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Sugar-Coating: Fake-Unternehmenskulturen erkennen

Früher war alles einfacher. Da gab es Unternehmen mit hohem Arschloch-Faktor. Jeder kannte das Hafischbecken, dessen Chef in der ganzen Branche als Choleriker verschrien war. Es war klar: Wer sich dort einen Job antut, weiß, worauf er oder sie sich einlässt.

Es ist einfach, wenn die Mistigkeit einer Unternehmenskultur nach außen abstrahlt. So wie bei dem großen Autohaus, in dessen Kundenrestaurant ich eine Zeitlang Mittag machte. Die Autoverkäufer (alle männlich) schlichen mit durchgedrücktem Rücken in ihren besten Anzügen zwischen den Fahrzeugen umher: Sie waren auf Kundenfang. Da sie anscheinend hohe Provisionen bekamen, war einer des anderen Wolf.

Es war ekelhaft zu beobachten, wie sie sich gegenseitig passiv-aggressiv angingen. Ein Wolfsrudel, wie es im Buche steht, eine Marktkultur in Reinform, in der der Vertragsabschluss alle Mittel heiligte.

Neuer Trend: Sugar-Coating

Solche eindeutigen Arschloch-Unternehmen findet man immer seltener. Das könnte eine gute Nachricht sein, wenn nicht die Verbesserungen allenfalls oberflächlich wären. Eine mittelmäßige oder üble Unternehmenskultur wird mit einer dünnen Schicht Zuckerguss überzogen, noch ne goldene Nuss oben drauf 🙂 – und voilà: Plötzlich wird man in den Stellenanzeigen eines stockkonservativen deutschen Konzerns locker-flockig geduzt.

Oder man schaue sich an, wie cool sich die Bundeswehr verkauft. Trotzdem springen 10 Prozent der Freiwilligen wieder ab – komisch…

Wir sind geil – und du so?

Alle sind plötzlich megainnovativ und agil, schreiben sich flache Hierarchien zu,  sind voll das klasse Team und bieten extrem spannende Aufgaben und super Entwicklungmöglichkeiten.

Ich verstehe nicht, was das soll. Klar, eine gewisses Maß an Sugar-Coating gehört zur Werbung dazu – wenn aber die Lücke zwischen Image und Wirklichkeit so extrem ist, kann das doch nur unangenehme und teure Folgen haben. Denn spätestens nach der Einstellung wird klar, dass hinter der ach-so-coolen Stellenanzeige nichts als heiße Luft steckt:

Das große Missverständnis: Employer Branding

Zu verdanken haben wir diese Entwicklung dem Employer Branding. Eigentlich ist das eine Riesenchance für Unternehmen, sich so zu verändern, dass sie für Bewerber attraktiver sind: „Wir sind ein totaler Chaotenladen und langsam spricht sich das rum – da müssen wir ran.“

Leider wird das Konzept oft missverstanden als: „Wir müssen unsere Fehler und Misstände übertünchen und nach außen glänzen, egal, wie sehr es innen rottet und stinkt.“

Das führt dann zu solchen Verirrungen, unter denen Bewerber leiden müssen. Um meinen Eindruck, dass es sich beim Sugar-Coating um einen Trend handelt, zu prüfen und natürlich um herauszufinden, wie man Sugar-Coating in Unternehmen erkennt, habe ich auf einem Meet-up des intrinsify-Netzwerks eine Session zu diesem Thema angeboten. Ich habe hier mal zusammengefasst:*

Sugar-Coating erkennen

Wie kannst du dich also davor schützen, bei Bewerbungen in diese Falle zu tappen?

  • Achte auf die äußeren Anzeichen, die ich in den Bewerbungstipps schon beschrieben habe. (Damals bin ich noch davon ausgegangen, dass man an diesen Äußerlichkeiten alles ablesen kann. Da bin ich jetzt schon einen großen Schritt weiter. 😉 )
  • Wie sieht das Gebäude aus? Architektur spricht. Ich habe mal in einem Büro gearbeitet, dass einen großen Lichthof besaß. Das Büro hatte sozusagen ein Loch in der Mitte. (Auch das Logo der Firma war übrigens ein Loch.) Diese Leere sollte sich später auf ganz ungute Weise bewahrheiten… Oder aber wenn Mitarbeiter sich finanzamtmäßig in ihren Einzelbüros verschanzen – dann dürfte es mit Teamarbeit und Transparenz schwierig sein.
  • Hierarchie: Hat der Chef einen eigenen Parkplatz und sitzt bei Meetings selbstverständlich an der Kopfseite des Tisches? Widerspricht ihm mal jemand? Steht die Führung eigentlich für die postulierten Werte ein? (s. Fehlerkultur)
  • Monologe: Je höher der Redeanteil eines einzelnen Teammitglieds, desto erfolgloser ist das Team, hat Google herausgefunden. Kein Wunder, wenn niemand anderes zu Wort kommt. Ich hatte mal ein Bewerbungsgespräch, das komplett vom Geschäftsführer bestritten wurde. Ich bekam den Job. 😀 Es war die Firma mit dem Loch.
  • Offensichtliche Fakes: Mehrere Teilnehmer berichteten von Kickertischen, die kaputt waren oder nicht benutzt werden durften. In einem Fall kam sogar die Chefin vorbei und nahm den spielenden Mitarbeitern den Ball weg. 😀 Nach dem Motto: „Wir sind doch nicht zum Spaß hier.“ Auch wenn überall Parolen herumhängen wie zu guten alten DDR-Zeiten („Wir leben Kreativität“), dürfte etwas faul sein. Wer Kreativität wirklich lebt, dem fällt sicher etwas Besseres ein, das kreativ auszudrücken.
  • Unterschiedliches Verständnis von Begriffen: Für den einen bedeutet Teamwork, gemeinsam an einer Aufgabe zu arbeiten. Für die andere, etwas komplett fertigzustellen und zu übergeben. Gilt ganz besonders für Modebegriffe wie Agilität, New Work usw.
  • Recruiter als Verkäufer: Eine der Anwesenden war selbst als Recruiterin tätig und gab zu, gerade bei begehrten Fachkräften auch mal zu viel zu versprechen. „Homeoffice, klar, kein Problem!“ Andere Teilnehmer berichteten, genau das schon erlebt zu haben: falsche Versprechungen, die dann nicht eingehalten wurden oder deren Einhaltung immer wieder vertagt wurde. (Ein schönes Beispiel ist auch das niedrigere Einstiegsgehalt, das dann in sechs Monaten erhöht werden soll.) Lass dir so etwas schriftlich geben, sprich: lass es im Arbeitsvertrag festhalten.
  • Stimmung unter den Kollegen: Mit welchem Gesicht gehen die Leute rein und raus? Versuche, mit den potenziellen Kollegen ins Gespräch zu kommen. Stell ihnen – wenn möglich – konkrete Fragen: Warum arbeiten Sie hier? Was muss man hier tun, um erfolgreich zu sein oder gekündigt zu werden? Wenn dir Unstimmigkeiten, persönliche Animositäten oder gar passiv-aggressives Verhalten unter den Geschäftsführern oder Kollegen auffallen sollte (und sie es nicht mal für die Dauer eines Gesprächs schaffen, darüber hinwegzusehen), dann gärt es in diesem Unternehmen aber…
  • Schönreden: Mehrere Session-Teilnehmer berichteten, dass der Fokus auf einen positiven Aspekt oft verdächtig ist. Wenn alle die tolle Teamarbeit über den grünen Klee loben, kann es sein, dass damit der Gestank eines anderen Problems überdeckt werden soll. In diesen Fällen war es ein problematischer Chef, gegen den alle zusammenhielten, um zu überleben. Daher das „tolle Team“.
  • Fehlerkultur: Eine der Teilnehmerinnen berichtete, dass sie kurz davor war, ihre Unterschrift unter den neuen Arbeitsvertrag für eine Führungsposition zu setzen. Sie sollte da alles umkrempeln und ganz viel Gestaltungsspielraum und Handlungsfreiheit bekommen. Vorher gab es aber noch ein persönliches Treffen mit dem Oberhäuptling der Firma. Man sprach über das Thema Fehlerkultur. Und der Oberhäuptling ergoss sich in einem zehnminütigen Rant darüber, dass nicht er, sondern sein Vorgänger Schuld an der schlechten Fehlerkultur im Unternehmen sei. Dieser Versager, hehe! 😀 Tja, Fehlerkultur voll verstanden. Die Kandidatin lehnte den Job ab.

Und nun zur anderen Seite der Medaille. Denn nicht nur das Unternehmen ist beteiligt, wenn Bewerber, Kunden und Dienstleister auf sein Sugar-Coating hereinfallen. Vielleicht hast auch du blinde Flecken?

Kenne deine Trigger

  • Falsche Verführer: Vielleicht magst du die Marke oder die Produkte so gern? Oder du bist einfach beeindruckt von der Internationalität des Konzerns? Vielleicht erinnert dich die Chefin an deine beste Freundin? Oder dir wird etwas versprochen, worauf du schon lange gewartet hast? (Aufstieg, Status, Titel, Dienstwagen, fettes Gehalt, Ruhm, ein Job im Ausland, tolle Kollegen, ein Lieblingsaufgabengebiet, ein kurzer Arbeitsweg, Homeoffice, Betriebskita usw.) Kenne deine Trigger! Sie können dich dazu verleiten, dir einen ansonsten mittelprächtigen Job schönzureden, Negatives auszublenden und dein Bauchgefühl (s. u.) zu ignorieren. Mach dir klar, was dir wirklich wichtig ist und wäge ab, welchen Preis du bereit bist, dafür zu zahlen.
  • Manipulation: Schmeichelei („Auf jemanden wie Sie haben wir schon lange gewartet“), Appelieren ans Corporate Helfersyndrom („Unser Unternehmen braucht Sie, wir packen es nicht allein.“) und natürlich plumpe Bestechung mit den oben genannten Verführern – lass dich nicht manipulieren.
  • Im falschen Teich fischen: Wenn dir Werte wichtig sind, bist du bei einem Rüstungskonzern falsch. Wenn du kreativ sein willst, solltest Du dir nicht unbedingt einen Job in der Buchhaltung suchen. (Obwohl… 😉 ) Wenn du Teamarbeit liebst, bist du als Einzelkämpferin im falschen Job usw. Und wenn du ein Problem mit Autoritäten und Hierarchien hast, solltest du mal über Selbstständigkeit nachdenken. 🙂
  • Bauchgefühl: Hör drauf! Wenn dir etwas komisch vorkommt, du es aber nicht benennen kannst, dann sage ab. Der Bauch hat so gut wie immer Recht und du ersparst dir wahrscheinlich eine Menge Ärger.

PS: Ich weiß schon, dass das kein Zuckerguss auf dem Foto ist. Aber ich fand die vergoldete Nuss so schön sinnbildlich.

*Die Berichte der Session-Teilnehmer wurden verfremdet und zusammengefasst, um zu verhindern, dass Personen  eindeutig identifizierbar sind.

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6 Kommentare

  1. Vielen Dank, Lydia!

    Vor allem für: „Architektur spricht“ … die lässt sich auch nicht so einfach wegargumentieren. 😉

  2. Meine Erfahrung mit falschen Verführern habe ich gerade gemacht und kann dir zu 100% zustimmen 😉

    Über die Architektur muss ich noch mal genauer sinnieren. Die meisten Gebäude, in denen ich bisher gearbeitet hatte, waren alt und oft für das Unternehmen gar nicht richtig ausgelegt. Interessanter Ansatz 🙂

    • Lydia

      Deine Erfahrungen haben mich übrigens auch inspiriert. Danke. 👊🏽 Für mich war die Idee, dass es außer Geld noch weitere individuelle Trigger gibt, eine ganz neue Sichtweise, die von jemandem aus der Session kam. Das muss unbedingt in mein Buch rein. 🤓

  3. Klasse – Danke für die ungeschminkte Wahrheit, wie Konzerne um die „Fachkräfte“ heutzutage buhlen. Marketing 😉

    Viele Grüße,
    TOm

  4. Jörg Wellenkötter

    Cooler Beitrag, wusste garnicht das es bei uns damals einen Lichthof gab:-))

    • Lydia

      Das war ne andere Firma. 😉

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