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Gefühllos durch den Arbeitstag

Trotz einer blöden Restgrippe hatte ich mich am Wochenende zum Wevent in Berlin geschleppt, einer Veranstaltung des intrinsify-Netzwerks. Das sind lauter sympathische, schlaue Menschen, denen aufgefallen ist, dass die Arbeitswelt nicht so bleiben kann, wie sie ist. Geht mir ja genauso, weshalb ich mich dort auch ziemlich zu Hause fühle.
Wie ich ja hier schon mal angedeutet hatte, sind viele Leute dort in ihrem Denken sogar viel weiter oder radikaler als ich. Ich merke einfach, wie „das System“, also die HORG, mich geprägt hat. Das bleibt nicht aus nach so vielen Jahren. (Oder, wie es ein Teilnehmer ausdrückte: „Dann wird man zynisch wie Lydia.“ Das weise ich übrigens weit von mir. Ich bin nicht zynisch – nur pessimistisch. Aber das mit Leidenschaft. 🙂 )

Immerhin bin ich jetzt lange genug raus aus der Zentrale des Wahnsinns, als dass ich zusammenzucke, wenn ich von anderen Teilnehmern Phrasen höre wie „Betroffene zu Beteiligten machen“. *grusel*
Nachdem ich also den ersten Tag des Events halbkomatös in der Ecke hing, konnten mich am Sonntag einige Themen sogar ziemlich in Wallung bringen. Das erste: mein Lieblingsthema Emotionen. In der Session zu wertschätzender Kommunikation* berichtete ein Teilnehmer (nennen wir ihn Herbert, Geschäftsführer, Mitte 50, aus Norddeutschland) von einem schwierigen Mitarbeiter. Der sei so emotional.
Defacto war dieser Angestellte wohl Choleriker und ging regelmäßig bei Kleinigkeiten in die Luft. Das alles in einem relativ kleinen Betrieb mit etwa einem Dutzend Mitarbeitern. Kann ich mir schon vorstellen, dass das anstrengend ist. Während wir also nach Ideen suchten, wie man wertschätzend mit diesem Mitarbeiter weiterkommen könnte, wurde immer deutlicher, was Chef Herbert mit dem Wort „emotional“ verband. Auf jeden Fall nichts Gutes.
Irgendwann sprach er es selbst aus: „Emotion ist Schwäche. Kinder sind schwach. Kinder müssen erzogen werden.“ Wowowow!“ entfuhr es mir. „Dreimal Nein!“, hätte ich am liebsten Dieter-Bohlen-mäßig gerufen. Aber das wär ja nicht wertschätzend gewesen. 😉
Wir anderen Teilnehmer haben dann unsere Positionen kurz dargelegt. Leider war zu wenig Zeit, um das auszudiskutieren. („Herbert“, wenn Du Dich hier erkennst, melde Dich bitte bei mir! Ich hab ganz viele Fragen…) Deshalb nun hier: Emotion ist Schwäche? „In Deutschland schon“, warf ein Holländer ein. Ganz genau.
Im Land der kühlen Blonden
„In Deutschland lernen die Kinder als erstes, ihre Emotionen zu kontrollieren,“ sagt eine mit einem Deutschen verheiratete Italienerin in dem herrlichen Film „La deutsche Vita“* über Italiener in Berlin. Erhellend, wenn einem Mitglieder eines anderen Kulturkreises den Spiegel vorhalten. „Sei doch nicht so laut!“, „Schrei hier nicht rum!“, „Hör auf zu weinen!“, „Das tut doch gar nicht weh!“, „Spring nicht!“, „Nerv nicht!“, „Sitz still!“ – das waren die Botschaften, die man zu meiner Zeit als Kind zu hören bekam. Den ganzen Tag.
Selbstausdruck war (jedenfalls damals) nicht angesagt. Und ist es auch heute nicht – zumindest nicht in der Arbeitswelt. Dabei kann es so befreiend sein, es einfach mal rauszulassen. Vielleicht könnte man in Betrieben neben dem Chill-Out-Room (gute Sache, da saß ich so manches Mal, um mich innerlich wieder zusammenzusetzen) auch einen Freak-Out-Room schaffen. Frustabbau direkt vor Ort – ich wette, das wird ein Renner. 😉
rage computer
Oder einen Chakka-Room. Es wird doch viel zu wenig gefeiert, wenn etwas gelungen ist. Sich ab und zu mal treffen, alles zusammentragen, was toll gelaufen ist und sich dann gegenseitig loben und feiern. (Und ich rede nicht von Sauforgien…)
Cheezburger excited nice applause screaming
Aber ich schweife ab.
Emotion ist also Schwäche? Nur, wenn man sich ihr völlig ergibt und sie einen handlungsunfähig macht. Ansonsten ist sie ein Signalgeber, ein Kompass und weist darauf hin, wenn etwas nicht stimmt oder bestimmte Punkte in einem selbst getriggert werden. Zum Beispiel eigene Wertvorstellungen. Ich halte es für eine Illusion, dass man völlig emotionslos (oder auch leidenschaftslos) an etwas herangehen kann. Es sei denn, man ist Soziopath. Wir sind doch Menschen, keine Roboter.
Und jeder von uns hat seine Erlebnisse und Prägungen, die ihn zu dem Menschen machen, der er ist. Und wo Menschen miteinander kommunizieren, kommt es zwangsläufig zu Kollisionen und dem berühmten „Knöpfchendrücken“ beim Gegenüber. Weil man eben nicht weiß, wo beim anderen die Knöpfchen sitzen.
Das Spiel mit der Maske
Kinder sind schwach? Kinder mit ihren unschuldigen, ehrlichen, klaren Gefühlen sind uns Erwachsenen oft überlegen. Sie tragen keine Maske. Zumindest so lange nicht, bis sie von uns lernen, wie das mit der Maske funktioniert. Alexander Maier, Geschäftsführer eines Unternehmes von Saint Gobain und in diesem Film zu erleben, berichtete in einer anderen Wevent-Session darüber, wie er eine Wende innerhalb seines Führungsteams einleitete:

Wir mussten die Masken fallen lassen und unsere Verletzlichkeit zeigen, um eine tiefe Vertrauensebene aufzubauen.

Uaaa! Ich wette, bei diesem Teamtreffen wurden jede Menge Emotionen freigelegt. Und das ist auch gut so. Auch wenn es vielleicht manchmal schwer auszuhalten ist. Ich glaube, das ist der richtige Weg. (Aber ich verstehe auch, wenn jemand den nicht gehen will. Oder nicht im beruflichen Kontext.)
Kinder müssen erzogen werden? Hm, also ich bin gerade sehr damit beschäftigt, das, was man Erziehung nennt, bei mir wieder rückgängig zu machen. Und ich schätze, eine Menge Therapeuten lebt sehr gut davon, anderen dabei zu helfen.
Natürlich ist Herberts Einstellung auch eine Generationenfrage. Helmut Schmidt ist für mich ein klassisches Beispiel dafür, wie man früher mit Emotionen (vor allem als Mann und Norddeutscher) umgegangen ist: Man hat sie ignoriert. Auch dafür gibt es sicherlich gute Gründe – vor allem, wenn man im Krieg war.
Aber ich habe selbst erfahren, was es mit mir und anderen macht, wenn Gefühle ignoriert oder gar weggedrückt werden. Deshalb plädiere ich dafür, Emotionen anzunehmen und zu integrieren, bei sich selbst und anderen. Auch im Job. Das ist manchmal anstrengend – letztlich ist aber genau das die ultimative Wertschätzung:  den ganzen Menschen zu schätzen, einschließlich seiner Emotionen.
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*An dieser Stelle eine Anmerkung aus meiner Sicht als Frau des Wortes: Ich mag das Konzept der gewaltfreien Kommunikation (GfK) nach Marshall Rosenberg. Sie regt dazu an, die eigene Sprache (und damit das eigene Denken und Verhalten) zu reflektieren und achtsamer mit dem Gegenüber umzugehen. Lupenrein angewendet finde ich GfK aber genauso gruselig wie Business Bullshit. Ist mir zu wischiwaschi; es wird zu viel um den heißen Brei herumgeredet. Manchmal kann man vor lauter Rücksicht auf die Bedürfnisse aller Beteiligten gar keine klaren Positionen mehr erkennen. Oder man schläft vor Langeweile ein während der „Auseinandersetzung“.
Wobei: Es wird sich ja kaum noch auseinandergesetzt im Geschäftsalltag. Vielmehr heißt es: „Wir setzen uns mal zusammen.“ Merkt Ihr was? 😉 Jedenfalls habe ich die Erfahrung gemacht, dass eine klare Ansage wie „Den Text schreibst du bitte noch mal mit eingeschaltetem Hirn“ irgendwo auch wertschätzend sein kann. (Nach dem Motto: „Solange sie dich kritisieren, bist du ihnen wichtig.“) Und sie kann auch dankbar angenommen werden. Wenn sie im richtigen Moment kommt und ein Vertrauensverhältnis besteht. Auch hier kommt es auf das richtige Maß an.
*Support your local dealer! Kauf Bücher am besten bei der Buchhändlerin um die Ecke.

12 Kommentare

  1. Hat dies auf rebloggt und kommentierte:
    „Emotion ist also Schwäche? Nur, wenn man sich ihr völlig ergibt und sie einen handlungsunfähig macht. Ansonsten ist sie ein Signalgeber, ein Kompass und weist darauf hin, wenn etwas nicht stimmt oder bestimmte Punkte in einem selbst getriggert werden. Zum Beispiel eigene Wertvorstellungen.“
    Toller Beitrag zur Frage, ob Emotionen etwas in der Arbeitswelt verloren haben!

  2. Liebe Büronymus, ein schöner Artikel. Habe ihn bei Hendrik Epen gefunden, in seinem Kontext etwas kommentiert. Hier mein Zitat dazu:
    „Lieber Hendrik, ein schönes Thema. Wie bitte sollte ich denn meine Arbeit in der Sozialpsychiatrie gut machen, ohne Emotionen? Spannend ist nur, dass Emotionen in meinen Arbeitsprozessen gerne „genommen“ werden, es aber schwieriger wird, wenn man emotional für sein Profi-Sein und dazugehörige Wertvorstellungen eintritt. Dann wird es tricky und kosten möglicherweise einige Supervisions-, eigene Coaching oder gar Therapiestunden. Hochleitungsteams werden da manchmal als „Emos“ betitelt…“

    • Jaaaaa, Emotionen werden „gerne genommen“ (ich mag den Ausdruck), wenn sie sich kommerzialieren lassen. Schau mal hier: Oder auch, wenn sie zur Produktivitätssteigerung beitragen könnten. Dann ist die Leidenschaft, die einem vorher als spinnert angerechnet wurde, plötzlich wieder gefragt. Aber bitte nur im engen Rahmen der aktuellen Chakka-Kampagne. 😉

  3. Hm, als erstes möchte ich wissen was emotionlos bedeutet. Heißt das, man hat keine oder zeigt keine Gefühle? Japanische Beherrschung Geist vs Seele?
    Grundsätzlich muss jeder ersteinmal erkennen und akzeptieren, das Gefühle nicht nur ein Spiegel der Seele sind, sondern alle Entscheidungen die ein Mensch täglich zu treffen hat, nur oberflächlich aus dem Verstand heraus trifft. In Wahrheit treffen alle Entscheidungen aus Ihrem Gefühl – aus dem Bauch – heraus. Sprich unserer inneres Wesen, ist nicht nur emotional, sondern gerade deswegen der wahre Intellekt. Und dieser trifft Entscheidungen. Freilich ist es auch eine Entscheidung das anerzogene, das Gesellschaftsbild, die Umgangsformen, das Lachen und Weinen zu leben, zu zeigen oder eben nicht.
    Dummerweise probieren es die Menschen meist nicht einmal aus. Die Gruppe Extrabreit sang in den 80er Jahren >>warum muss ich jeden Tag Geisterbahn fahren, überall Graugesichter<<. Gemeint war die tägliche Fahrt mit der Straßenbahn. Müde Gesichter allenthalben…entziehen sich gegenseitig am Morgen die Energie.
    Und das ist einer der Knackpunkte. Alle haschen nach Energie und Anerkennung (letzteres auch eine Interpretation der Liebe). Der oben erwähnte Choleriker verucht durch seine Anfälle möglichst viel Energie zu bekommen. Und in dem die Kollegen Angst unbewußt Angst davor haben, bekommt er seine Energie. Nur hält solche Art der Energie schlechterdings nicht lange an.
    Ich bin nun auch kein Apostel, aber so manchen Tag den ich regelmäßig im Auto sitze und mich mit den Mitmenschen geduldig durchstaue", denke ich daran und lächele Männlein wie Weiblein in anderen Fahrzeugen freundlich an. Das Rücklächeln kommt zu 100 % jedes mal. Nun, zumindest in diesem kleinen Bereich lässt sich beweisen wie Emotional wir sind. Geben und Nehmen der Energie in gleichem Maße, ausgeglichen also, ist das wonach zu streben ist. Dann gibt es nur noch Choleriker, deren Anfall kaum 10 Sekunden anhalten kann.
    Wir sprechen letztenendes vom Wandel der Gesellschaften. Ob in Deutschland, Italien oder der Türkei. Je mehr Menschen an den Wandlungsprozessen beteiligt sind und vor allem sich dem bewußt sind, desto eher kommt der Wandel.
    Um den Bogen zurück in die Firmen zu spannen: Erst wenn die Gesellschaft selbst das erkennt, erst dann wird es in die Firmenphilosopie aufgenommen. Das funktioniert, seht euch mal viele der neuen kleinen Firmen an. Ihr da in Berlin, habt genügend davon. Da herrscht ein ganz anderer Geist. Und ich behaupte, in wenigen Jahren, wenn diese jungen Player ihre Firmen langsam gößer machen und neue Menschen eintreten, diese werden nicht um jeden Preis die Menschlichkeit opfern.
    Für die Pessimisten: Ich bin der Optimist, der ein Glas, welches nicht mehr halb voll ist, einfach nachschenkt bis eben randvoll ist.

    • Ich denke, der Kopf ist nicht ganz unwichtig. Aber ich stimme Dir zu: Der Bauch hat immer das letzte Wort. 😉

  4. Hallo.
    Beschäftige mich auch seit einiger Zeit mit dem Thema Burnout, deren Ursachen und Wege sie zu bekämpfen. Top Blog von dir…. Daumen hoch.
    Liebe Grüße
    Thomas P.

    • Danke. 😊 Schreibe auch gerade ein Buch darüber…

      • Du befasst dich da ja sehr intensiv mit dem Thema. Ich halt durch meine kleinen Erfahrungen und auch mal die ein oder andere Erfahrung aus dem privaten Kreis. Drücke dir die Daumen und wünsche viel Erfolg

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