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Ausbildung? Nur für die, die ins Schema passen

Das Ausbildungssystem in Deutschland wird ja hochgelobt. Ist verantwortlich für den wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands und so. Mir war das gar nicht bewusst, dass es etwas Besonderes ist, wenn Leute ordentlich oder überhaupt erst mal ausgebildet werden. Ich dachte, das sei überall so.

Dann las ich in einer Reportage meines Idols Alexander Osang, wie er als Korrespondent in New York mal einen Monteur rufen musste (ich glaube, es ging um die Klimaanlage) und dann kam irgendwer und hatte überhaupt keine Ahnung von der Sache und hatte nicht mal Werkzeug dabei.

In meiner Kindheit in Russland war es eher wichtig, dass Handwerker improvisieren konnten. Wir hatten ja nüscht. Das waren alles so MacGyver-Typen, die mit Zahnstocher, Feuerzeug und nem alten Haargummi eigentlich alles reparieren konnten. Für den Notfall hatten sie noch eine gusseiserne Rohrzange dabei, die schon der Großvater zur Zeit des Zaren in Gebrauch gehabt hatte.

Ich kann aus eigenem Erleben nix zu diesem Thema nix beisteuern, da ich ja studiert und zwei linke Hände habe. Aber klar, es macht Sinn, dass man Leuten einheitliches Fachwissen und vor allem -können beibringt. Oder wie Wikipedia es ausdrückt: die „standardisierte Vermittlung von anwendbaren Fertigkeiten“.

Standardisiert und durchlässig

Der große Vorteil liegt ja nicht nur in diesem hohen Standard, den man nach der Ausbildung erwarten kann, sondern auch in der Durchlässigkeit des Systems. Während früher der Bäckerssohn mehr oder weniger das Bäckerhandwerk von seinem Vater lernen musste, guckte des Tischlers Tochter, die vielleicht auch Talent zum Backen gehabt hätte, in die Röhre. 🙂 Oder sie musste sich irgendwie in den fremden Familienbetrieb hineinschmuggeln. Dank des Ausbildungssystems kann jeder wählen, was er oder sie werden möchte. Theoretisch jedenfalls.

Das Weitergeben von Wissen innerhalb der Familie hat aber auch Vorteile. Denn beim Lernen ist die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler ein entscheidender Faktor – das hat John Hattie in seiner Metastudie „Visible Learning“ herausgefunden. Wie oft hört man Erwachsene sagen: „Ich fand das Schulfach eigentlich ganz interessant, aber ich konnte mit dem Lehrer nicht.“ Oder halt umgekehrt.

Wenn Kinder von ihren Eltern lernen, kann das sehr gut funktionieren, wenn die Beziehung stimmt. So werden Wissen und Können über Generationen weitergetragen. Das klingt jetzt vielleicht idealistisch und kann natürlich auch nach hinten losgehen. Andererseits wird dieses Modell in vielen Teilen der Welt noch gelebt.

Eine Reportage über einen Familienbetrieb in Portugal hat mich da sehr berührt. Der Betrieb produzierte Kork. Der Vater hatte Tochter und Sohn in das Business eingeführt, auch die Enkelkinder lernten das Geschäft quasi nebenbei.

Am schönsten fand ich, wie mittags alle an einer Tafel im Grünen saßen und zusammen gegessen haben. Wahrscheinlich leckeren Schinken vom Korkeichenschwein. Klischee, Klischee, aber trotzdem! Keine nervigen Chefs, nur nervige Eltern. 😉 Das ist schon ein ganz anderes Lernen und Arbeiten, irgendwie ganzheitlicher.

Im Übrigen lernt man einander ja durch nichts so gut kennen wie durch Arbeit – davon bin ich spätestens seit den paar Jahren, die ich mit meinem Vater in einer Firma zusammengearbeitet habe, überzeugt. Zusammen etwas auf die Beine zu stellen, schweißt eben auch zusammen.

Ich frage mich, warum das eine System zugunsten des anderen aufgegeben wurde. Denn das deutsche Ausbildungssystem ist nicht für alle geeignet – es ist nur für die da, die ins Schema passen.

Starr und unflexibel

Das Berufsausbildungssystem ist verdammt unflexibel. Ein Punkt, der bereits vielfach kritisiert wurde, ist, dass man für viele Ausbildungen mittlerweile Abitur braucht. Warum??? In diesem Blogbeitrag beschreibt Hilli, Lehrerin in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, was dieser Druck bei den Kids anrichtet.

Mit einem Hauptschulabschluss oder gar überhaupt keinem Abschluss ist man aufgeschmissen. Es gibt nun aber nun mal Menschen, die keine Schultypen sind. Die sind schlau, lernen schnell, haben aber keinen Bock auf Sitzen und Lesen. Die haben sich schon durch die Schule gequält und jetzt müssen sie wieder in die Berufsschule. Drei verdammte Jahre lang! Dabei wollen sie einfach arbeiten.

Dieser Typ Mensch wäre in einem parallelen System, wo man durch praktisches Tun von einem erfahrenen Meister oder einer Meisterin (oder eben den Eltern) lernt, viel besser aufgehoben.

Überhaupt frage ich mich, was beispielsweise Einzelhandelsfachverkäufer*innen in den drei Jahren Ausbildung so lernen. Fachwissen kann es ja nicht sein, denn wenn ich im Laden eine Fachfrage stelle, wird mir oft genug vorgelesen, was auf der Verpackung steht. Lesen kann ick selba, wa! *wegduck*

Obwohl, wenn ich mir dieses bierernste Gebäudereinigervideo anschaue, krieg ich schon den Eindruck, dass man auch die vermeintlich einfachsten Dinge falsch oder zumindest ineffizient tun kann – und das geht natürlich gar nicht in Deutschland. Die Schmutzflotte muss aufgenommen werden!!!

Ich möchte mal die ernsthafte Frage stellen, wie umfassend und vor allem wie theoretisch eine Ausbildung sein muss, um am Ende einen Job gut zu machen.

Akademisierung statt Öffnung

Statt die Ausbildung auch für andere Lerntypen zu öffnen, geht der Trend dahin, die Ausbildung weiter zu akademisieren, z. B. in der Pflege und Erziehung. Kann sein, dass das fachlich total Sinn macht.

Ich möchte nur darauf hinweisen, dass wir einen Teil der Menschen dabei verlieren – nämlich diejenigen, die praktisch veranlagt sind, die anders lernen (durch Beobachten und Machen statt durch Lesen) und die möglicherweise menschlich absolut geeignet für solche Jobs sind.

Ich verstehe nicht, warum die Anforderungen an Bewerber*innen so hoch sind (z. B. Abitur) und kaum flexibel. Mir scheint der Azubimangel ähnlich gelagert wie der angebliche Fachkräftemangel: Es werden starre Bedingungen angelegt – und komisch, da findet man niemanden.

Statt in immer höhere Gefilde der Akademisierung zu flattern, müsste das System mal wieder Bodenkontakt aufnehmen. Schauen, was geht, was man anbieten kann für Menschen, die motiviert sind und arbeiten wollen, aber eben anders lernen. Und damit meine ich nicht, sie in Niedriglohnjobs für Ungelernte abzuschieben, sondern innerhalb des Ausbildungssystems Alternativen mit anderen Lernmethoden zu schaffen.

Keine Chance für Außenseiter

Aktuell fehlen 23.000 Pflegekräfte in Deutschland. Sie werden sogar aus den Philippinen und von sonstwo herangeschafft. Währenddessen sitzen hier Geflüchtete, die total Bock auf den Job haben, die Deutsch gelernt haben, die mit dieser verdammten Bürokratie und der fremden Mentalität klarzukommen geschafft haben, die alte Menschen mögen und höchst sozialkompetent sind.

Interessiert aber keinen, da kein passender (oder gar kein) Schulabschluss vorhanden. Andere fangen eine Ausbildung zum Hotelfachmann an, haben sogar Berufserfahrung – und scheitern im deutschen System an der Theorie. Das ist doch extrem frustrierend für beide Seiten!

Es gibt aber keinerlei Entgegenkommen bei den Unternehmen, keine Flexibilität, kein Abrücken von diesem Standard („Bitte legen Sie eine Bescheinigung über ein zweiwöchiges Praktikum vor.“), selbst wenn Leute dringend gesucht werden. Stattdessen werden Hürden über Hürden aufgebaut, die schon für Deutsche schwer zu meistern sind. Halbherzigkeit wird gelebt: „Wir wollen dich, aber nur wenn…“.

Dass man sich mal jemanden anguckt und sagt: „Okay, du hast nicht alle Papiere, die wir brauchen, aber du machst nen guten Eindruck und wir trauen dir das zu. Wir nehmen dich jetzt einfach mal an die Hand, unterstützen dich maximal, damit du das schaffst. Weil wir dich wollen und brauchen.“ Nö.

Ich glaube, das wird Deutschland noch mal teuer zu stehen kommen.

Bitte folgen Sie mir unauffällig!

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9 Kommentare

  1. Top, liebe Lydia!
    Du bringst es wieder auf den Punkt. Wir sind in unserem System viel zu starr und einseitig unterwegs! Da auszubrechen geht bei uns oft nur über die Selbständigkeit. Ein Bekannter von mir ist mit 15 Jahren bewusst aus der Schule, hat sich dann selber Tontechnik und Radio DJ „beigebracht“, später einen Biohof mit eigenen Biokraftwerk gebaut, eine Agentur geleitet und macht heute wieder was ganz anderes. Alles selber beigebracht. Es geht halt auch ohne formelle Ausbildung. Die Menschen können das. Wir lassen sie nur nicht.
    Herzlichen Gruß,
    Henrik

  2. Wachkatze

    Oh, eine Einzelhandelskauf*frau lernt sehr viel in ihrer Ausbildung.

    Nur findest du heutzutage kaum bis keine mehr im Laden.
    Wer gelernt hat, will Vollzeit und Tariflohn.
    Realität ist der Teilzeitjob auf Abruf zum Mindestlohn. Und da stehen die meisten heute lieber in ihrgendeiner Fabrik an der Maschine.
    Vermittelt via Leihbude.
    Da muss eins wenigstens nicht Dauerlächeln für den Hungerlohn.

    Lohnkostendrückerei war im Verkauf schon immer gang und gäbe.
    Heute denken die Firmen das sie den Jackpot gewonnen haben.
    Auf der Strecke blieb die Qualität der Beratung.
    Wir ausgebildeten Kräfte sind weg.

  3. Hallo,
    es gibt sehr wohl Chancen für Menschen, die sich mit der (Berufs-)Schule schwertun.
    Bei der IHK kann man nach fünf (?) Jahren Erwerbsarbeit in einem bestimmten Beruf z. B. die dazugehörige Prüfung ablegen und den Status eines Ausgebildeten erreichen.
    Auch gibt es bei den Zugangsvorraussetzungen für ein Studium sowohl an der FH als auch an der Hochschule die Möglichkeit, Eignungstests zu absolvieren bzw. sich die vorhandene Berufserfahrung anrechnen zu lassen. Was ich gut finde ist, dass auch Mutterschutz und Elternzeit bzw. Pflegezeit anrechenbar sind.

    Ich empfinde das System als sehr flexibel, habe auch diverse Ausbildungen auf dem „zweiten Bildungsweg“ draufgesattelt, mich noch einmal komplett neuorientiert und werde irgendwann später ein Studium beginnen, OHNE Fachhochschulreife.

    Als ehem. Personalerin kann dir sagen, dass du mittlerweile fast gezwungen bist, auf Abitur als Ausbildungsvorraussetzung zu bestehen, denn die Bewerber mit einer geringeren Qualifikation sind schlicht und ergreifend nicht ausbildungsreif.
    Ich spreche da von Rechtschreibung (Artikel, Groß-/Kleinschreibung), der einfachsten Mathematik (Dreisatz) und den allgemeinen Qualitäten wie z. B. Uhrzeit ablesen, was mache ich, wenn mein Personalausweis abgelaufen ist, etc.
    Eine Ausbildung dauert in der Regel drei Jahre, aber diese Zeit reicht noch lange nicht aus, um die Kinder (denn das sind sie ja meistens noch) 1. ausbildungsreif zu bekommen und sie 2. auch noch auszubilden.

    Viele liebe Grüße,
    Renate

    • Lydia

      Hi Renate, ich kenne die Liste der Defizite der angehenden Azubis (Zuverlässigkeit, Sozialkompetenz), auch wenn ich mir nicht erklären kann, wie sowas passiert. (Hab ab 14 diverse Ferienjobs gehabt, Apotheke, Krankenhaus, Wäschehaus. Bisschen eingewiesen geworden und dann flutschte es.) Mein Ansatz ist eher aufzuhören, den Leuten immer wieder zu erzählen, was sie alles nicht können und dass sie es nicht draufhaben, sondern die Bedingungen dafür zu schaffen, dass sie es packen. Das Ziel muss doch sein, dass jemand, der halbwegs in irgendwas talentiert ist, einen Job findet, von dem er oder sie leben kann. Einzelne Projekte zeigen ja auch, dass es geht, aber es ist halt Aufwand, und da hat niemand Bock drauf.

  4. Absolut korrekt. Ich arbeite als Job- und Integrationscoach. Es ist völlig absurd wieviel super intelligente und qualifizierte UND motivierte Leute es gibt, die aber aufgrund fehlender formaler Qualifikationen KEINE Chance haben ihre Arbeitskraft einzusetzen. Die Unternehmen jammern rum, sie wuerden keine Fachkraefte bekommen, wollen diese aber bitteschoen fertig einsatzfaehig geliefert bekommen, damit sie stromlinienfoermig sofort in unser durchdesigntes Arbeitsleben passen. Wers nicht glaubt soll mal den psychologische Test bei der BVG fuer Busfahrer machen. In der Berliner Verwaltung fehlen 6.000 Arbeitskraefte. Aber Besetzungsverfahren dauern zwischen 6 Monaten und 1,5 Jahren (!) Manche Bewerber wissen bei der Zuaage gar nicht mehr, dass sie sich mal beworben hatten. Absurd.

    • Lydia

      Auweia, das wusste ich nicht. Sehe überall die Werbung, dass Busfahrer*innen gesucht werden…

  5. Hans Jörg

    …werden ja auch gesucht, aber bis dahin gibts ein mehrteiliges Bewerbungsverfahren, angefangen mit Bewerbung, psychologischem Test im Internet (die man als noch nicht perfekt deutsch sprechender kaum verstehen kann) , erste Einladung zum Infogespräch, zweite Einladung zu Vorstellungsgespräch mit ca. 5 Leuten incl. Streßfragen (Was sind ihre größten Schwächen usw.) und danach dann die medizinische Eignungsprüfung… Das Ganze dauert dann auch entsprechend.

  6. Neeva

    Du schreibst ja selber, dass dein Bild von Familienbetrieben stark idealisiert ist. Aber ich möchte eins zu bedenken geben: Das einzige Argument, das dieser Sch*kapitalismus mit seiner individualisierten, entsolidarisierten Gesellschaft für sich hat, ist, dass die einzelnen nicht für immer von ihrer Herkunftsfamilie abhängen und keine Chance haben da rauszukommen. Mit einer Ausbildung und einem Job kann man (und vor allem auch frau) sich von Eltern oder Ehepartnern trennen und muss dafür nicht ins Kloster oder in die Prostitution.

    Und weil der Text grad passt:
    https://readonmydear.com/2019/02/12/abgelehnte-geschichten-a-date-to-remember/
    Dieser Text ist zwar fiktiv, aber eine hervorragende Parabel über alles, was an der althergebrachten Familientradition schlecht ist. Da fallen nämlich auch Leute durchs Raster, nur andere.

  7. Chris

    98% der Kinder kommen hochbegabt zur Welt, nach der Schule sind es noch 2%.(Gerald Hüther)
    https://www.alphabet-film.com/
    Sehr gute Doku zu dem Thema. Lohnt sich wirklich sie zu gucken.

    Wir werden absichtlich verdummt und verblödet. Denkende oder gar querdenkende Menschen sind nicht gewollt. Die eignen sich nicht besonders gut als Humankapital.

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