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Ausbruch aus dem Gedankengefängnis

Seit dreieinhalb Jahren arbeite ich allein. Das ist cool. Endlich mal konzentriert arbeiten! Und diese ganze blöde Abstimmerei fällt weg. Dazu das Homeoffice: der extrem kurze Arbeitsweg (Bett -> Schreibtisch) und die Herrlichkeit, im Winter in Jogginghose und Schlabberpulli, im Sommer halbnackt arbeiten zu können. Oder vom Pool aus, ich trau’s mich kaum zu sagen. 😛 Aber dieses einsame Arbeiten kann auch zum Gedankengefängnis werden.

Neulich habe ich mich mal aus meinem Schneckenhaus herausgewagt (war beim AugenhöheCamp in Hamburg) und stellte fest: So ein bisschen Kollaboration ist auch nicht zu verachten. 🙂

Mir ist nämlich etwas passiert, was man wohl Horizonterweiterung nennt. Ich hatte zwei Themen als Sessions angeboten, mit denen ich mich schon länger beschäftige und von denen ich dachte, dass ich sie schon gründlich in meinem Hirn (und Bauch) hin- und hergewälzt hätte. Überraschung! Die Barcamp-Teilnehmer haben mir gezeigt, dass ich Scheuklappen trage.

In der ersten Session ging es um das etwas philosophische Thema „Natur und Arbeit“. Dabei sah ich Pflanzen vor meinem geistigen Auge. Natur = Pflanzen. Ja, komisch, hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass ich momentan viel im Garten arbeite. Und mir dabei Gedanken darüber mache, wie perfekt und imperfekt die Natur gleichzeitig ist. Wie alles miteinander zusammenhängt und funktioniert, selbst wenn es nicht funktioniert. Und wie alles immer weitergeht.

Als während der Diskussion die ersten Beispiele über Arbeitsteilung bei Bienen und Erdmännchen (letztere praktizieren wohl eine job rotation: „Heute bewache ich mal den Bau und du passt auf die Kinder auf!“) gebracht wurden, war ich total überrascht. Ich hatte Tiere komplett ausgeblendet.

Erdmännchen not amused
Wie bidde?

Ähnlich lief es bei meiner zweiten Session. Seit langem, bestimmt seit zwei Jahren, spiele ich mit der Idee, eine Art interaktive Ausstellung über neue und alte Arbeit zu entwickeln, wo Menschen erfahren können, wie unterschiedlich Arbeit sich anfühlen kann. Der Punkt ist ja: Man muss es erleben, ausprobieren können. Ich hatte also schon mit mir selbst gebrainstormt, wie so eine Ausstellung aussehen könnte: Stationen, Exponate, Experimente.

Und dann kam eine Teilnehmerin der Session auf die Idee, doch eine modulare, mobile Ausstellung daraus zu machen. Sodass Unternehmen sich diesen Erfahrungsraum ins Haus holen und selbst Schwerpunkte setzen können. Genial! Ein völlig neuer Blickwinkel. Ich bin nicht draufgekommen.

Das Augenhöhe Camp hat mir wieder mal gezeigt: Jede von uns hockt irgendwie in ihrem Gedankengefängnis. Und allein ist es verdammt schwer, da rauszukommen.

Einigen anderen Teilnehmern ging es nicht anders. Die Kaffeepausen sind ja oft das Beste an solchen Veranstaltungen, daraus entstand ja auch die Idee der Barcamps bzw. Open Spaces. In einer solchen Pause beschrieb mir jemand Szenen aus einem Konzernalltag, die selbst ich nicht mehr für möglich gehalten hätte – und ich hab schon viele krasse Storys gehört. Ein Konzern, in dem die Arbeitskleidung farblich nach Hierarchie gekennzeichnet ist. WTF?! Sowas gibt’s noch? (Und nein, es war nicht die Bundeswehr.)

Das erinnert mich an meine Kollegin Abteilungsleiterin, die ihre Teammitglieder zu Ostern mit Schokohasen in unterschiedlicher Größe beglückte – schön nach Hierarchie gestaffelt. Wie Ihr Euch vorstellen könnt, war die Freude groß…

Naja, und diese Person fand – nach soundsoviel Jahren in ihrer farbkodierten HORG –, dass sie da jetzt doch was bewegen kann. Na klar. Ich hab dann wieder meinen Spruch gebracht – nicht nur, weil es ein guter Spruch ist, sondern weil ich es selbst genau so erlebt habe:

Nicht du änderst das System – das System ändert dich.

Erinnerungen an DDR-Zeiten kamen bei mir hoch. Wie wir Jugendlichen damals (so mit 17, 18 Jahren) langsam anfingen, kritisch zu denken. Ganz vorsichtig. Wir waren schon fast soweit, den Sozialismus ein bisschen reformieren zu wollen. Aber wir konnten nur innerhalb des Systems denken: Also, wie können wir das System besser machen, hier an einem Schräubchen drehen, da ein bisschen was umstricken? Das System an sich zu hinterfragen oder gar zu stürzen, war undenkbar. Die Revolution fiel aus.

So war es bei diesen Barcamp-Teilnehmern auch: Sie konnten sich ein radikal anderes Arbeiten einfach nicht vorstellen. (Dabei haben laut Wissenschaft radikale Veränderungen die größeren Erfolgschancen, wie wir bei The Org Project entdeckt haben.) Oder als radikalste Maßnahme die Kündigung einreichen, einfach aus Selbstachtung und Selbstfürsorge und weil man keinen Bock hat, dass Kollegen nach Farben sortiert werden.

Na ja, vielleicht hat das AugenhöheCamp ein bisschen an den Gitterstäben ihres Gedankengefängnisses gesägt. Denn Barcamps sind viel mehr, als sie scheinen – wie ich hier schon mal geschrieben habe.

Photo Window by Michael Jasmund on Unsplash, Photo Meerkat by Søren Astrup Jørgensen on Unsplash

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2 Kommentare

  1. Hallo Lydia,

    überraschenderweise habe ich es dann doch mal auf die Pole-Position der Kommentare geschafft.
    Und das gleich mit meinem Herzensthema.

    Was Du da in Hamburg erlebt hast ist ein kleiner Vorgeschmack auf das, was ich so gern statuiere:
    „Greatness starts beyond #EgoBarrier.“

    Der Trick dabei ist, die eigene Begrenztheit zu erkennen und anzuerkennen.
    Durch die Verbindung mit anderen und durch das gleichzeitige Blicken aus unterschiedlichen Winkeln lässt sich „das Ganze“ besser erfassen. Die Wahrscheinlichkeit, daneben zu liegen, wird verringert.
    Den zugrunde liegenden Effekt nenne ich
    „Diversity of Equals“ bzw. „Vielfalt der Gleichen“
    Es ist die Praxisanwendung der Belbin-Blume.

    Apropos Praxis.
    Magst Du uns ein paar Deiner HORG-Erfahrungen zur Verfügung stellen?
    Tobias und ich laden ein, eine Parallelwelt zum (internationalen) Konzernalltag zu erschaffen:
    https://commodus.org/aoc
    Dein Inkognito-Kumpel „Low Performer“ ist selbstverständlich auch willkommen, ein paar pikante Details von „Chefin“ einfließen zu lassen.

  2. Interessant, dass du die Natur auch als perfekt imperfekt beschreibst. Ein Gedanke, der mich auch seit einiger Zeit bei Menschen beschäftigt und dass das vielleicht gerade in der heutigen Zeit mir auch bei uns als ein erstrebenswerter Zustand erscheint. Habe nun auch mein „Side-Business” so benannt und mag Menschen dabei unterstützen, vielleicht auch damit zufrieden zu sein.
    Vielen Dank an der Stelle mal auch für deine vielen Anregungen.

    Liebe Grüße, Jens.

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