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Augen auf bei der Branchenwahl

Neulich habe ich mich mit einer Nachbarin köstlich amüsiert. Wir haben Witze gerissen, ein Gag jagte den anderen. Irgendwie schien sie denselben Humor zu haben wie ich, einen sarkastischen Blick auf die Welt. Das passiert mir nicht so oft, um nicht zu sagen: so gut wie nie. Ich war verblüfft. Dann stellte sich heraus, dass sie früher beim Fernsehen war – genau wie ich. Ach, dachte ich, kiek an. Es gibt wohl so eine Art Branchenhumor.

Oder ist es mehr als der Humor? Ich musste an eine frühere Fernseh-Kollegin denken, sie war um die 60, ein Urgestein des Senders. Das war ungewöhnlich, denn wir waren alle zwischen 25 und 35. Eines Tages sprach ich sie darauf an, warum sie sich nicht wie viele andere Ältere einen Erwachsenenjob 😀 suchte. „Ach, weeßte“, meinte sie, „ha’ick versucht. Ick war woanders, aber dann binick wieder zurückjekomm. Ick kann nur mit Fernsehleuten.“

Kurz darauf erzählte mir eine Freundin, die in letzter Zeit viel mit Wissenschaftler*innen zu tun hat: „Ich liebe diese Leute! Die wollen die Welt verstehen, die hören zu, sind für alles offen. Ich mag diese Grundhaltung.“ Und bescheiden sind sie auch, in ihren süßen Strickpullis. Spätestens seit Drosti wissen wir ja alle, dass Wissenschaftler*innen voll die coolen Socken sind.

Die Freundin ist übrigens Architektin. „Da geht es viel ums Ego, jeder will seine Vision durchdrücken. Das ist etwas völlig anderes.“ Also, Freund*innen, Augen auf bei der Branchenwahl! Man sollte sich wirklich ein paar Fragen stellen, bevor man die Branche wechselt. Was haben die da für einen Humor, wenn überhaupt? Was für Werte vertreten die?

Eine andere Freundin hat ihre emotionale Heimat in der Werbung gefunden. Keine Ahnung warum, ich hab die ganze Branche ja schon während meines ersten Studiums abgewählt. Das sind für mich alles Leute, die völlig falsche Prioritäten in ihrem Leben setzen, um es mal nett auszudrücken. Aber sie fühlt sich da irgendwie verstanden.

Dafür merke ich gerade, wo ich jetzt wieder politisch aktiv bin, dass ich Leute mag, die sich für was einsetzen und nicht nur rummeckern. Wie heißt es so schön: Machen ist wie wollen, nur krasser. Nach meiner durchpolitisierten Kindheit und Jugend hatte ich mir eigentlich geschworen, einen großen Bogen um die Politik zu machen. Aber jetzt fühle ich mich da überraschend wohl. Vielleicht ist das doch in mir drin, so als Tochter eines Politikers, und hat mir all die Jahre gefehlt. Als Introvertierte steh ich halt auch lieber mit Leuten am Wahlkampfstand oder verteile Zeitungen, als zusammen zu feiern. Und irgendwie hab ich das Gefühl, es gibt dort noch mehr von meiner Sorte. 😉

Aber auch die Kommunikation spielt eine Rolle. Einer der Gründe, warum ich mich in meiner HORG so fremd gefühlt habe, war nicht nur der Humor (Kalauer waren sehr angesagt), sondern ganz allgemein die Art zu kommunizieren. Erst als ich die Bücher des Kommunikationspsychologen Schulz von Thun las, wurde mir klar, dass es am Sprachstil lag. Als Journalistin war ich ja darauf trainiert, mich möglichst klar und eindeutig auszudrücken, der anderen Person verbal entgegenzukommen, damit sie keine große Mühe mehr hat, meine Botschaft zu verstehen.

In der HORG hingegen praktizierte man die große Kunst des Vagen. Oder wie Schulz von Thun es nennt: den distanzierten Kommunikationsstil. Es sollte immer ein Hintertüchen offen bleiben, am besten mehrere. Man sicherte sich sprachlich ab, nach dem Motto: Eventuell habe ich auch das Gegenteil gemeint. Weil mir der Nähe-Stil mehr liegt, kann ich z. B. mit einer Horde Sozialarbeiter*innen besser umgehen als mit einem einzigen CEO.

Das Lieblingsbuch eines meiner langjährigen Kunden heißt „Die Kunst, seine Kunden zu lieben“. Es ist ein ziemlich anstrengendes Zwiegespräch zweier Männer, sprachlich ätzend. Aber es sind viele kluge Gedanken darin. Einer steckt schon im Titel: Liebe deine Kund*innen. Suche dir Leute, mit denen du gut kannst, die du irgendwie magst, mit denen es flutscht. Und mache sie zu deinen Kund*innen.

Viele Firmen, für die ich arbeite, machen was mit IT. Ich habe mir das gar nicht ausgesucht, aber irgendwie flutscht es mit denen. Wir ticken ähnlich und ich verstehe die. Einmal habe ich Anwält*innen ein Schreibseminar gegeben. Die Herausforderung war riesig: Lehre mal Leute, die ein ganzes Studium lang juristische Sprache gepaukt haben, sich wieder normal auszudrücken. 😛 Es war mein bestes Seminar ever, das hat richtig gerockt. Aber es war auch anstrengend, denn Anwält*innen sind von Berufs wegen angriffslustig – ich nicht so. (Was nicht heißt, dass ich es nicht noch mal machen würde, es war einfach zu gut.) Aber ich bin doch heilfroh, dass ich nicht wie meine halbe Abiklasse Jura studiert habe.

So, ich werd jetzt mal bei der Nachbarin vorbeischauen und dann flexen wir zusammen unsere Humormuskel wie in den guten alten Fernsehzeiten.

Photo by Bernard Hermant on Unsplash

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3 Kommentare

  1. Haha, true!
    Bei Theaterpädagog*innen ist es mal so, mal so. Bei den Werten und der Haltung sind wir uns oft einig, aber mir persönlich fehlt oft das unternehmerische Denken. Mit IT-lern kann ich auch super. Schwieriger finde ich Lehrer*innen … da flutscht es irgendwie nicht so in der Kommunikation.:P

    Viele Grüße,
    Sarah

  2. Petra Gansen

    Ist hier eigentlich auch Kritik zugelassen? Schaun wir mal: Ich habe selten so einen verkrampften Artikel gelesen zu. Mal abgesehen von dem fürchterlichen Gendern (beinahe hätte ich den Artikel weggeklickt), ist mir aufgefallen, dass die Autorin nur weibliche Freunde hat, nur Akademiker und nur eine weibliche Nachbarin. Haben die männlichen Umgebungsmitglieder sich schon augenverdrehend zurück gezogen? Und was sollen eigentlich diese zwanghaften Anlehnungen an die Sprache von Jugendlichen? Und ein bisschen Denglisch und ein paar „woke“ Abkürzungen dürfen natürlich auch nicht fehlen. Der Inhalt des Textes ist an mir vorüber gegangen. Wie schrieben Sie über das Zwiegespräch zweier Männer: „…sprachlich atzend“. Ja, genau das trifft auf diesen ganzen Text zu: borniert und sprachlich ätzend.

    • Klar, solange sie sachlich ist. Für mich aber leider nicht nachvollziehbar. Alle Deine Annahmen und Vermutungen sind falsch. Und gendern tue ich ja nun schon seit ein paar Jahren, siehe auch: https://www.bueronymus.de/gender-dir-einen/ Insofern weiß ich jetzt auch nicht … 🙂

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