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Alles stabilo

Ich dachte, ich sei unverwundbar. „Es gibt 5.000 Euro Zuschuss für Selbstständige, hol dir das doch mal“, mahnte meine Mutter. „Bevor’s alle ist.“ Und ich so: „Nee, das ist doch für die, denen gerade alle Aufträge wegbrechen. Bei mir läuft’s ja.“ Einen Tag später halbierte der erste große Kunde das Budget. Für einen Moment fühlte es sich an, als ziehe man mir den Boden unter den Füßen weg. Panik. Ich hatte gedacht, dieser Kunde wär systemrelevant. Naja, hab ich wohl nicht zu Ende gedacht. Bitte immer alles zu Ende denken, Frau Krüger! Aber OK, das Budget ist noch halbvoll. Noch. Ich googlete sofort den Zuschuss. Frau Krüger sorgt vor. Ich war dann Nummer 476.342 oder so in der Warteschlange. „Es sind noch 247.773 vor Ihnen.“

Na, das kann ja heiter werden, dachte ich. Ich ließ das Browserfenster offen, beobachtete den Fortschrittsbalken und rechnete mir aus, wann ich ungefähr dran sein würde. Ging eigentlich, die schafften etwa 7.000 Anträge pro Stunde. Am nächsten Tag stellte ich den Antrag, am dritten Tag war das Geld auf dem Konto. WOW. Einfach nur wow. Ich hätte heulen können. So muss sich Grundeinkommen anfühlen. Ohne sich nackig machen oder rechtfertigen oder irgendeinen Bedarf begründen zu müssen, einfach so Geld bekommen. Das ist Liebe. Danke, Berlin, echt jetzt.

Am selben Abend schrieb mein anderer großer Kunde aus den USA: „We do not have the budget to cover Q2 work, so please stop where you are.“  Wieder kurze Panik. Naja, immerhin hab ich die 5.000 Euro. Das wird nicht lange reichen bei meinen immensen Fixkosten (jetzt auch noch das Studium!), aber egal, ein paar Monate kriege ich hin. Eine Krüger findet immer eine Lösung. Und einen Parkplatz.

Gestern war ich in der Autowäsche. Wieso hatte mein Vater damals ein weißes Auto gekauft. (Ich weiß warum: „Das sieht man nachts besser.“) Ja, aber der Preis für dieses geniale Feature ist, dass es immer versifft aussieht. An der Tanke war alles vorbildlich geregelt: Abstandsstriche auf dem Boden, Plexiglasscheibe vorm Tresen, alle trugen Gummihandschuhe. Der Waschbon wurde mir kontaktlos rübergeschoben: „Bitte vorne ins Auto legen.“ Ich fuhr in die Waschstraße und dann kam ein Typ und scannte meinen Bon DURCH DIE AUTOSCHEIBE EIN. Bäm! Der reinste Coronaporno.

 

 

Ich gehe ungern raus. Eigentlich genau wie früher. Früher war es der Lärm (irgendwo lief immer ein Presslufthammer), gegen den ich anschreien musste. Und der Dreck. Und eine Million Kleinkinder, die vor der Eisdiele nebenan auf Opfer lauerten, die sie ansabbern und mit ihren eisverschmierten Gnubbelfingern begrabbeln konnten. Jetzt ist es das Virus, es könnte überall sein, es braucht einen nur jemand anatmen.

Meine Augenringe werden immer heftiger. Ich bin ja eh die Herrin der Augenringe, aber was ist das jetzt bitte?! Seufz. Naja, sieht man ja kaum hinter der Maske. Ja, ich trag jetzt Maske. Meine Tante hatte noch ein paar rumliegen, von meinem verstorbenen Onkel. Das einzige, was ich jemals von dem bekommen habe, hehe. So wird man posthum noch zum Lebensretter. Fühle mich seltsam geborgen hinter der Maske. Vielleicht doch mal Burka ausprobieren?

Die Uni schickt kryptische Mails: „PD-XY2 ist jetzt online.“ Fühle mich nicht angesprochen. Kriegt mal Eure Abkürzungen auf die Reihe, ey.

„Unorthodox“ auf Netflix gebingewatcht. Ich hatte der Serie entgegengefiebert, nachdem ich beide Bücher von Deborah Feldman verschlungen hatte. Was für eine Enttäuschung. Bin sehr irritiert, wie alle den Film feiern. OK, Kostüme alle originalgetreu und die sprechen echtes Jiddisch. Das erwarte ich aber auch von nem guten Film. Das, was die Story für mich ausmacht, kommt überhaupt nicht rüber. Hat mich nicht berührt. Sehr schade.

Und was soll mit meinen Haaren passieren? Friseur fällt ja aus. Immer dieses Haarproblem. Früher hab ich gelacht über unsere Moderatorin, die die ganze Redaktion in den Wahnsinn trieb: „Sitzen meine Haare? Nein, die sitzen nicht. Moment, ich muss noch mal meine Haare richten. Hat jemand einen Kamm?“ Uns ist das gar nicht mehr aufgefallen. Einmal nahm ich eine amerikanische Freundin mit ins Studio. Und sie so: „What’s with her hair? Does she have a hair problem?“

Yes, we all have a fucking hair problem. It’s called Wechseljahre. Als hätten Frauen nicht schon genug an der Backe. Man weiß jetzt nie: Sind das noch Hitzeflashs oder ist das schon Corona? Sind Gelenkschmerzen Corona? Ach nee, Gliederschmerzen müssen es sein. Nun auch noch das Haarproblem. Erst sind sie ausgefallen, so massiv, dass ich panisch beim Hautarzt anrief, weil ich dachte, ich hab bald keine Haare mehr auf dem Kopf. Nichts half, keine Tinktur, keine Vitamine. Dann hab ich zufällig auf so ein Wundershampoo umgestellt und seitdem ist der Haarausfall weg. Komplett. Ich hab das schon vielen Wechseljährigen empfohlen und alle sind begeistert.

Aber trotzdem, die Haare sind nicht mehr dieselben. Sie sind strohig und fluffig zugleich. Sie sitzen nicht mehr richtig, sie jucken, sie sind Fremdkörper. Ich wollte ja schon immer mal komplett rasieren – damals in Thailand, aus Soli mit den Nonnen. Vielleicht mach ich das jetzt, sieht ja eh keiner. Jetzt ist doch die Zeit für Experimente, in jeder Hinsicht.

Die einzige gute Nachricht: In Italien gehen die Zahlen der Neuinfektionen runter. Vielleicht ist also alles in zwei, drei Monaten vorbei. Aber nichts wird mehr so sein wie vorher. Könnte wieder heulen. Könnte eigentlich immerzu heulen wegen Italien. Il bel paese! Warum ausgerechnet dort? Die Wissenschaft rätselt, es gibt x Vermutungen. Feinstaub, Überalterung. Vielleicht, weil sie so familienorientiert sind und immer aufeinanderhocken und so viel miteinander reden. Das wird also bestraft?! Scheißvirus. Und die distanzierten, rationalen Deutschen mit ihrer eingebauten Effizienz, kommen sie mal wieder davon? Wer weiß, wir werden sehen.

Auf LinkedIn wollen sich dauernd irgendwelche Influencer-Berater*innen mit mir vernetzen. Fuck off, Ihr Viren. Beratet Euch doch selber.

Vor ein paar Wochen hab ich die New York Times abonniert, Auslandsabo. Spitzenjournalismus für 3 lumpige Dollar im Monat. Als hätte ich es geahnt. Jetzt wütet das Virus in New York, einem meiner Lieblingsorte auf der Welt. Pling! Wieder breaking news von der New York Times – ach nee, es geht um die economy und den stockmarket. Menschenleben nicht so wichtig.

Amerika ist auch so eine Heimat von mir, ich hab ein paar Länder adoptiert: Amerika, Italien, Thailand. Ich bin da hingekommen und hab mich sofort zu Hause gefühlt.

In Mailand hab ich meiner Mitreisenden erklärt, welche U-Bahn wir nehmen müssen, und sie so: „Ich denke, du warst noch nie hier?“ Ja, keine Ahnung, vielleicht doch, in einem früheren Leben. In Rom ist ein junger Mann mitten im Verkehr von seiner Vespa abgestiegen und hat meine gehbehinderte Mutter gefragt, ob sie Hilfe braucht und ob er sie über die Straße bringen soll. Der ist extra für sie abgestiegen. Sowas vergesse ich nicht.

Wenn ich in Thailand lande, fällt alles von mir ab, ich werde ein paar Kilo leichter, sobald ich in meine Flip-Flops schlüpfe – nur gefühlt, leider. 😀 Ich komme in einen Flow, ich schwimme mit dem Strom des Lebens mit, statt gegen ihn anzukämpfen. Und Amerika? Eine Hassliebe, so wie mit Deutschland. Ich habe über ein Jahr dort gelebt, da verliert man alle Illusionen.

Aber Amerika ist nicht so, wie es in den deutschen Medien dargestellt wird: voller hohler Hillbilly-Trucker-Idioten, die Trump wählen. Amerika ist auch intelligent und kämpferisch und selbstbewusst und kreativ, sogar solidarisch auf eine komische Art. Jetzt sehe ich, wie sie kämpfen. Wie sie all ihren amerikanischen spirit aufbringen und sich der Seuche entgegenstemmen, wie sie alles geben. Und wie sie keine Chance haben, weil ihre Regierung nicht die kleinsten Vorkehrungen getroffen hat. Krankenschwestern ohne jede Schutzkleidung. Sie können es nicht fassen, dass es keine Masken gibt: „But this is America!“ Die werden sterben wie die Fliegen. Es tut so weh. Ich könnte schon wieder heulen.

Viele schreiben jetzt Corona-Tagebuch, Frau Ruth, Sarah. Viele schreiben in Fetzen. Ich jetzt auch. Passt doch, das Leben liegt ja auch in Fetzen.

Naja, irgendwas werden wir daraus schon wieder zusammenflicken – irgendsoein Patchwork-Leben.

[EDIT:] Und falls Ihr Euch fragt, wie lange das jetzt noch so gehen soll, hier eine Einschätzung von Mai Thi:

Foto: Pixabay

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3 Kommentare

  1. Danke für den schönen Einblick! 🙂 Und ja, was soll man machen. Die Tage gehen so in Fetzen vorbei, ohne richtige, echte Struktur. Ich finde es übrigens sehr toll, dass das mit der Geld-Auszahlung so schnell geklappt hat. Ich habe keins beantragt, weil ich zurzeit noch etwas verdiene (auch wenn viele Kurse gerade brachliegen). Man hat ja glaube ich noch bis Ende April. Sollte es bis dahin schwierig werden oder Sachen wegbrechen, kann ich es immer noch machen.
    Danke übrigens für’s Verlinken! 😉

    • Lydia

      Ja, das hab ich auch gedacht. Aber es kann sehr schnell bergab gehen. Hol Dir das Geld lieber. Das ist für Leute wie uns.

  2. Elke Eisert

    Liebe Lydia,
    Dein Texte spricht mir (wie deine Texte so oft) direkt aus der Seele! Danke!
    Grüße aus Freiburg von Elli

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