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ABC des Missmanagements: B wie Bewerbung (Teil 1)

ABC Bewerbung
Als ich selbst noch der irrigen Annahme war, im nächsten Job könnte endlich alles besser werden, habe ich doch tatsächlich nach Jobs gesucht. Und Stellenanzeigen gelesen. Großer Fehler! Bzw. nein! Genau, was ich brauchte, um von dieser bekloppten Idee wieder abzukommen. Denn Stellenanzeigen sind der Abtörner schlechthin.

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal eine Anzeige gesehen habe, wo es mir in den Fingern gekribbelt hat: Mensch, super, das klingt spannend! Da bewerb ich mich gleich mal. Stattdessen sehe ich nur „belastbar“ und habe schon keine Lust mehr. Da will mich jemand belasten? Nö, danke…
Außerdem geizen die Arbeitgeber mit Informationen. Nur das Nötigste! Schließlich soll der potenzielle Arbeitnehmer bei uns einen Großteil seiner Lebenszeit verbringen – da wollen wir ihn doch nicht mit Details verwirren. Viele Unternehmen scheitern schon daran, in 2-3 Sätzen zu erklären, was sie eigentlich machen.
Zum Beispiel:
„We empower app developers to execute smart ad monetization strategies across all connected devices through a unified mobile Supply-Side Platform.“
Gerade bei den vielen Startups in Berlin wird ganz viel empowert und enablet und exekutiert (vielleicht sollte ich meine Firma umbenennen in „Triple E: Empowering, Enabling, Executing“). Alle verkaufen nur noch Lösungen und Erfahrungen. Aber was zur Hölle macht Ihr?
Da gibt es den „Frühphasen-Investor und Company Builder im Bereich digitale Technologien.“ Besser?
Dann folgt in der Regel eine laaaange Liste von Aufgaben, die dem glücklichen Gewinner der Bewerbungslotterie bevorstehen. Einmal fand ich eine Anzeige für eine Stelle, in der gleich vier Jobs versteckt waren: PR, Marketing, Fundraising und Lobbying. 4 in 1! Natürlich zum Preis von einer. Und natürlich stand der Preis nicht drin.
Ich kann das nicht genug kritisieren. Es ist in Deutschland ein riesiges Tabu, Gehälter in die Anzeigen reinzuschreiben. In anderen Ländern und bei vielen NGOs ist das schon lange üblich. Und eine angenehme Form der Transparenz – für beide Seiten. Als Bewerberin kann ich mir überlegen, ob ich mich für das Geld überhaupt bewerben möchte – oder umgekehrt, ob die Stelle vielleicht eine Nummer zu groß ist für mich. Oder eben genau richtig. Da sortiert sich auch für den Arbeitgeber schon früh die Spreu vom Weizen. Das erspart also beiden viel Arbeit.
Außerdem fehlen in den meisten Anzeigen die Angaben, wo die Position im Unternehmen angesiedelt ist und wie groß das Team ist. Ist ja nicht ganz unwichtig zu wissen, ob ich den Job allein, mit zwei Praktikanten oder einem 15-köpfigen Team von Profis stemmen soll… Wie oft habe ich schon nachtelefoniert, um den Unternehmen diese wichtigen Infos aus der Nase zu ziehen?
OK, weiter im Text. Es werden dann eine ganze Menge Qualifikationen aufgeführt, die der Bewerber mitbringen soll. Am besten soll er alles schon können. Den exakt gleichen Job schon zehn Jahre bei der Konkurrenz gemacht haben. Also ein Klon seines Vorgängers sein. (Hallo, diversity?)
Mindestens auf Englisch muss er verhandlungssicher parlieren können – auch die letzte Pommesbude hält sich für internäschnäl. Und ein Hochschulstudium ist mittlerweile sogar bei vielen Assistenzjobs Voraussetzung. Wie sagte eine Freundin: „Wenn ich das alles könnte, was in der Anzeige drinsteht, würde ich mich nicht als Assistentin bewerben – sondern als Geschäftsführerin!“
Sven Franke vom Projekt AUGENHÖHEwege meinte letztens zu mir, dass der angebliche Fachkräftemangel in Deutschland auf unrealistische Erwartungen der Arbeitgeber zurückzuführen ist. Das kann ich nur unterschreiben. Die eierlegende Wollmichsau (oder der kommunikationsstarke, teamorientierte, multilinguale Jurist mit BWL-Studium und Ingenieursdiplom) wird gesucht – und nicht gefunden. Also Fachkräftemangel!
Zurück zur Stellenanzeige: Am Ende steht oft ein ziemlich trauriger Absatz, in dem das Unternehmen bekanntgibt, was es im Gegenzug dem Bewerber anzubieten hat.
Zum Beispiel so:
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Wahnsinn! Oder so:
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Manche Firma hat sogar etwas anzubieten, was kaum jemand hat: Das supadupa-Produkt! Das Knaller-Produkt! Der Champion unter den Produkten!
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Bei Startups heißt es dann oft, es wäre alles sehr aufregend. Tolles Team, tolle Projekte. Ein modern ausgestatteter Arbeitsplatz. (Ernsthaft?! Im Jahr 2015? Was heißt das denn heutzutage? iphone und MacBook Air? Klimaanlage?) Von flachen Hierarchien ist die Rede, kurzen Entscheidungswegen und Gestaltungsspielraum. (OK, immerhin. Wenn’s denn stimmt.) Und von einer inspirierenden Umgebung. Aha.
Von sowas lässt sich vielleicht ein Anfänger beeindrucken. Ich sage nur: „Free drinks, fruits and cereals, office parties, team events, BBQs, kicker & table tennis.“ Ich denke mir das nicht aus, Freunde! 😀 Um es mal ganz deutlich zu sagen: Das sind alles Dinge, die den Arbeitgeber (fast) nichts kosten. Oder die selbstverständlich sind.
Was ich gerne lesen würde? Unternehmen, die sowas hier zu bieten haben: eine wertschätzende, mitarbeiterorientierte Unternehmenskultur, regelmäßige Fortbildungen (auch mal über den eigenen Tellerrand hinaus), Bildungsurlaub, work-life-balance (und zwar konkret: flexible Arbeitszeiten, Homeoffice, Sabbatical, Teilzeit), ein warmes Mittagessen – mein persönlicher Favorit 🙂 , eine betriebliche Altersvorsorge, ein Betriebskindergarten oder ganz verrückt eine Mitarbeiterbeteiligung – oder wenigstens vermögenswirksame Leistungen…
Aber OK. Nehmen wir mal an, ich lasse mich von einem dieser ziemlich unattraktiven Stellenangebote dazu hinreißen, eine Bewerbung losschicken zu wollen. Da trifft mich der Schlag: „Bitte nutzen Sie unser Online-Bewerbungsportal.“
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Ist ja schön, wenn so ein Bewerbungsportal für das UNTERNEHMEN praktisch ist. (Was ich aus eigener Erfahrung leider nicht bestätigen kann. Das Bewerbungsportal meines Ex-Arbeitgebers funktionierte schlecht und sah auch nicht gut aus. Wie überhaupt alle HR-Software. Im nächsten Leben werde ich übrigens Herstellerin von HR-Software. Scheint eine Riesenmarktlücke zu sein.) Für den Bewerber jedenfalls ist es der Horror.
Denn sein fertiger, schick designter Lebenslauf muss jetzt per Hand in eine Maske mit gefühlt 347 Eingabefenstern und komischen Drop-down-Menüs („Wo ist die Schweiz, wo ist die Schweiz? Ach so, unter CH. Wie blöd von mir, unter S zu suchen.“) eingegeben werden. Das kostet mindestens eine Stunde. Pro Bewerbung. Außerdem funktioniert jedes dieser Portale völlig anders. Und oft auch gar nicht.
Ich habe einmal mittendrin aufgegeben und dem (nun nicht mehr) potenziellen Arbeitgeber eine genervte Nachricht geschickt, dass es ja wohl nicht so prall für das Image eines Technologie-Unternehmens ist, wenn schon das Online-Bewerbungsportal versagt.
So wird das aber auch nix mit der Festanstellung. 😛
Fakt ist: In Deutschland ist der Bewerber (noch) Bittsteller, dem man ein paar armselige Brocken hinwirft, auf die er sich bitteschön mit großer Begeisterung zu stürzen hat. Aber dazu demnächst mehr in Teil 2. Dann schreibe ich über das ziemlich perverse Thema Bewerbungsgespräch. Ich freu mich drauf. 😉

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9 Kommentare

  1. […] Stellenanzeigen wird heutzutage gern die eierlegende Wollmilchsau gesucht. Habe ich im ABC des Missmanagements: Bewerbung schon beschrieben. So war es auch bei dem Kinderfernsehkanal, bei dem eine BÜRONYMUS-Leserin […]

  2. […] es gibt auch ein Gegenargument: Aus Unternehmenssicht und angesichts des Fachkräftemangels (wenn es ihn denn gibt) ist es ziemlich blöd, auf die besten Leute zu verzichten. Tja. In der Tat ein Dilemma. Eines, dem […]

  3. […] angesichts der überzogenen Anforderungen vieler Arbeitgeber. Da braucht man sich nur mal ein paar Stellenanzeigen durchzulesen – schon fragt man sich, wo es solche Übermenschen eigentlich […]

  4. […] Hm, also erst neulich berichtete mir eine Freundin (38), dass sie im Bewerbungsgespräch nach dem Kinderwunsch gefragt wurde. Ganz direkt. Verbotenerweise. Von der Inhaberin einer total hippen, sympathischen, familiären Agentur. Aber klar, Frauen bilden sich das ein. Und von allem, was mir Freunde und Büronymus-Leser so erzählen, ist das fortschrittliche Bewerbungsverfahren eher die absolute Ausnahme. […]

  5. Katharina

    Heute erst gelesen – Bei einer Beratungsfirma wurde ein „Diplom-Sicherheitsingenieur“ gesucht mit einem wissenschaftlichen Hochschulstudium der Psychologie …
    Den Satz von dir, dass ein Bewerber bei etlichen Firmen eigentlich denselben Job schon zehn Jahr bei der Konkurrenz gemacht haben soll, kann ich nur unterschreiben. So geht es mir momentan mit der Jobsuche – Frust ohne Ende. Vorher beim HORG gearbeitet, nur Dilettanten am Werk, die mit Angst und Manipulation regieren … und jetzt selbst gekündigt und überqualifiziert für die einen Jobs und „nicht genug“ qualifiziert für die anderen (siehe oben … solche eben).
    Traurige Arbeitswelt.
    Ich lese den Blog sehr gern. Könnte fast jeden Beitrag unterschreiben. Geht mir in vielen Dingen genauso, selbst was die bisherige Karriere anbelangt.
    Danke, dass du so deutliche Worte findest für das, was viele nicht aussprechen können, wollen oder dürfen. Oder sich nicht trauen.

  6. Ich könnte es so kopieren und bei mir einfügen.

    An dem „Fachkräftemangel“ scheint sich immer noch nichts getan zu haben, auch wenn dein Artikel nun schon drei Jahre alt ist. Bei guter Qualifizierung und langjähriger Berufserfahrung kommt für nichts rum, außer: Sie können dies nicht und jenes nicht usw.

    Ich hatte mal gelesen, dass man einen echten Fachkräftemangel daran erkennt, dass 1. auch Randgruppen (z. B. ältere oder nicht ganz so hoch qualifizierte) einen Job haben und 2. die Löhne massiv steigen müssten. Bei uns sank das Lohnniveau aber immer wieder, somit kann es diesen Mangel gar nicht geben.

    • Lydia

      Das ist interessant. Die Frage hab ich mir auch schon oft gestellt, warum nicht Älteren die Bude eingerannt wird und z. B. Pflegeberufe besser bezahlt werden. Mittlerweile könnte ich noch einen weiteren Beitrag darüber schreiben, wie Menschen, die die Höchstanforderungen für eine Ausbildung nicht erfüllen (z. B. Flüchtling ohne Schulabschluss), aber talentiert, hochmotiviert und lernstark sind, durchs Raster fallen. Da gibt es null Bereitschaft für Entgegenkommen. Alles muss perfekt den deutschen Standards entsprechen, so wie Dálcia es ja in ihrem Interview auch geschildert hatte. (Auch Chris Pyak hat hier einige schlaue Dinge dazu gesagt.) Jemanden dahin zu bringen, wo man ihn (oder sie) haben will – dafür gibt es null Bereitschaft. Von interkulturellem Verständnis ganz zu schweigen. Deshalb könnt ich jedesmal kotzen, wenn ich lese, dass z. B. Pfleger dringend gesucht werden. So dringend kann es ja nicht sein. Das erinnert mich ein bisschen an den Brexit: Die Briten haben nicht kapiert, dass sie keine Imperialmacht mehr sind. Und die deutschen Unternehmen haben noch nicht kapiert, dass sie am kürzeren Ende des Hebels sitzen. ?

  7. Sven

    Ich habe vor kurzem erfahren für die Erstellung einer Stellenanzeige gibt es eine DIN-Norm. Die Frau, die das auf Twitter postete und ich ihr schrieb, dass ich jetzt wüsste, warum die Stellenanzeigen so langweilig wären, schrieb mir zurück, dass sie mich nicht verstehen würde.

    Ich habe 2015 mich für Stellen in Belgien, in Flandern interessiert. Dort läuft es ganz anders. Das ungefähre Gehalt wird genannt (zu 99 %), es gibt viele Extras. Also richtige Extras wie Essensgutscheine, Krankenhaus-Unterbringungsvergünstigungen, Fahrradverleih oder Fahrradrepaturservice oder Kostenerstattungen bei Fahrradreparturen und je größer die Firma, desto mehr gibt es. Das Gehalt ist vergleichsweise niedrig, aber durch die ganzen Vergünstigungen übersteigt es dem deutschen Gehalt.

    Ich stelle fest, es gibt Firmen, da bekomme ich kein Bein rein. Egal was ich auch anstelle, ich habe Null Chancen. Oder ich sollte vielleicht auch so konsequent sein, wie bei der Inderin.

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