt habe. Zwei Mal wäre ich in meinem Leben fast nach Berlin gezogen. Das erste Mal 1978 und dann noch einmal 2013. In beiden Fällen hat mich das Schicksal – oder ein guter Geist – davon abgehalten.

    Irgendwie hatte ich mich im Orchester der Berliner Schnauzen wohl- fast heimisch gefühlt. Haben wir doch so viel gemeinsam – wir Rheinländer in meinem Dorf und die Berliner. Nur, dass die heutige Hauptstadt immer schon viel größer war. Auch damals, als ich nur den Westsektor mit staunenden Augen erkundete. Berlin war einfach meine Referenzmetropole.

    Und als solche kann man sich ja aussuchen, wen man freundlich begrüßt und wen eben nicht. Ich erinnere immer wieder an die schroffe Antwort aus der Sprechöffnung am BVG-Schalter auf die bange klingende Frage einer Touristin, ob sie denn mit der BerlinWelcome Card auch nach Wannsee fahren könne: ›Det is dem Ticket janz ejal, wo se damit hinfahren‹.

    Doch woher kommt diese schräge Freundlichkeit, die zart besaitete bis ins Mark erschüttert? Ich denke, sowohl die Berliner als auch die Rheinländer haben eine gespaltene Persönlichkeit. Der eine Teil ist noch preußisch geprägt mit einer gehörigen Portion Arroganz, mindestens einmal einem untrüglichen Eifer, etwas besser oder richtig zu wissen. Der andere Anteil ist uns durch Napoleon, seine Truppen und deren Laissez Fair übergestülpt worden: Es leicht zu nehmen, auch mal Fünfe gerade sein zu lassen und das Herz auf der Zunge zu tragen. All das ist freilich nicht bewiesen, sondern die Annahme eines einzelnen, ebenfalls betroffenen.

    Inzwischen ist Berlin vom ersten Rang meiner Lieblingsmetropolen verdrängt worden. Zuerst durch die kastenübergreifende, schiere Herzlichkeit im San Francisco vor 30 Jahren. In den letzten Jahren tendiert meine Großstadtliebe immer mehr in Richtung Wien, wo es ganz ähnlich zugeht wie in Berlin, die Ruppigkeit jedoch mit ein bisserl mehr Schmäh versüßt ist – oder Schlagoberst. Wien ist für mich wie Berlin. Nur nicht so krass.

    Danke für die Berlinreflexion und den Gedankenanstoß
    Tom

  5. J

    Die Stadt ist laut, hektisch und aggressiv – nein nicht die Stadt, die Bewohner. Als die Mauer noch stand, als Kind einmal dort gewesen, tolle Momente erlebt und Fassbrause getrunken – ich hab Jahre später noch danach gesucht, sie aber nie wieder gefunden.

    Mit Mitte 20 nach Moabit/Tiergarten gezogen mit Blick auf das Schloss, mittendrin auch irgendwie, aber als Rheinländerin vollkommen fehlt in dieser kalten Stadt. Umgezogen fast direkt an den Knast und dort zumindest die Achtsamkeit des Imbissbesitzers kennengelernt. Ich wäre im dicken B untergegangen und habe nach 2 Jahren den Weg zurück in die Stadt mit K gefunden.

  6. Carsten

    Ich teile deine Meinungen über Berlin vollständig und freue mich, dass es Leute gibt, die das mal offen aussprechen. Ich wohne seit knapp 4 Jahren berufsbedingt in Berlin und kann es kaum abwarten, diese „ja ach so tolle Stadt“ wieder zu verlassen! Umzug bzw. Rückzug in meine Heimat im Norden ist in Arbeit.
    Berlin ist eine dreckige, hektische, mit unzähligen Touristen und laute Stadt und ein Moloch aus Ignoranz, Arroganz, Dreck, Obdachlosen, Pennern, Bettlern, Hundescheißehaufen, Rasern, bornierten Radfahrern, Unfreundlichkeit, Impertinenz. Die Leute sind die empathielosesten und aggressivsten Menschen, die ich je getroffen habe. Ich habe bis dato null Ahnung und wird mir ewig ein Rätsel bleiben, was Menschen an Berlin so toll finden!?!
    Wer Berlin toll findet, kann niemals woanders gewesen sein! Und man wird diese Stadt mögen, wenn man selbst nicht viel mit Vorschriften und Gesetzen am Hut hat, da man hier machen kann was man will. Wird eh mangels Personal nicht geahndet.
    Eine Berufsgruppe in Berlin tut mir aufrichtig leid und das sind die Polizisten. Tagtäglich sich mit diesem Volk hier -im wahrsten Sinne- rumschlagen zu müssen… oh je… meinen größten Respekt diesbezüglich.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.